Das Bild ist bunt


Viele Befunde muss man nicht ändern, sondern nur mit anderen Augen sehen. Nach herrschender Auffassung folgen orthopädische Beschwerden gern dem mechanischen Körperbild von einem Bewegungsapparat, dessen Gelenke nach Kräften von Muskeln geführt werden. Welche jedoch, neben altersbedingtem Verschleiß, im modernen Lebensstil mit mangelhaften oder monotonen Bewegungen ziemlich schwach oder überlastet seien. Tatsächlich arbeiten Muskeln zum Teil langsam,  logisch, bewusst, rückkoppelnd und berechnend, wenn man will und nicht gerade schläft, erschöpft, verwirrt oder verzogen ist.

Andererseits verkörpert sich schnell  mancher Schrecken im Muskelskelett, selbsttätig, reflexartig, unwillkürlich, unbewusst und unbeobachtet. Dann werden Muskeln nicht schwach, sondern verstört: die einen erregt und die anderen gehemmt. Natürlich zieht jeder Fehltritt das Gelenk aus seiner Position, aber auch zahlreiche Stressoren, diverse Immunantworten, entgleiste Hormone, verdeckte Entzündungen, feinste Partikel, fremde Eindringlinge, linke Bazillen, olle Kamellen, steile Zähne, geronnene Geschichten, ewige Sorgen, heiße Luft, kalter Zug, zuviel Druck oder Irrtum von oben, bzw. Schwierigkeiten mit der Spannung darüber schmerzfrei umzugehen, können verwirren und reflexartige Schutzreaktionen  im Muskelskelett in Gang setzen, übernormal verstärken, in nächste Zonen verbreiten und chronisch unterhalten. 

Sogar für Fachleute die ihr Handwerk fachübergreifend verstehen, ist es schwierig, den motorisch-sensorischen Bewegungskonflikt von vegetativ-reflektorischen Schutzmechanismen am Muskel-Faszien-Gerüst zu trennen. Denn lautlos, aber mit beiden Armen des vegetativen Nervensystems gut vernetzt, versucht der gesamte Organismus ständig, Störungen im Fließgleichgewicht der Funktionen zu vermitteln und durch gegenläufige Reaktionen bestmöglichst auszugleichen. Oft entsteht ein spürbarer Bewegungsverlust als Ausdruck vergeblicher Bemühungen. Rückenblockaden, Gelenksteife, Muskelmüdigkeit und Gewebebarrieren, die sich in Ruhe einfach nicht gut anfühlen, sind unzertrennlich mit reizenden Lebensgeschichten verbunden. Davon gibt es so viele, wie es Augenblicke gibt.

Gefangen in unserer nervigen Fähigkeit zu Erregung und Hemmung, führt das Muskelskelett gern ein sinnloses Eigenleben. Viele Gelenke sind tatsächlich nicht mehr so frei beweglich wie zuvor, aber noch völlig intakt. Nur durch erregte Nerven, gehemmte Muskeln, feine Entzündungen, saures Milieu, gedrosselte Blutzufuhr und falsche Vorstellungen episodisch verspannt,  asymmetrisch verzogen,  vielschichtig verklebt  und letztlich fibrös versteift
Dem gesamten Bindegewebsgerüst werden wichtige Aufgaben, sowohl für die motorische Bewegung im Raum, als auch für die vorsorglich sichernde Schonstellung nach Schadreizen zugeschrieben.
Drei Barrieren sind bei der Untersuchung von Gelenken zu unterscheiden:
Die anatomische Barriere  ist ein Widerstand, bis zu dem ein Gelenk passiv  gedreht werden kann. Zum Beispiel kann der Arzt mit etwas Mühe den Kopf nach jeder Seite um 90 ° rotieren. Bis dahin sind alle möglichen Bewegungsrichtungen frei. Weniger Rotation weist auf strukturelle Veränderungen oder Schäden hin. Drehversuche darüber hinaus lösen Reaktionen von Bändern, Kapseln oder Knochen aus.
Die strukturelle Barriere  ist der Widerstand, bis zu dem man altersentsprechend selbst aktiv  sein Gelenk bewegen kann. Zum Beispiel kann jeder seinen Kopf selbst mühelos um 80° nach rechts und links rotieren. Nach altersbedingten, degenerativen Veränderungen oder Schäden der Segmente gelingt diese Rotation entsprechend weniger. Das verminderte Gelenkspiel hat keine freie Richtung mehr und ist nicht zu erweitern (irreversibel ). Gelenkentzünd findet innerhalb der Gelenkkapsel statt und der Reizzustand ist abhängig vom Immunverhalten. Der Schmerz ist örtlich provozierbar.
Die funktionelle Barriere  ist derjenige Widerstand, der episodisch noch vor der strukturellen Barriere reflexartig auftritt und die freie Bewegung nach einer Seite behindert. Zum Beispiel mag jemand die vollständige Drehung des Nackens nach rechts mühelos erreichen. Manchmal ist es nur möglich, den Kopf nur bis 60 ° nach links zu drehen, weil die Rotation auf eine krankhafte Schonfunktion links trifft. Das Gelenkspiel ist zwar ebenfalls eingeschränkt, aber noch in mindestens einer Richtung frei. Diese Dysfunktion kann Ursache ( vom geschädigten Gelenk ausgehend ) oder Folge  ( Gewebestörung zum Gelenk hin ) sein. Diese dysfunktionelle Störung ist selbsttätig oder mit Behandlung auflösbar ( reversibel ), neigt jedoch zu Chronifizierung, menbranöser Entzündung und fibröser Verhärtung. Der Schmerzzustand ist lokal meist an den Sehnenansätzen, oft ausstrahlend und vom vegetativen Nervensystem beeinflusst.

Die Frage ob der anormale Widerstand struktureller Natur ist, beantworten Röntgenbilder und Schichtaufnahmen. Die Sicherheit, dass eine heilbare Funktionsstörung vorliegt, ertastet das geschulte Gewebegefühl. Allerdings gehen zahlreiche Krankheiten mit einem gestörten Stoffwechsel einher, lösen eine Kaskade entzündlicher Zellreaktionen aus und sind letztendlich an den Ecken und Kanten schmerzhaft. Zudem beschäftigen alltägliche Ereignisse, instinktive Triebe und jede Überlast, mit stressigem Durchhalten oder ängstlicher Vermeidung verknüpft, dauernd unsere Abwehrmechanismen. Damit dient das Muskelskelett nicht als Basis, sondern trägt alles, was wir unterwegs am eigenen Leibe erleben, vernetzt mit sich herum. Die verkörperte Erfahrung verpasst uns mit der Zeit die Form.
Aus dieser Einsicht findet alles, was Menschen sonst noch so in ihrer Einheit aus Nervenkostüm, Hormonorchester und Immunabwehr mit Selbstbewusstsein betreiben, seine Ausdrucksform im Muskelskelett. Dort, wo der Zufall stark wirkt und entzündliche Gewebestörungen erscheinen, die von Abwehrmechanismen in Gang gesetzt und durch autonome Nerven unterhalten werden. Man muss sich von sich so einiges gefallen lassen.

Aber auch von den Rechten der Anderen. So ist es Brauchtum der Funktionäre, Leitlinien zu erfinden. Funktionsstörungen als diagnostisch krankhaft und symptomatisch klar abgrenzbare Einheit zu erklären, ist nicht einfach, aber funktionell sind Störungen immer dann, wenn sie räumlich nicht  Ausdruck einer Schädigung von Gelenken, Segmenten, Organen, Muskeln oder Nerven, aber zeitlich schon  auf dem Weg dahin sind. 
Der Begriff „ myofasciale Dysfunktion „ wurde von den Fachgesellschaften, welche sich mit den Beschwerden am Muskelskelett befassen ( Neurologen, Chirurgen, Orthopäden, Rheumatologen, Psychologen ), vor einigen Jahren in den Leitlinien zur Behandlung spezifischer  sowie unspezifischer  Beschwerden an der Wirbelsäule eingeführt (www.register.awmf.org ), nachdem dort schon strukturelle Defekte, wie neurologische Nervenschäden, degenerative Gelenkschäden, verengende Wirbelsegment-Schäden, rheumatische Immunschäden und angeborene Fehlstellungen mit den jeweiligen Therapieoptionen rezeptiert wurden.
Und nachdem die amerikanische osteopathische Medizin die schmerzhaften Funktionsstörungen am Muskelskelett  bereits traditionell als „somatische Dysfunktion“ bezeichnet hatten, wenn kein Schaden erkennbar, aber das Gewebe fühlbar empfindlich, asymmetrisch verzogen, restrikt und entzündlich verändert erschien. 
Und es auch hierzulande langsam dämmerte, dass die bindegewebigen Hüllen der Muskeln und Organe kein träges Gewebe, sondern das körpereigene Fasziennetz  wahrscheinlich unser reichhaltigstes Sinnesorgan mit mehreren hundert Millionen feinster Nervenenden ist. Und spürbar mit dem vegetativen Nervensystem  und dessen Regulation des Blutstroms sowie mit dem Immunsystem  und dessen Dosierung von Entzündungsreaktionen, im permanenen Austausch von Informationen  über den Zustand des Milieus steht.
Und weil die Idee, dass nicht nur das Gehirn, sondern auch der gesamte Organismus sich ständig umformen, im Einklang steht mit dem Konzept der Homöostase  und der Plastizität. Womit unser Vermögen, das innere Gleichgewicht trotz wechselnder äusserer Bedingungen aufrecht zu erhalten sowie die Fähigkeit, aus Erfahrung zu lernen und Muster zu speichern, gemeint ist.
Das tiefe Verständnis der nervös bedingten Gewebeentzündung, der Zellregeneration  und der hormonellen Regulation  hat die Diagnose und Therapie von muskuloskelettalen Beschwerden enorm verändert. Auch der Prozess der Anpassung  an äussere Reize und Umweltbedingungen ist akzeptiert und als eine komplexe Funktion zu deuten, welche die körperlich-geistige Einheit mitsamt seiner Umwelt verändert. Viele Ärzte von heute erkennen das Muskelskelett in seiner Geschichte an und sind mit Worten und Geräten nicht mehr sofort da, wo es weh tut ( Davos-Technik), sondern greifen dort ein, wo es hakt.  
Aber: Funktionsstörungen sind schwer zu verstehen, denn wir sind Ursachen gewohnt, möchten Lösungen haben und nicht Teil des Problems sein.

 

Doch, Schmerz  ist eine Funktion des gesamten Menschen und damit traditionell zweigeteilt: zum einen ein biophysikalischer Vorgang, zum anderen ein unangenehmes Gefühl.
Fragt man die Nachbarn nach ihrer Gesundheit, nehmen sie sich Zeit, blicken nachdenklich zurück oder vorsorglich zum Himmel. Denn Gesundheit merkt man erst, wenn sie fehlt. Von hundert Leuten dagegen, die man mit der Spritze piekst, geben hundert sofort an: das tut weh. Das Gefühl ist dem Bewusstsein längst bekannt. Nur seine Bewertung ist unscharf: was für manche bereits unerträglich ist, nehmen andere aushaltbar so hin. Wir gehen nämlich zum Arzt, weil uns unangenehm zumute ist und nicht, weil uns ein materiell-energetischer Reiz auf die Nerven geht.

In der hirnorganischen Grundlagenforschung sind die biologischen Pfade der Sinnesempfindungen bereits hinreichend geklärt. Bekanntlich empfindet der Mensch keine Organe, Gewebe, Zellen, Moleküle, Atome  oder deren elektromagnetische Schwingungen und Massen, sondern nur Töne, Gerüche, Farben, Geschmack sowie Berührung, Druck und Schmerz. Da diese Sinneserfahrungen in der physikalischen Welt gar nicht vorkommen, braucht es biologische Reiz-Verarbeitungs-Systeme, die jede Art von Signalaktivität peripher erfassen und das Ergebnis nach zentral zur Bewertung transportieren. Der Ablauf der Empfindungsbildung benötigt physikalische Reize aus der Umwelt oder dem Körper selbst, welche als elektromagnetische Welle, mechanischer Druck oder chemische Substanz einwirken. Trifft solcher Reiz auf Sinneszellen mit Rezeptoren , die genau auf diesen Reiz spezialisiert sind, passiert eine Umwandlung von Druck, Zug, Schall, Licht, Kälte, Hitze oder Chemie in ein elektrisches Entladungsmuster ( Transduktion ). Den nächsten Schritt nennt man Transformation, wobei das Potential der Sensationen an andere Nervenzellen gleicher Baureihe überführt wird. Auf weiteren Stationen in der Einfahrt zum Gehirn findet die Vorverarbeitung über breit aufgestellte Nervenzellen ( Interneurone ) statt. Im Rückenmark werden die aus weiteren Organgeweben einlaufenden Signale gefiltert, konvergiert, integriert, summiert und je nach Bedarf, Laune und Kontrast verstärkt oder rückkoppelnd gehemmt. Aufsteigend und erst nach den Passagen durch das Stammhirn und Rundreise durch die Unterwelt der lymbischen Areale, die zuständig sind für die ewige Suche nach Befriedigung von Lust oder Unlust, für die Panik vor Verlust, für die Angst vor Bedrohung und eigenem Versagen, für die ärgerliche Wut, den roten Zorn und weiteren furchtbaren Mustern, wird die Endverarbeitung in jeweils unterschiedlichen neuronalen Netzwerken vorgenommen. Bis die bis dahin unbemerkt rauschende Sinnesflut auf intelligente Weise in das schwierige Problem der Erklärung eintaucht: der Bewusstwerdung.

Das meiste von dem, was draussen so vorgeht und drinnen verschaltet wird, nehmen wir unbewusst auf. Wahrnehmen, Lernen, Erinnern und Deuten sind keine ureigenen bewussten Funktionen des Gehirns. Alles Verhalten braucht seine Zeit. Die geistigen und seelischen Aufgaben dazu können ohne Anstrengung unbewusst erledigt werden. Das spart Zeit und Mühe, denn der rare Vorrat an Aufmerksamkeit ist rasch erschöpft. Wir können einfach besser durch den Tag kommen, wenn der übliche und unbedrohte Alltagsaustausch in unserem persönlichen Erlebnisraum schnell und in grosser Menge unbewusst erledigt wird.
Unterwegs ist alles, was man nicht fühlt, kein Gefühl. Wenn das Gefühl nicht so wichtig für das Überleben sei, so die preisgekrönte Erkenntnis, hätte die Evolution sich dieses lästigen Aufwandes schon längst entledigt.
Manche meinen deshalb, die Neurobiologen könnten gar nicht erklären, wie  Bewusstsein  entsteht und eine gefühlte Erfahrung ( unangenehm ) oder ein phänomenaler Empfindungsmoment ( stechend ) ausgelöst wird. Es hat nämlich noch nie jemand gesehen, wie ein physikalischer Reiz, als chemischer Botenstoff verkleidet, in das Seelenleben hüpft und von dort wieder zurückspringt.
Trotzdem meinen andere, auch das Bewusstsein des Bewussthabers müsse irgendwo in seinen neuronalen Netzwerken repräsentiert oder zumindest korreliert sein. Weil unsere Freuden und Leiden, unsere Wünsche, Ziele und Erinnerungen, der freie Wille und der Sinn für die eigene Identität, ja unser gesamtes psychisches Geschehen, zwangsläufig auf der Aktivität der Moleküle und dem Zittern und Zappeln ihrer Atome in einem Haufen von Nervenzellen beruhe. 
Diese erstaunliche Reduktion  riss die Berufs-Philosophen von ihren Lehrstühlen: Mythos Determinismus! Das Ich ist nicht das Gehirn! titelten ihre Bücher an der Gesprächsfront mit den Lehrmeinungen der kognitiven Neurowissenschaft. 
Das gute alte Leib-Seele-Problem betrifft aber nur die Beziehung  zwischen Körper und Geist, heute Gehirn und Bewusstsein genannt: ob das tatsächlich zwei verschiedene Substanzen wären, oder nur zwei Aspekte derselben Substanz oder bloss Parallelveranstaltungen sind oder ob wir nur Denkschwierigkeiten haben, beide als Einheit zu begreifen. Denn wie kann man dem Nachbarn erklären, wie es ist,  einen stechenden Schmerz am Rücken, in das Bein oder sonstwo zu empfinden. Jeder Gedanke und jedes Gefühl ist subjektiv und grundsätzlich mit einer Perspektive verbunden, nämlich der des Betroffenen. Schon deshalb bleiben Gefühle, Gedanken und sogar die Worte daraus, bei uns selbst und lassen sich nicht aus dritter Perspektive beobachten und damit objektivieren, auch wenn alle direkt daneben stehen. Sogar perfekte Beobachter mit high-end Expertise, den teuersten Apparaten und bester Laune konstruieren Ereignisse aus ihrem spezifischen Blickwinkel, je nach Plan ihrer verfügbaren Geräte. Es gibt keinen Blick von nirgendwo.
Weil wir allenfalls Ausschnitte von einer unendlichen Vielfalt beobachten können, zerbrösele sogar das objektive Naturbild zwischen den Fingern. Der Wahrheitsgehalt eines Bildes ist folglich immer auch ein subjektiver Sachverhalt, dessen Bedeutung jeder selbst auslegen kann.
Wer trotzdem das Feuern der Nervenzellen auf Gefühle zurückführe oder umgekehrt, wer die Gefühle auf das Feuern von Nervenzellen reduziere, lässt entweder das Subjektive oder das Objektive aus. Obwohl es bei diesem Rätsel genau um die mustergültige Entstehung ( Emergenz ) von Schmerzerleben ( phänomenales  Bewusstsein ) zu Gewebedysfunktion ( Nozizeption ) geht oder umgekehrt, ob aus ungünstig erlebter Dysfunktion eine Schmerzerkrankung entsteht.

So bleibt es nach wie vor ungeklärt, wie ein nicht-materieller geistiger Vorgang, zum Beispiel ein aufregender Gedanke, der ohne Ausdehnung in Zeit und Raum, also ohne physische Existenz herumgeistert, Einfluss nehmen kann auf etwas materiell Fassbares, wie dem Gehirn, den Geweben, den Zellen und den Molekülen, ohne dabei die fundamentalen Naturgesetze der Physik von der Erhaltung der Masse und Energie ausser Kraft zu setzen.
Mit naturwissenschaftlichen Erklärungen lässt sich die Beziehung jedenfalls nicht begründen. Ihre analytisch-synthetischen Methoden greifen einfach zu kurz und scheitern letztendlich im Ursache-Wirkungs-Schema an der Zeit. Demnach können wir nicht beides haben: eine geschlossene materiell-energetische Welt, in der die physikalischen Naturgesetze die Atome oder Zellen zwangsläufig, also deterministisch bestimmen, wo es lang geht: sei es nun vor und zurück oder hin und her. Und gleichzeitig einen physikalischen Zeitpfeil, der nur eine Richtung kennt: nach vorn. Wo Wirkung eine Funktion der Ursache ist, die sich durch mathematische Gleichung beschreiben lässt, einem absoluten Raum, wo Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig herrschen. Wo trotzdem die Ursache der Wirkung zeitlich vorausgehen muss. Wie man es auch drehen oder wenden will, es gibt die nicht-umkehrbaren, irreversiblen Vorgänge in der Natur. Die Entropie, also der Grad der Unordnung ( auch Mass der Information genannt ), nimmt in dem geschlossenen System der materiellen Körper (zunächst gleichgültig ob lebendig oder tot ), grundsätzlich zu und niemals ab. Funktionierende Körper sind sogar offen und nehmen für ihre Lebenszeit ständig Stoffe auf und geben sie entwertet wieder ab. Das passiert uns, anders als den Maschinen mit Treibstoffen oder Strom, durch jeden Sonnenstrahl, bei jeder Mahlzeit, jedem Atemzug und in jeder Beziehung. Nichts beeindruckt uns mehr als der, mit dem wir es gerade zu tun haben.

Geistige Beweggründe sind anders verknüpft, als physische Vorgänge, deshalb können Störungen im Erleben erst recht nicht mit den Begriffen der Biologie, Chemie oder Physik erklärt werden. Obwohl wir von Antrieb und Kraft überzeugt werden, ausgebrannt sind, weil wir auf Hochtouren laufen und die Batterien aufladen müssen, damit wir wieder funktionieren.
In der fachlichen Erklärung sprechen Psychologen eine andere Sprache, haben andere Kategorien und Begriffe, um sich deutlich von den Physiologen zu trennen, und umgekehrt.
Oft sind wir gefangen von Worten, die einen attraktiven Zwang ausüben und zu Trugbildern führen, die das vernünftige Urteil ersetzen. Gern lassen wir uns täuschen und halten Vorgänge, wenn wir sie nur wiederholt aufeinander folgen sehen, für Ursachen und Wirkungen. Dieses Problem der menschlichen Natur ist lange bekannt. Keine Wolke gleicht der nächsten, beide sind nicht miteinander verknüpft, sondern nur lose verbunden. Für den Stress, den der Körper mit seinem Inhaber hat, fehlen noch die Worte. 
Für Leute von heute  geht nach wie vor die Sonne im Osten auf und im Westen wieder unter, weil es gestern  genauso war und es morgen  wieder so sein wird und es immer so war. Obwohl wir von den Geräten genau wissen, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. 
Weil hier bei uns, in der Stadt am Strom, der Sonnenaufgang am 11. Mai 2024 um 04.25 Uhr  in 57 Grad Nordost stattfindet, in Rom um 05:53 Uhr in NO, in Los Angeles um 05:54 Uhr Ost, aber 9 Stunden später, und in Peking um 05:03 Uhr NO schon 6 Stunden früher. Die  Sonne erscheint für jeden auf der Erde relativ  zu seinem Ort zu anderen Zeit. Es gibt keinen absoluten Raum, der nicht durch Masse gekrümmt wird und alle Erscheinungen gegen diese Schwerkraft in Bewegung hält. Im Flugzeug ticken die Uhren sogar etwas langsamer oder schneller, je Höhe und Fluggerät. Wer das nicht glaubt, kann selbst nachmessen, wenn man sich eine Atomuhr leisten kann und damit durch den Zoll kommt.

Im Gegensatz  zu den Apparaten  verhalten wir uns vernünftig und unbeobachtet zugleich. Niemand kann bei uns hineinsehen, sondern nur unsere Reaktionen und Symptome registrieren und manche Grimassen an der Oberfläche spiegeln. Der Reizverkehr zwischen lebendigen Zellen bleibt ebenso verborgen wie mit Gewalt, Streben, Vermögen, Trieb oder Kraft aus Stoffen neue Formen entstehen und solche Informationen, welche die Moleküle und Ionen untereinander austauschen, damit alles rechtzeitig, zweckmässig, nachhaltig und genderspezifisch passiert. Unsere Synapsen, Verästelungen und neuronalen Netzwerke sind frei von neugierigen Blicken, offen für Neues und reagieren selbsttätig auf das jeweilige Milieu, Stimmungen und sonstige Signale, einerlei ob der Stoffwechel mit dem molekularen Geschehen oder mit den Lebensumwelten befasst ist.

Das deutsche Wesen denkt tief, kommt trüb wieder hoch und hat wichtige Mitteilungen zu machen: wo Vernunft herrscht, ist Würde nicht weit. Auch die, die versuchen bis unendlich zu zählen und die Physik nicht von der kausalen Geschlossenheit befreien, kommen früher oder später ohne moralische Anschauungsformen und Eigenschaften des gesunden Menschenverstandes nicht aus. Würde ist unantastbar, steht gleich am Anfang aller Gesetze und ist als grundgesetzter Artikel mindestens soviel wert wie ein Laborwert.
Obwohl die Methode der Wissenschaft vor allem mit der geteilten Weltsicht des französischen Lebemannes, Mathematikers und Philosophen Descartes insoweit verinnerlicht war, als dass der Geist vom Körper zu trennen und die Welt in kleinste Teile zu teilen sei, solange es angeht. Wer immer noch meint " ich denke, also bin ich ", ist sich seiner selbst zu gewiss. Für die Entwicklung des Ichs braucht es neben Zeit auch eine räumliche Struktur. Die eigene Existenz könne jedoch nicht gewisser sein, als der eigene Körper, der ebenfalls Zeit braucht, um da zu sein.  
Nun gerät der so Aufgeklärte ins Staunen und sieht sein geschlossenes erneut Weltbild wanken, wenn kleinste Teilchen im Kreis, bis auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, aufeinander zurasen und beim Aufprall keine kleineren Splitter, sondern mindestens gleich grosse Teilchen entstehen. Das Unteilbare ist geschehen, denn nicht das kleinste Teilchen ist gefunden, sondern übrig blieb nur die Idee vom Unteilbaren, dem Atomos. Es bleibt noch bei dem Höhlengleichnis des alten, weissen Mannes:  
zu der Wirklichkeit haben wir keinen direkten Zugang. Wir haben nur Gedanken, eine Vorstellung, eine Deutung davon. Im elementarsten Fall nur eine Information über die  unscharfe Beziehung der Teilchen: habe ich seinen Ort, kenne ich seine Geschwindigkeit nicht und umgekehrt: habe ich den Impuls, ist der Ort weg. Ditt oder datt, ja oder nein, heisst die einfache Alternative, die Masseinheit für diese Information ist das Bit. 
Eine Wirklichkeit ohne Information darüber macht vielleicht keinen Sinn. Sobald ich jedoch die Information darüber habe, dass ein Messergebnis existiert, habe ich die Wirklichkeit erfasst. Folglich geht die Information der Wirklichkeit voraus oder wir können zwischen Realität und Information nicht wirklich unterscheiden. Allerdings verhält sich die Wirklichkeit in grosser Skala unseres Alltagmobiliars anders als in der winzig kleinen des subatomaren Raumes.
Trotzdem: die Physik legt es vor und wir leben es nach: die physische Welt ist offen und kann sich, gefühlt, gedanklich und zufällig, also theoretisch, in alle Richtungen bewegen. Praktisch ist alles möglich und vieles wahrscheinlich. Von diesem Weltbild der Körper müssen wir heutzutage wohl ausgehen. Die Biologie ist keine zweite Physik. Die belebte Natur funktioniert einfach nicht so, wie eine physikochemische Maschine, obwohl alles so ähnlich erscheint. Wir haben zwar ebenfalls Struktur, aber unsere kleinste Grundeinheiten sind keine Atome, sondern Zellen. Selbstähnliche Teilchen, deren Moleküle unentwegt zu beuer Form streben, zu einem Fliessgleichgewicht von starrer Ordnung, was man formal Homöostase nennt. Unsere Organe unterhalten sich selbsttätig, auch ohne den Zeitpfeil von draussen. Gereizte Systeme flüstern über alle Grenzen hinweg ihre Informationen in einer geheimen Sprache. Das Standardmodell nennt sich Evolution und enthält das molekulare Dogma der Biologie. Unterhalb der Zellebene gibt es kein selbsttätiges Leben. Daher gab es auch keine Urzeugung, vergleichbar mit dem Urknall der Physik. Sogar ein Gen im Zellkern ist  nicht, ein Gen wird : durch Umweltbedingungen, epigenetische Mechanismen und Interaktionen mit anderen Genen. 

 

 

Wie dem auch sei, es gibt eine Verbindung  zwischen Körper und Geist, die in beide Richtungen geht. Im myofascialen Alltag geht es darum, dass Gedanken, Gefühle und Bedeutung körperliche Schutzmechanismen über die Rückensegmente auslösen und im Muskelskelett eingewebt auf das Verhalten zurückwirken. Während früher gedacht wurde, es gäbe so eine Art Bedeutungszentrum für Worte und Gefühle im Gehirn, glaubt man heute eher, dass sensorische Wahrnehmung und motorische Körperbewegung durch rückkoppelnde Schleifen miteinander verbunden sind. Alles Verhalten, der gesamte Reizverkehr, der mit Angst oder Bedrohung, Suche nach Belohnung, Furcht vor eigenem Versagen oder Panik vor Verlust zu tun hat, wird vom Hypothalmus, dem Zentralorgan unser biopsychosozialen Krisen, vorsorgend reguliert.
In diesen Gegenverkehr zwischen body and mind  kann man bremend oder beschleunigend eingreifen, indem man die Anfangsbedingungen ändert und sich Situationen aussetzt, wo die Dinge von allein ablaufen. Schon die genaue Beschreibung des Bewegungskonflikts führt meist wie von selbst zu seiner Lösung.

Auch ein Lob nützt nichts, ohne die Ausschüttung von Hormonen. Die Entdeckung der Hormone  brachte Körper und Geist wieder zusammen, indem sie zeigte, dass eine geistige Erfahrung wie Stress direkt körperlich messbare Auswirkungen hat. Physische und psychische Spannungen sind Stressoren, die zu einem Spektrum an Reaktionen führen, deren genaue Kontrolle wesentlich zur Erhaltung von Gesundheit des Organismus ist. Die Hauptrolle spielt die sog. Stressachse ( Hypothalamus-Hypophyse-Nebennierenrinde ), deren Aktivierung zur Ausschüttung des Stress-Hormons Cortisol  führt.
Da wir mangels Fressfeinde eigentlich keinen Stress haben, sondern nur glauben, Stress zu haben, könnte es doch sein, dass eine nozizeptive Schmerzreaktion erst dann entsteht und seine Wirklichkeit erlangt, wenn ein Mensch sich selbst als geschädigt oder zumindest bedroht erlebt. Denn wie kann es sein, dass manche Menschen ohne einen messbaren Defekt an der Wirbelsäule, an den Knochen, Muskeln, Nerven und Gelenken chronische, nicht beherrschbare Kreuzschmerzen haben, während bei anderen, mit einem deutlich sichtbaren Defekt, dieser keine nenneswerten Schmerzen nach sich zieht. Wenn aber nichts defekt ist, hat der Schmerz seine Warnfunktion verloren und erscheint sinnlos. Man spricht dann, im eigentlichen Sinn, von Funktionsstörungen. Bei diesen sogenannten myofascialen Dysfunktionen finden wir zwar vielfältige nervöse, humorale, biochemische und auch mechanische Erregungsmuster im segmentalen Gewebe, die aber auf dieser Ebene, ohne Kenntnis der übergeordneten Funktion in ihrer pychologischen Bedeutung, also ihrem Sinn, nicht zu verstehen sind.
Wenn dabei die Gefühlswelt, so die vermittelnde Ansicht, nicht von so enormer Bedeutung für das Überleben wäre, hätte sich die Evolution sich dieses lästigen Aufwandes schon längst entledigt. Wie jeder Allerweltsgedanke, entsteht auch dieser preisgekrönte Satz, dessen wir auch erst bewusst werden müssen, um ihn aussprechen zu können, aus tieferen Gefühlen. So die neurobiologische Annahme.
Dabei bestimmen unbewusste  Faktoren das Bewusstsein mehr als umgekehrt. Frühkindlich ungünstig erlebte Erfahrungen wirken sich erst spät im Erwachsenenalter aus. Unterwegs bestimmt die Umwelt unser Verhalten mehr als wir denken können. Zwar sei das Bewusstsein darüber untrennbar mit dem Grosshirn ( Cortex ) , wo die Vernunft entsteht, verbunden, aber die Lebensgeschichte lässt sich nur über teilweise schon geronnene Gefühlswelten rekapitulieren, Welche nun in den subcortikalen Netzwerken verdichtet, aber nicht bewusst zu reizen sind und wir deshalb keine Information darüber erhalten. 

Im wachen Zustand können wir gut die sensorischen Details der nahen Umwelt draussen wahrnehmen, besonders wenn sich darin Leute aus unseren Kreisen, Familien, Kollegen, Freunden, Lehrern, Feinden und Behörden, bewegen. Oder sich drinnen die Reizzustände des eigenen Körpers bis hin zu den Körpergeweben bedrohlich summieren.
Man spricht gern von Emergenz. dem Zauberwort der psycho-physischen-Einheits-Theorie, die aus dem biopsychosozialen Krankheitsmodell hervorgegangen ist, welches wiederum das biomedizinische Maschinenmodell des Körpers in der wissenschaftlichen Medizin abgelöst hat. Gemeint mit Ebtropie ist das Entstehen  neuer, noch komplexerer Eigenschaften, die in ihrer Entwicklung auf der Stufe darunter weder erkennbar noch erklärbar sind. Zum Beispiel ist auf der Ebene der Elemente Wasserstoff H und Sauerstoff O, die jeweils brennbar sind, nicht zu erkennen, dass auf der Molekül-Ebene darüber ( H2O ) das Wasser löschen kann. In Bezug auf Schmerzempfinden bedeutet das, dass ein nozizeptives Korrelat von peripher nach zentral ablaufen muss, bevor es unangenehm wird. In Bezug auf Gesundheit bedeutet das, dass das Gesamtbild eines Kranken, welches sich aus bio-psycho-sozialen Eigenschaften zusammensetzt, mehr ist als die Summe seiner erkennbaren, erklärten und abgebildeten Einzelteile. Das heisst dann aber auch, dass Gesundheit in jeder Sekunde neu geschaffen werden muss.
Das " Ganze " Modell der Systemebenen funktioniert nach dem hierarchischen Prinzip einer parallelen Verschaltung, wobei die komplexeren Ebenen über den kleineren, weniger komplexen Einheiten geordnet sind. Das emergente Prinzip erklärt uns leider nicht, wie das unangenehme Gefühl entsteht, sondern verdeutlicht es nur die bestehende Kluft, denn auf der biologischen Ebene der Nozizeption kommt das Problem der Bewusstwerdung gar nicht vor.
Wichtig ist es wohl eher zu verstehen, das jedes psychische Geschehen, also jedes Gefühl, jeder Gedanke, jedes Wissen und Wollen und jedes Handeln, immer gleichzeitig auch als körperlicher Vorgang zu beobachten ist. Es ist höchstwahrscheinlich nur unsere Sprache mit ihren Kategorien und Begriffen, die uns zwei verschiedene Welten vorspiegelt. Tatsächlich handele es sich bei jeder Rückenverspannung, jeder Wirbelblockade und jedem ausstrahlendem Schmerz um einen Prozess im System " Mensch ". Daraus folgt, dass jedes Ereignis, das an der Entstehung oder Beseitigung von Funktionsstörungen beteiligt ist, nicht entweder psychisch oder biologisch, sondern sowohl psychisch als auch biologisch ist. 
Organellen, Zellen, Moleküle oder gar Atome gehören nicht mehr zu unserem Erlebnisraum. Das ist der Bereich von Wirklichkeit und Information, in welchem wir selbst sind und eine Sonderstellung gegenüber einem Beobachter haben, sei er nun ausgebildeter Arzt oder nur neugieriger Nachbar. Darin lässt sich bewusst die Aufmerksamkeit steuern und Bedürfnisse, Gedanken, Vorstellungen und Erinnerungen steigern. In Summation grosser Datenmengen gelingt sogar die semantisch tiefe Verarbeitung: die Deutung und Sinnerfassung der aktuellen Reizustände. 

Das Hintergrundrauschen, wie das Erleben der eigenen Identität, dass es sich um den eigenen Körper handelt, der hier und jetzt in dieser Situation in Raum und Zeit wankt, der Gedanken zwischen Wirklichkeit und Wahn hervorzaubert, dessen Autor man selbst ist, bleiben unbemerkt, aber nicht unbewusst. Unbewusst bleiben alle Vorgänge in den subcorticalen Hirnregionen, also das meiste, wenn nicht sogar 95 %, wie einige meinen. Die Kernfrage im myofaszialen Alltag musste also lauten: wie kann ich mit meinen mickerigen 5 % Bewusstsein das ändern, was 95 % Unbewusstsein bei mir angerichtet haben. 

 

 

Der Entstehung des gemeinen Rückenschmerzes  entspricht dem Grunde nach dieser biologischen Erklärung über Sinnesleistungen. Das bohrende, stechende, ziehende oder dumpfe Leiden wird als nervöses Geschehen empfunden, bei dem das Gehirn die Reize aus dem Körper interpretiert. Das Ergebnis wird als eine zutiefst negative Erfahrung wahrgenommen, die je nach sozialem, kulturellem, existenziellem, spirituellem, kognitiven und affektiven Einfluss für manche noch als erträglich gilt, für andere bereits als unerträgliche Katastrophe ausgelegt ist. Ob Mann oder Frau spielt im Muskelskelett ebenfalls eine bedeutsame Rolle.
Die besondere Sinneserfahrung " Hexenschuss !" entsteht aus einer tatsächlichen oder vermeintlichen Schädigung von Körpergeweben, die zwar nicht von Rezeptoren, sondern von feinen Enden  schnell und langsam leitender Nervenfasern, den sog. Nozizeptoren  aufgenommen werden. Diese Schmerzfühler sind in nahezu allen Gewebeschichten auf mechanische, chemische oder thermale Reize spezialisiert, transduzieren, transformieren bis hin zu den Segmenten des Rückenmark, auf dessen Ebene die Impulse mit den eingehenden Signalen aus anderen Geweben verschaltet und aufsteigend weitergeleitet werden. Auf allen Schaltebenen wird pausenlos verstärkt und gebremst und schon dort können reflexartige Schutzreaktionen bis zur myofaszielen Dysfunktion ausgelöst werden, um das Segment, Gelenk oder Organ vorsorglich für die Dauer des Heilungsablaufs aus der Gefahrenzone zu holen.

Jeder kann inzwischen in den gängigen Suchportalen über das Beschwerdekonzept „ Nozizeption „ umfassende und allgemein verständliche Auskunft erhalten. Inhalte der Fachbegriffe wie Neurogene Entzündung  und periphere oder zentrale Sensitivierung  haben das Verständnis von lang andauerndem Schmerz am Muskelskelett enorm verändert. Das natürliche Schmerzsystem hat die biologische Funktion, zum Überleben seiner Spezies beizutragen und ist insoweit spezifisch. Die spezifische Funktion besteht darin, durch das subjektive Erlebnis " Schmerz ", einen körperlichen Schaden zu vermeiden. Das phänomenale Bewusstsein von nozizeptiver Signalaktivität, also wie es ist stechenden Schmerz im Rücken, Bein oder Kopf zu haben, erlaubt uns vernünftigen Lebewesen, aus dem einfachen Reiz-Reaktionsschema auszubrechen, das eigene Verhalten auf der Grundlage sensorischer Information zu ändern und den Umständen entsprechend anzupassen. 

Reizbegabt und übersät von feinsten Nervenenden, kommt der Mensch als aufrecht gehendes Sinnesgebilde daher. Zeitweise tiefenverspannt und entzündlich bis zum Kontrollverlust gereizt, " dem Ding da ", der entgleisten Maschine mit seinen verstörten Organen, Geweben, Zellen und Molekülen, eine sinnvolle Bedeutung zu geben. Wie geagt... wir gehen zum Arzt, weil uns unangenehm zumute ist und nicht, weil uns ein materiell-energetischer Reiz auf die Nerven geht. 

Die wissenschaftliche Methode, gedanklich jegliches Gefühl und jeden Gedanken, egal ob hier und jetzt gegenwärtig oder nicht, von körperlich ausgedehnter Masse zu trennen, war für den medizinischen Fortschritt höchst erfolgreich. Keine Prothese, keine Impfung, keine Krebsbehandlung und kein intelligent hergestelltes Medikament ohne diese duale Historie. Man konnte handeln und modern sein, indem die Technik verfeinert wird, ohne die mechanische Erklärung der Lebensvorgänge aufgeben zu müssen. Der Hinweis, ob womöglich die geschlossene Struktur einer Maschine mit einer starren Ordnung verwechselt wurde, die offen auf Reize reagiert, welche dem Beobachter verborgen sind, wurde lange übergangen. Die Zerlegung des Menschen in seine Einzelteile und das Verstehen des Vorgangs hinter dem Vorgang, kann inzwischen auch komplexe Netzwerke, kollektives Verhalten, chaotische Konnektionen, kritische Kipppunkte und coole Krisen auf höheren Ebenen systematisch und informatisch erklären. Auch die Zuweisung von Bedeutung, zum Beispiel eine drohende Gefahr durch Gewebeschaden, ist neben dem Lernen und der Mustererkennung ein wichtiger Akt verknüpfender Intelligenz, da sie die Fähigkeit umfasst, körperliche Informationen zu verstehen, zu interpretieren und ihnen einen Wert zu geben. Eigentlich ist das Leben simpel. Um den Bescherden einen Sinn zu geben, kommt es auf die Wirklichkeit an und das ist das, was wir gerade fühlen und denken. Das, was wir glauben ist das, was zählt. Alles spielt sich in unserer Gedankenwelt ab, gleichgültig ob es in den Knöpfen der Geräte oder in den Köpfen der Leute passiert.
 

 

Mentale Aspekte, wie das unangenehme bis unerträgliche Schmerzgefühl, hängen dabei offenbar nicht nur von den Genen sondern auch von den Umständen ab, in denen wir Schmerz bewusst erleben. So ist es sinnvoll, zunächst die Empfindung  von der Wahrnehmung  abzugrenzen. Was wir empfinden, sind die unscharfen und mehrdeutigen Informationen der inneren Körperwelt und äusseren Umwelt, die über die Reizleitungen unserer Sinnesorgane zu den entsprechenden Arealen im Gehirn gelangen und dort als unspezifisches Gefühl bewusst erscheinen.
Was wir wahrnehmen, ist viel umfassender: es ist ein Bild, das all diese unscharfen Signale, die unser Gehirn von drinnen oder draußen erhält, mit dem Reichtum vergangener Erfahrung und Erlebnissen verknüpft. Darüber hinaus ist es sogar der gesamte Körper, der wahrnimmt !  ahnen diejenigen, die Dysfunktionen am eigenen Leibe hier und jetzt miterleben. Auf welcher Ebene auch immer diese Prozesse analog, wie eine parallele Verschaltung, ablaufen: zwischen den Organen, den Geweben, den Zellen, den Molekülen, den Atomen oder akausalen Verschränkungen.

Wahrheit gibt es nur zu zweien. Sagt die Kluge. Höre genau zu, was der Geplagte dir erzählt, ...aber hör' nicht hin. Rät der Gewiefte. Damit wir in der täglichen Praxis hinreichend von gleichartigen Eindrücken reden, sind zwei Denkrichtungen hilfreich: die sog. bottom up Wahrnehmung geht vom kleinen Detail aufwärts zum großen Ganzen und erlaubt uns von Geburt an, Schlüsselelemente wie Linien, Konturen und drohende Gefahren aus der Umwelt zu filtern. Wenn es Neues gibt, muss man Anpassungen leisten. Und manchmal passt es eben nicht so ganz. Nervenzellen im Gehirn ergänzen die unvollständigen Informationen aus der Umwelt, zum einen mit den ererbten Basisgefühlen und zum anderen mit den erworbenen Erfahrungen, zu einem Bild des Geschehens, das in die Wirklichkeit passt. 
Die Top down Wahrnehmung dagegen greift von oben herab tief in den Topf der Vorerfahrungen und holt zielsicher, augenblicklich, auf einen Schlag und aufmerksam all das bisher Erlernte, vielleicht Verdrängte, manch Gutes, aber vorsorglich mehr Böses, heraus und stellt damit ein zwar übertriebenes, aber persönlich produziertes Kopffilmchen her. So entstehen hier und jetzt bei unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichen Situationen auch unterschiedliche Bedeutungen des gleichen Sachverhalts.
Deshalb erfolgt die Diagnostik jeder schmerzhaften oder unempfindlichen Bewegungsstörung (natürlich neben der möglichst genauen Schilderung des Beschwerdeverlaufs, seit wann, was, wo und wie sich bemerkbar macht) grundsätzlich, unstrittig und vorrangig durch gezielte manualmedizinsche Bewegungstests sowie palpatorische Prüfung der Gewebebeschaffenheit. 

Dichter dran, bleibt der ärztliche Tastsinn das aufmerksamste diagnostische Mittel, um sich ein schlüssiges Bild von der Bewegungshemmung im Muskelskelett zu machen, das Risiko von Fehleinschätzungen zu mindern und positiv rückkoppelnd einzugreifen. Seine Empfindlichkeit und Energie verfeinert sich durch stetigen Gebrauch. 
Angedockt an die Erfahrung eines ganzen Beruflebens erhält die geschulte Hand ihre Urteilskraft zurück. Erst wenn die Fehlspannung bleibt oder der Schmerz zunimmt, kommen bildgebende Verfahren zum Einsatz. Nicht umgekehrt, sonst wird es schwierig, aus der Opferrolle eines eher harmlosen, altersgemäßen Befundes herauszukommen.

Der Mutterwitz jeder Therapie ist, Geschichten neu zu erzählen. Um zu zeigen, dass Dysfunktionen verstanden werden und die Antworten ihn in die Lage versetzen, sich neu anzupassen. Denn Heilung ist immer und grundsätzlich Selbstheilung. Der Arzt kann nur die Randbedingungen schaffen, damit eine Selbstregulation gelingt. Eingriffe mit der Hand sind physisch Vehikel für Informationen und verändern damit die Rezeptoren lebender Organismen, deren Gewebe und Zellaktivität. Ihre mentalen Reaktionen auf diese Einwirkungen werden nicht nur von einer mechanischen Reizung, sondern auch davon bestimmt, das Zeichen und Symbole für Rezeptoren eine Ursache-Wirkung-Beziehung haben, indem sie Handlungen auslösen und Bedeutungen vermitteln. Um die Prognose des Reizzustandes zu ändern, braucht es einen Ort, wo Heilung mit Transduktion undTransformation  erneut gelingt. Wenn alles still ist, passiert am meisten. Das Gehirn empfängt die Signale, macht daraus Vorhersagen, hat ohne Dirigenten oder Lehrer gelernt mit Fehlanpassung umzugehen und bildet sich ständig mit dem nächsten Input um.

Hat allerdings die durch die myofasciale Dysfunktion ausgelöste feingewebliche Entzündung der tieferen Strukturen ein chronisch sensitives Ausmaß angenommen, das der Organismus nicht mehr selbst bewältigen kann, müssen mehrere, modale Therapieformen angesetzt werden, welche die hartnäckige Entzündung mit ihrem bindegewebigen Flächenbrand eindämmen sowie das Immunverhalten regulieren und das vegetative Nervensystem desensitivieren können. Denn chronischer Stress kann auch Entzündung auslösen und damit die Steifigkeit ( Fibrose ) der Faszien erhöhen.

Niemand wird in andere Leute hineinsehen können, ihre biologische Zellwelt aus Molekülen und Atomen bei dem permanenten Austausch von Informationen betrachten und dabei mitempfinden, wie es ist, ein Gehirn, ein Knie, ein Wirbelsegment oder ein Organ zu sein . Wir haben weder für den ausstrahlenden Schmerz, noch für örtlich ziehende Mißempfindungen erkennbare Biomarker, aufgrund derer wir eine Diagnose oder die Prognose der krankhaften Bewegungsstörungen veränderen und damit den langfristigen Einsatz zentral modulierender Medikamente rechtfertigen können. Wahrscheinlich gibt es auch keine zusätzlich erfahrbaren Kriterien, die helfen, den Schmerz richtig einzuordnen, wenn zwar strukturspezifische Schäden am Muskelskelett durch Schichtbilder, Laborchemie oder Meswerte vorliegen, jedoch der spezifische Auslöser nicht eindeutig isoliert und zusätzlich beschreibbar ist.
Aus jeder forschenden Perspektive erkennt der Beobachter nur Symptome, Zeichen oder den Zustand somato-psychischer Reaktionen, wie asymmetrische Gewebespannung, empfindlichen Bewegungsverlust, angestrengtes Vermeidungsverhalten und die ödematöse oder rigide Gewebetrophik, welche für einen bestimmten unregulierten Zustand des gesamten  Menschen verantwortlich sind.
Das Einzige, wofür wir Mediziner ein wenig Evidenz haben, ist der Schmerzmechanismus.
Dabei unterscheiden wir in nozizeptive, noziplastische und neuropathische  Mechanismen.
Die nozizeptive  Beschwerde ist eine Reaktion auf einen Reiz im peripheren Gewebe, der dort die feinen Nervenenden, die sog.  Nozizeptoren, aktiviert. Das kann stündlich durch Zug und Druck, Entzündung oder Hitze und Kälte passieren und als stumpf, stechend, bohrend oder pochend empfunden werden. Die Nerven sind dabei nicht defekt, sondern im Gegenteil, hoch intakt. Dieses Geschehen neigt stark zur Chronifizierung und übermäßige Schmerzempfindung, die sog. Sensitivierung, läßt schon banale Reize im Alltag zum vollen Beschwerdebild durchsickern. Das kann im Gewebe außerhalb von Rückenmark oder Gehirnzellen stattfinden (periphere Sensitivierung). Aber auch innerhalb, dann spricht man von zentraler Sensitivierung.
Liegt eine Verstärkung, Überempfindlichkeit oder schlecht-angepasste Reiz-Verarbeitung vor ( Hyperalgesie ), welche zu erhöhter Erregbarkeit der Signalübertragung im zentralen Nervensystem und damit zum Fortbestehen der Schmerzempfindung beiträgt, haben wir es mit sog. noziplastischen  Symptomatik zu tun.
Als „neuropathisch“ werden dagegen Schmerzen sowie schwer beschreibbare Missempfindungen bezeichnet, die nicht durch Reaktion von äußeren Reizen im Gewebe, sondern als direkte Folge von Schädigung in den Nerven selbst entstanden sind. Etwa durch Unterbrechung oder Kompression der Nervenstränge oder durch Fehlfunktion der Nervenzellen im Rückenmark oder Gehirn, von welcher Stoffwechselerkrankung her auch immer ( Diabetes, Alkohol, Gendefekt, Viren etc).
Kribbeln, Brennen und Taubheit bis zu den Händen und Füssen stehen im Vordergrund. Bis auf die erfahrungsgemäße Annahme aus fachspezifischer Einschätzung hat bisher keine Untersuchung den Verdacht auf neuropathisches Geschehen bei Rücken- und Beinschmerzen hinreichend evident begründen können. Möglicherweise gibt es auch keine einzeln darstellbaren Parameter für Nervenschädigung, Fehlfunktion oder Entzündung, weil die Prozesse emergent, vernetzt, kooperativ, konnektiv oder anders komplex verlaufen. Allerdings kann ein visueller Ausdruck oder auf den peripheren Nervensträngen abgeleiteter Befund letztendlich als Beweis für eine neuropathische Symptomatik gelten und damit auch zentral stark wirksame Medikation begründen.

Unabhängig vom jeweiligen Mechanismus, der häufig als Mischbild in Erscheinung tritt, ist allgemein bekannt, dass bei einigen Medikamenten eine übermäßige Dosierung zu einer Verschlechterung der Symptome führt, die normalerweise als Reaktion auf die Medikation auftreten. Was wiederum zu einer Zunahme der eigentlich zu behandelnden Beschwerden führen kann. Das passiert nicht selten bei Langzeitbehandlungen, denn der Organismus ist schlau, will evolutionär überleben und entwickelt diverse Gegenmaßnahmen und Umleitungen.

 

Myofasciale Dysfunktion können Ursache und Folge zugleich sein. Leute von heute betrachten im Praxisalltag die gereizten Gelenke längst nicht mehr isoliert, sondern als Teil einer komplexen Nerven-Gefäß-Muskel-Faszien-Bänder-Kapsel-Organ-Funktion. Die spezifischen Krankheiten der Nerven, Muskeln, Gefässe oder Gelenke sind den Fachleuten bestens bekannt, aber die Rolle der bindegewebigen Hüllen weniger. Schon die normale Kraftübertragung passiert nicht nur über Muskeln und deren Bänder an das Gelenk, sondern auch lückenlos zwischen bindegewebigen Segmenten sowie quer zu gegenläufig arbeitenden Muskelsträngen. Faszien sind Teil des Bindegewebes, liegen einerseits wie ein Neoprenanzug oberflächlich unter der Haut, bilden andererseits spannende Brücken zwischen den Gelenken und verbinden Muskeln und Organe durch feine Hüllen. Ihr Stellungsspiel ist noch ungeklärt, kann gern auf benachbarte Felder übergreifen, Bänder, Sehnen und Gelenkkapseln verstärken, schädlichen Druck und Zug auslösen, die Schmerzchemie unangenehm aktivieren und von Kopf bis Fuß fühlbar durchsickern. Deren spürbare Auslöser sind verzogene Wirbelsegmente und ihre folgenreiche Verkettung mit entfernteren Muskeln, deren saurer und blutarmer Umgebung sowie die Freisetzung von entzündlicher Schmerzchemie in den bindegewebigen Schichten. Die schlechte örtliche Bestimmung, die starke Tendenz zur selbstgesetzten Übertragung und das reißende, krampfende oder drückende Temperament ist oft in Ruhe schwer zu ertragen.
 

Im Vordergrund der Therapie von myofascial inflammatorischen Schmerzsyndromen und ihrer chronifizierten Befunde stehen deshalb und unbestritten passive manuelle Techniken der übererregten Beugesysteme und Mobilisation der bindegewebigen Schichten vom Wirbelsegmenten bis zu den letzten Gelenken in der Kette mit den Folgen für den Sauerstoffwechsel im peripheren Gewebe. Natürlich unterstützt von allerlei aktiven Bewegungsformen im geschlossenen Bewegungskreis, in dem sich der Organismus wie von selbst regulieren kann. Denn die Muskeln sind nicht schwach, sondern krank, weil asymmetrisch gehemmt und erregt. Wer immer noch meint, Schmerz sei Bitten er Muskelzelle um reine Kraft, wird abgeholt.
Kontinuierliches, zügiges Gehen ist schon der erste Schritt für eine Verbesserung der Aufrichtung der Wirbelsäulensegmente und der Sauerstoffzufuhr durch Kraft-Ausdauer-Leistungen. Höher, schneller und weiter kann, gern unter Last, im offenen Bewegungskreis danach folgen und wird, regelmäßig unternommen, ebenfalls Einfluss auf das Ess-und Stressverhalten nehmen. Bei reinem Maximal-Krafttraining am steuernden Gerät, was oft empfohlen wird, ändert sich nur die Schmerzwahrnehmung und man passt sich an die Geräte an, an sonst gar nichts. An der fremd führenden Kraftmaschine geht es zu wie bei stark wirksamen Medikamenten: Die Zellen mögen keinen Kampf, sie möchten überredet werden.