" Steh auf und geh. "
Warum dieser Ruf aus den Evangelien?
Manche Sätze sind älter als jede medizinische Leitlinie und dennoch erstaunlich aktuell. Heute verfügen wir jederzeit über hochentwickelte Bildgebung, über Labordiagnostik und spezialisierte Therapieprogramme. Und doch bleiben viele Menschen mit chronischen Beschwerden ratlos zurück. Offenbar hat die moderne Medizin zwar an Technik gewonnen, aber an etwas anderem verloren: am Verständnis dafür, wo Heilung tatsächlich geschieht.
Bei chronischen Beschwerden am Muskelskelett geht es um die selbstwirksame Wiedererlangung der Bewegungskontrolle. Ohne Geräte, ohne erhobenen Diagnosefinger, ohne Trainingsplan - nur eine Aufforderung auf willkürlicher und unwillkürlicher Ebene, wieder in Bewegung zu kommen.
Dieses fiktive Gespräch geht von einer einfachen Frage aus: Was kann der Mensch selbst tun - und was muss er geschehen lassen. Die Antwort führt über das Verständnis von Schmerz, bewusstes Erleben, Sensitivierung, Körperbild und Zeit mitten hinein in die Beziehung von Körper, Geist und Seele.
Der Augenblick soll heilen ?
Man sagt, in den Augen spiegelt sich Freude oder Schmerz. Im Konflikt mit anderen Sinnen ist der Sehsinn dominant. Das Augenlicht ist bereits bis zum Urknall hin materiell-energetisch erforscht - der Augenblick noch nicht. Schmerz hat eine unerbittliche Eigenschaft: er findet immer nur im " Jetzt " statt. Gestern mag er begonnen haben, morgen wieder zurückkehren. Niemand weiss, wo er zwischendurch war. Man kann ihn zeitweise mit Pillen vergraulen, aber beeinflussen lässt sich Schmerz ausschließlich im gegenwärtigen Moment. Subjektive Erfahrungen fühlen sich zwar kontinuierlich fliessend an, werden aber in diskreten Momenten neuronal getaktet. Im schmerzhaften Erleben ist der Augenblick der Ort, an dem Veränderung diskret möglich ist. Hier beginnt die Grenze zwischen Messbarkeit und Erfahrung. Der Augenblick ist deshalb kein poetisches Bild, sondern die kleinste therapeutische Einheit.
Ist das Modell des Menschen als biologische Maschine doch nicht überwunden ?
Um die Natur der Natur zu ordnen, haben Philosophen das Maschinenmodell erfunden - und über Jahrhunderte haben Mediziner den Körper reduziert wie eine Maschine betrachtet: reparierbar, berechenbar, austauschbar. Das Bild war nützlich, aber es ist zu eng geworden, denn eine Maschine verhält sich nicht, weder krank noch gesund. Zwar haben naturwissenschaftliche Denker sich längst aus der endgültigen Ordnung eines harmonischen Kosmos wieder herausgedacht - weil alles, was hier der der Fall sein kann, einerseits das Ergebnis von blinden Gesetzen, andererseits unzähliger Zufälle ist.
Die biologische Seite allein ist nicht nur den ärztlichen Denkern zu kurz gegriffen, weil das Wesen des Menschen mit den analytischen-synthetischen Methoden nicht ganz erklärbar ist. Doch nach wie vor soll der Student sein Physikum bestehen, bei den Organen bleiben und sich nicht in Gedanken verlieren. Wir alle leben jedoch nicht nur in Strukturen, sondern funktionieren in Bedeutungen, in denen wir uns ungestört entfalten können - je nachdem wie wir kulturell geprägt sind im Leben mit den Anderen und welcher Formen der Information wir uns bedienen. Jeder Mensch will uns sagen, was er sonst noch so mit sich bringt, wenn er tiefenverspannt als Patient erscheint. Doch für den Stress, den der Körper mit seinem Inhaber hat, fehlen noch die Worte.
Man muss wohl genau sagen, wie es zwickt, sticht, zieht, bohrt oder drückt ?
Schmerz ist ein eigenartiges Erlebnis. Akute Defekte in der Struktur können mit der überall verfügbaren technischen Medizin gut beherrscht werden. Chronische Störungen der Funktion leider nicht. Chronische Beschwerden entstehen nicht allein im Gewebe, sondern auch in Erwartungen, Gewohnheiten, Ängsten und Erfahrungen. Also im Innenleben jedes Einzelnen.
Der Philosoph Thomas Nagel stellte vor 50 Jahren eine einfache Frage, die sowohl Berufsphilosophen als auch Naturwissenschaftler von ihren Lehrstühlen riß: ' wie es ist, eine Fledermaus zu sein '. Mit der Neuauflage der uralten Debatte über Seele, Geist und Bewusstsein, nun in der Version, wie es sich anfühle, ein Mensch zu sein, erinnerten sich Materialisten sowie Idealisten wieder daran, dass alles Medizinische letztlich im subjektiven Erleben ankommen muss. Wir gehen nämlich zum Arzt, weil uns unangenehm zumute ist und nicht, weil uns ein materiell-energetischer Reiz auf die Nerven geht. Dort kann man sich drehen und wenden, wie man will - kein Röntgenbild und keine noch so feine Schichtaufnahme kann leiden, kein Laborwert kann Angst empfinden. Der Schmerz des Schmerzes ist immer " jemandes" Schmerz, ein Phänomen des ' Selbst ', was philosophisch als 1. Person bezeichnet wird.
Geist und Bewusstsein sind nicht nur zentral für unser Selbst-Verständnis, sondern Fortschritte im Verständnis dieser Fähigkeiten hätten auch praktische Relevanz: etwa für die Behandlung chronischer Beschwerden, die in der Beziehungswelt einer Person entstehen und auch nur dort diagnostiziert und behandelt werden können. Es reicht nicht, Befunde zu sammeln - wer Lebendiges beurteilen will, muss sich Zeit nehmen und sich am Lebendigen beteiligen. Die Wahrnehmung des Problems führt fast automatisch zur Lösung. In dieser Zeit gelingt der Mutterwitz jeder Therapie, nämlich alte Geschichten neu zu erzählen.
Was hat Geist mit Zeit zu tun ?
Interessanterweise das meiste. Menschen bewegen sich nun mal im Geist. Was dem Einen unerträglich ist, beeindruckt den Anderen nicht nennenswert. Zudem wird ein gemeiner Rückenschmerz zum Zeitpunkt T2 anders empfunden, als zum Zeitpunkt T1. Die Zeit verstehen heißt Chronifizierung verstehen. Die technische Medizin misst Zeit, aber der Mensch erlebt seine Zeit. Auch in der historischen Betrachtung wurde die Zeit vor allem als Veränderung gedeutet. Gleichgültig ob man die Körperrhythmen in Sekunden und Minuten rechnet, eine MRT-Kontrolle durchführt oder den Rücken von gestern erinnert, heute erlebt oder den von morgen fürchtet. Streng genommen ist sogar die Einheit der Zeit eine Konstruktion unseres Bewusstseins und hängt von der Wahl der Messmethode zusammen. Da sich unser Dasein nun mal in der jeweiligen Lebenswelt abspielt, sei erlebte Zeit weder im Bewusstsein noch in den Nerven, sondern nur durch unseren persönlichen Blickwinkel geordnet - egal ob wir Uhren benutzen oder auf den Sonnenaufgang vertrauen. Chronische Beschwerden sind daher nicht einfach der verlängerte Arm des akuten Schmerzes, der zu lange dauert. Nein, chronisch sind Schmerzen, die sich mit der Zeit nicht mehr verändern.
Kann das Nervensystem zu gut lernen ?
Das Gehirn arbeitet mit Erwartungen und sagt voraus, was passieren wird. Wenn Gefahr erwartet wird, steigt die Spannung, Bewegungen werden gehemmt und die Schmerzschwelle sinkt. Das gesamte Nervensystem ist lernfähig - und manchmal zu lernfähig. Nicht nur im Gehirn, auch in der Peripherie, also in allen nervösen Funktionen, die außerhalb vom Rückenmark stattfinden, kommt es auf Erwartungen an. Wiederholte Reize können dazu führen, dass Alarmmeldungen über zuviel Druck und Zug, Hitze und Kälte und Entzündungen lauter und schneller werden. Diese Plastizität von Schmerz erklärt, warum Beschwerden bestehen bleiben können, obwohl ein ursprünglicher Schaden längst verheilt ist. Chronischer Schmerz ist daher kein Defekt, sondern eine übererfüllte Schutzleistung unseres gutmeinenden Immunverhaltens. Heilung heisst deshalb nicht Geduld, bis die Resilienz, also unsere Fähigkeit zur Erholung, es schon wieder richten wird, sondern Heilung ist auch neue Erfahrung im richtigen Augenblick.
Wie entstehen die feinen Entzündungen im Gewebe, von denen jetzt jeder spricht ?
Fliegt plötzlich ein Insekt auf unser Auge zu, schließt sich dass Lid in einem Bruchteil einer Sekunde, noch bevor wir das Insekt bewusst gesehen haben. Für eine Weile ist es unmöglich, das Lid offen zu halten, egal wie sehr wir es versuchen. Die erste Schicht, die Hornhaut, hat Sensoren für bedrohliche Reize, wie mechanischen Druck und Zug, chemische Reize aller Art und thermische Hitze oder Kälte. Sobald etwas die Oberfläche des Auges berührt oder sich sehr schnell nähert, werden diese aktiviert. Das Bewusstsein ist daran nicht beteiligt, das Signal läuft über den Nerven direkt zum Hirnstamm, nicht zu den Arealen im Großhirn, wo das Bewusstsein lauert.
Das wird mit gutem Grund umgangen: Im Hirnstamm gibt es eine festverkabelte Schaltung, die den Reiz erkennt. Der Befehl ' Lid schließen ' wird einfach und sofort angeschaltet, ohne jeden Spielraum für Entscheidungen. Der Lidmuskel kontrahiert reflexhaft. Nicht das Sehen als Vorgang wird verhindert, - das passiert erst, wenn die Sicht dauerhaft gestört bleibt und der Sehnerv verkümmert - sondern das Auge als Organ ist bereits geschützt, bevor die Information bewusst wird. Das Bewusstsein kommt zu spät und wir erfahren erst im Nachhinein, was der Körper von selbst getan hat. Es betrifft uns zwar am eigenen Körper und macht uns vielleicht betroffen, aber nicht durch bewusstes Wollen. Die Geschwindigkeit ist hier wichtiger als Selbstbestimmung. Die Evolution hat diese Aufgabe aus der bewussten Kontrolle ausgelagert - zu unserem eigenen Schutz.
Und wad passiert, wenn wir bewusst zwinkern ?
Um jemandem ein Zeichen zu geben, die Augen zu befeuchten oder einfach so, haben wir die volle Kontrolle über ob, wann und wie oft wir das Lid schliessen. Der Gedanke 'ich will jetzt zwinkern' entsteht im motorischen Cortex unseres Großhirns. Das ist unser bewusster Wille, keine automatische Reaktion. Das Gehirn plant dann die Details: welche Muskeln, wie stark, in welcher Reihenfolge. Kleinhirn und Basalganglien helfen bei der Feinabstimmung – aber immer unter Aufsicht unseres bewussten Willens. Der motorische Befehl wandert über Nerven zum Lidmuskel. Diese Übertragung läuft zwar automatisch ab, aber nur weil wir es in diesem Moment so wollen. Wir können jederzeit wieder zwinkern oder es lassen – die Entscheidung liegt bei uns.
Und wenn es tatsächlich ins Auge geht ? Trifft der Finger ins Auge oder wird das Zwinkern zur chronischen Irritation, entsteht eine Entzündung. Der Körper durchläuft normalerweise vier Heilungsphasen: Abdichten, Abwehrzellen mobilisieren, Gewebe neu aufbauen und Narbenreifung. Das kann im Auge sehr empfindlich sein oder mild ablaufen – im chronischen Fall bleibt der Prozess jedoch stecken. Bei Alarm weiten sich kleine Gefäße, um mehr Blut heranzulassen – daher die Rötung und Wärme. Die Gefäßwände werden durchlässiger für Nährstoffe und solche Abwehrzellen, die Keime erkennen, Schäden beseitigen und die Reparatur starten. Gleichzeitig aktivieren Botenstoffe Schmerzsensoren, um die Region zu schützen und zur Schonung zu zwingen.
Und wenn das Zwinkern chronisch wird, also länger als 3 Monate andauert?
Bei ständigem Zwinkern wird die Augenoberfläche dauerhaft mikroverletzt. Der Körper reagiert mit anhaltender, feiner Entzündung – wird die Reizung nicht gestoppt, wird sie chronisch. Weil feinste Nervenenden im Gewebe diesen Heilungsprozess auslösen, spricht man von neurogener Entzündung. Diese Sensoren können ihr Antwortverhalten verändern und überempfindlich werden – die sogenannte Sensitivierung passiert, das Zauberwort und Schlüssel zu chronischen Beschwerden.
Müssen Ärzte und Patienten nicht biologisch umdenken ?
Diese feingewebliche Entzündung hat unser Schmerzverständnis stark verändert. Einerseits sind Entzündungsvorgänge nützlich für die Heilung. Andererseits kann überschießende, chronische oder stressbedingte Entzündung dazu führen, dass Organe und Gelenke zugrunde gehen. Heute wissen wir: Wechselwirkungen zwischen psychosozialem Verhalten, Nerven und Immunzellen verschieben Hormonspiegel und erhöhen die Anfälligkeit für Entzündungen im Bindegewebe von Organen, Muskeln und Gelenken. Die feinen Nerven im Gewebe leiten bei Schäden nicht nur Schmerzsignale ans Gehirn weiter, sondern schütten auch Substanzen aus, die das Immunsystem aktivieren. Bei anhaltender Reizung werden diese Rezeptoren sensitiviert – also empfindlicher für normale Reize. Über diese niedrigere Schwelle kann sich chronischer Schmerz über das Bindegewebsnetz im ganzen Körper ausbreiten.
Zusätzlich löst Stress die Ausschüttung von Stresshormonen aus, welche die Entzündungen verstärken. Bei Dauerstress wird die Stressachse vom Gehirn über die Nebenniere bis zum Herz sensitiviert. Das passt zum Konzept des 'Inflammaging' – einer chronisch niedriggradigen Entzündung, die den Alterungsprozess beschleunigt. Typische Zeichen: Abgeschlagenheit, Appetitlosigkeit und Desinteresse."
Sie meinen Älterwerden tut nicht weh, es muss noch die Entzündung dazu kommen ?
Stille Entzündungen, die nicht durch Erreger, sondern durch Schadreize im Gewebe entstehen, werden durch Stress, Schlafmangel, ungünstige Ernährung und Bewegungsarmut begünstigt. Der ältere Mensch lebt dauernd in so etwas wie Entzündungsstress, was jede Erregbarkeit bis zur Sensitivierung hin verstärkt. Seine Arthrose, die irrtümlich noch als Verschleiß verklärt wird, ist kein Defekt, sondern eine gelungene Kompensation - eine sinnvolle Reparaturleistung des ganzen Organismus. Problematisch wird Arthrose vor allem durch die begleitende Entzündung.
Tiere kennen dieses Problem kaum. Vielleicht weil sie sich natürlich bewegen. Menschen sind biologisch natürlich auch Tiere. Auch Tiete wollen uns etwas sagen - sie können sich nur nicht erinnern, was. Tiere haben Bewusstsein ohne Vernunft.
Myofasciale Dysfunktionen, was ist damit gemeint ?
Das ist Schmerz ohne Schaden. Viele Schmerzen entstehen nicht " da, wo es weh tut " sondern dort, wo es hakt. Wenn Muskelkraft und Kontrolle nicht stimmt, können Schutzreaktionen vorliegen. Das Nervensystem bremst bestimmte Muskeln ab, um Gelenke aus der Gefahrenzone zu holen. Etwa die Muskeln am Oberschenkel bei Knieschäden. Das ist zunächst ein sinnvoller Schutz, kann aber lange anhalten. Die Muskeln sind dann nicht schwach, sondern verstört und in der Blutversorgung gedrosselt. Es ist, als würde der Organismus eine Sicherung herausdrehen. Das feine Gitternetz aus Bindegewebe, die Faszien, werden weniger geschmeidig. In der Rückmeldung arbeiten die tiefen Rückenmuskeln auf der Signalebene nicht mehr optimal gegenläufig zusammen, woraus zusätzlich asymmetrische Spannungsketten entstehen.
Nicht wir selbst können schmerzen, aber ein Knie kann schmerzen, obwohl die Ursache in einer Verschaltung der Nerven liegt, was am Ende Wirbelgelenke und Gliedmaßen aus ihrer Position zieht. Myofasciale Dysfunktionen sind Schutzreaktionen des Nervensystems. Sie funktionieren wie Reflexe am Lidschluss, nur langsamer und mit mehr Gehirn. Zum Beispiel schließt sich das Lid unwillkürlich durch einen Reiz am Auge. Willentlich läßt sich das kaum verhindern. Wird ein solcher Reiz am Auge durch dauerndes Zwinkern chronisch, entsteht Schmerz, ohne dass ein struktureller Schaden vorliegen muss. Daraus entsteht gern eine stille Entzündung: das Auge wird leicht überwärmt, geschwollen und gerötet. Das ist ein sensorisch messbares Problem. Den Schmerz des Schmerzes und die Röte der Röte kann niemand messen, aber wir können das erleben. Das ist ein affektives Problem in anderen Hirnarealen. Ähnlich reagieren alle anderen Muskeln des Muskelskeletts in ihrer Funktion und die Faszien in ihrem queren Gitternetz.
Ist Wahrnehmung wichtiger als Leistung ?
Zwei Sinnessysteme bestimmen unser Körpergefühl. Zum einen die Propriozeption, womit der Sinnesleistung für die Stellung, Haltung und Bewegung gemeint ist, ohne dass wir hinsehen müssen. Zum anderen die Nociception, womit das Warnsystem für bedrohliche Reize und Gefahr genannt ist. Auf Schadreize spezialisierte Schmerzfühler, die überall im Gewebe verteilt sind, senden ihre Signale nicht nur an dad Rückenmark und Gehirn, sondern schütten auch örtlich Substanzen aus, welche das Immunsystem aktivieren, um Entzündungschemie zur Heilung am Ort zu tansportieren.
Oft funken noziceptive Reize der Propriozeption dazwischen, ohne dass wir das bei Schritt und Tritt bemerken. Bei chronischen Beschwerden dominiert meistens die Warnung über die Wahrnehmung. Dann erlebt der betroffene Mensch Schwäche, obwohl der Muskel lediglich gehemmt ist. Mehr Training hilft hier selten, bessere Wahrnehmung schon.
Wie unterscheiden sich Körperschema und Körperbild?
Das Köperschema steuert uns unbewusst. Das Körperbild ist das, was wir über uns denken.
Viele Übungen verändern nur das Bild, nicht aber das Schema. Echte Therapie muss tiefer ansetzen: Sie muss die unbewusste Organisation im Körperschema erreichen.
Ist Diagnostik eine ärztliche Kunst ?
Apparate sind wertvoll - aber sie fühlen nichts. Myofasciale Dysfunktionen erkennt man vor allem mit dem Kunsthandwerk der manuellen Medizin. Erfahrung und Tastsinn bleiben dort unersetzlich. Angedockt an die Erfahrung eines ganzen Berufslebens erhält der ärztliche Tastsinn seine Urteilskraft zurück.
Gibt es einen tastbaren Augenblick?
In der manuellen Medizin und erst recht in der osteopathischen Perspektive gibt es einen Moment, der in keinem Befundbericht erscheint. Wenn der Mensch tiefenverspannt als Patient erscheint, liegt er ruhig da, der Arzt tastet sich voran und beide warten. Dann geschieht etwas, das man nicht erzwingen kann: ein leichtes Nachgeben des Gewebes, des Gelenkes und des Segmentes, ein kaum merklicher Wechsel der Spannung - der sogenannte Release-Moment.
Niemand kann ein blockiertes Wirblegelenk einfach ' zurückschieben '. Was wirklich geschieht, ist subtiler: eine neurophysiologische Hemmung löst sich, weil im richtigen Augenblick ein minimaler Impuls gesetzt wird: Nicht Kraft verändert das System, sondern Synchronisierung beider Nervensysteme.
Arzt und Patient erleben diesen Moment gleichzeitig. Zum ersten Mal wird dem Patienten bewusst, was ihm bis dahin noch verborgen war. Genau hier zeigt sich praktisch, was zuvor theoretisch beschrieben wurde: der Augenblick ist der Ort der Veränderung.
Desensitivierung ist wohl das eigentliche Ziel der Therapie ?
Bei chronischen Beschwerden geht es nicht um mehr Leistung, sondern um weniger Alarm. Es geht darum, Reize auf allen Ebenen zu beruhigen, Wahrnehmung zu verbessern, Reflexe lösen und Angst vor Bewegung abbauen. Ein Teil davon braucht therapeutische Hilfe. Ein Teil liegt in der Hand des Patienten.
Welchen Teil kann er selbst tun ?
Im Alltag gibt es mehrere Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen oder besser: Situationen herzustellen, wo die Mechanismen von allein ablaufen:
Tempo reduzieren, Atmung beruhigen; Haltung variieren, Bewegungen aufmerksam dosieren und Pausen zulassen.
Autonomie bedeutet nicht Selbstbehandlung, sondern bewusster Umgang mit dem eigenen Körper.
Welchen Sinn hat Schmerz überhaupt ?
Im evolutionären Sinn geht es immer nur ums Wachstum, nacktes Überleben und Weitergabe von Informationen darüber. Homöostase, Resilienz und Plastizität dienen dem Überleben. Schmerz ist Teil dieser Bemühungen um Anpassung an veränderte Bedingungen - sinnvoll, aber nicht unfehlbar. Es gibt jedoch kein kleines Männchen im Kopf, dem man Anstand und Haltungsübungen beibringen und entgleiste Schutzreaktionen abgewöhnen kann. Bewusstsein ist ein kontinuierlich fließender Prozess und kein Ort, wo die Lage diskret beurteilt wird.
Sind moderne Körperbilder fragwürdig ?
Unsere Zeit belohnt augenscheinlich Leistung. Doch der schmerzgehemmte Mensch braucht nicht mehr Training, sondern mehr Verständnis. Tiere benötigen keine Fitnessgeräte - sie bewegen sich artgerecht. Auch der Mensch darf wieder lernen, natürlicher mit sich umzugehen.
Ist der Sinn für das Ganze ein Gesundheitsfaktor ?
Unter den Hundertjährigen gibt es mehr Philosophen als Zehnkämpfer. Offenbar geht derjenige, der mehr Sinn reflektiert, oft gelassener mit Beschwerden um. Auch das ist Medizin.
Praktische Leitlinien ?
- Verwechseln Sie Befunde bitte nicht mit Ursachen.
- Beschuldigen Sie nicht vorschnell ein Gelenk.
- Suchen Sie aufmerksam ruhige Bewegungen.
- Vertrauen Sie Erfahrung und Tastsinn.
- Lernen Sie, im Augenblick anders zu reagieren.
- Steh auf und geh. Nicht als einfache Parole, sondern als tiefe Einsicht.
- Heilung beginnt dort, wo der Mensch sich im Augenblick neu erlebt.
Woher wissen Sie das ?
Ich bin schon lange dichter dabei. Und benutze die Gedanken aus den Büchern der Klugen, die hinten im Verzeichnis stehen. Willentlich und selbstbestimmt.
Ihr erster und letzte Gedanke?
Das Augenlicht ist bereits bis zum Urknall hin auf das Feinste materiell-energetisch erforscht. Der Augenblick noch nicht.
Also steh auf und geh. denn genau dort - im gelebten Jetzt - liegt die eigentliche Medizin.
In der Botschaft geht es wohl um Autonomie, die hier noch als Gabe verstanden wird: freies Handeln nach selbstbestimmten Regeln. Was heute natürlich und selbstverständlich erscheint, galt früher als göttliches Geschenk. Im Mittelalter gab es tausend Jahre lang ausserhalb der Kirche kein Heil: das Sein des Körpers werde durch die Seele bestimmt. Mit der Renaissance rückte die geistige und körperliche Bildung der Antike wieder ins Zentrum, bis der Mensch in der Neuzeit so frei war, sich seines Verstandes zu bedienen: er überliess die Seele der Kirche, trennte Körper vom Geist und nahm sich und seine technische Zukunft selbst an die Hand. Der aufgeklärte, moderne Mensch weiss zwar, dass er auch ohne Kirche und Sündenangst nicht ganz autonom ist, aber die Fähigkeit hat, autonom zu sein und Kontrolle ausüben kann: Wissen schafft Macht. Inzwischen können akute Leiden durch biomedizinische Technik beherrscht und gelindert werden.
Im Bereich der chronischen Erkrankungen sind diese Erfolge nicht zu erwarten, denn Schmerzsyndrome am Muskelskelett, kardiale Funktionsstörungen, Depressionen, Demenz und auch Krebsentartungen entstehen in der Beziehungswelt einer Person, werden dort aufrechterhalten und können daher auch nur dort diagnostiziert und behandelt werden. Heute denken wir Autonomie anders, denn wir wissen, dass unser Handeln zu großen Teilen durchb unbewusste Prozesse, Emotionen und neuronale Abläufe geprägt ist. Und doch bleibt die Überzeugung erhalten: wir können Einfluss nehmen auf unser Erleben und Verhalten. Die Frage wann und wo ein Mensch in die Entstehung und Verarbeitung seines Schmerzes selbst eingreifen kann, führt uns mitten in die Diskussion um Bewusstsein und dem " Selbst ". Denn Schmerz ist immer Schmerz für jemanden.
Damit ist " Beziehung " ist nicht nur das Leben mit den Anderen, sondern der lebendige Umgang mit dem eigenen " Selbst ", das kein technisches Ding im Körper sein kann. Die Suche nach dem inneren Ort für bewusstes Erleben, wo alle Erfahrungen räumlich da sind, ist vergeblich. Es existiert kein kleines Männchen, das " Ich " zu sich sagt und dem man Anstand und Haltungsübungen beibringen sowie entgleiste Schutzreaktionen abgewöhnen kann. Das Selbst ist nicht der Körper, nur in der Nähe davon - es teilt sich mit ihm das Lokal.
Die moderne Bewusstseins- und Schmerzforschung zeigt, dass unser Gehirn nicht einfach Schadreize weiterleitet, sondern fortwährend so etwas wie Wirklichkeit konstruiert. Dazu gehören die Wahrnehmung des Körpers, die Bewertung von Situationen, die Erinnerung an frühere Erfahrungen, die Erwartungen und Befürchtungen sowie soziale und zwischenmenschliche Bedeutungen.
Autonomes Handeln setzt voraus, dass wir davon selbst bewusst erkennen, was innen wirksam wird, was zwischen uns und den anderen passiert, wie wir auf Signale von aussen reagieren, die uns am eigenen Leibe widerfahren - und wo die bewusste Kontrolle aus unserer Perspektive, der 1. Person im Körper, beginnt und wo sie endet. Denn die Wahrnehmung von Körpersignalen für uns ebenso wenig auffällig, wie für Fische das Wasser. Die einfachsten und offensichtlichen Tatsachen sind schwer zu vermitteln, auch wenn sie in jeder Beziehung eine wichtige Bedeutung haben. Gerade Schmerz illustriert, das es einseits eine sensorische Komponente gibt, welche Ort, Intensität und Art des Schmerreizes betrifft und andererseits eine affektiv bewertende Komponente angibt, wie schlimm es für mich anfühlt und was das unangenehme Gefühl bedeutet. Beide Ebenen treffen sichbim bewussten Erleben.
Das bewusste Erleben, von dem was uns betrifft und betroffen macht, ist ein unruhiger Vorgang tief vorn im Grau des Gehirns, der sich aus so vielen Bruchstücken zusammennetzt, wie es Augenblicke gibt.
Das Augenlicht ist bereits materiell-energetisch bis zum Urknall hin auf das Feinste erforscht - der Augenblick noch nicht. Im Augenblick des bewussten Erlebens geschieht zweierlei fast gleichzeitig: 1. das Nervensystem erzeugt ein Erleben und 2. das Selbst nimmt dieses Erleben wahr, interpretiert es und reagiert betroffen darauf. Dieser Moment ist weder reine Biologie noch reine Willenskraft, sondern eine Schnittstelle, wo Vorgänge ins Stocken geraten und regulative Einwirkung beginnen kann. Das bedeutet nicht, dass Bewusstsein alles steuern kann - viele Muster sind körperlich bereits gelernt. Doch das bewusste Erleben ist der Ort, an dem diese Muster sichtbar, reflektierbar und veränderbar werden.
Licht kommt bekanntlich mit höchster Geschwindigkeit, pünktlich und zugleich als Welle daher. Als Kinder des Weltalls erblicken wir das Licht der Welt durch Sinneszellen im Auge, die in nachfolgenden Schichten physikalische Strahlung zu chemischer Information verwandelt, welche am Ende die Gehirnzellen messbar erregt. Bis die freie Energie in den Grauzonen des Gehirns auftaucht, wo das Bewusstsein vermutet wird.
Eine Rotverschiebung tritt ein, wenn sich das Licht eines sich von uns entfernenden Himmelskörpers zu längeren Wellenlängen hin verschiebt und uns dadurch röter erscheint. Eine Rötung der Haut deutet auf eine stärkere Durchblutung hin, die durch Entzündung oder andere Reize röter wird, als die Umgebung. In beiden Fällen erleben wir bewusst die Röte von dem Rot, aber auf unserer Netzhaut finden wir nur eine zweidimensionale Grauwertverteilung, aber niemals die Eigenschaft " Rot ". Das Feuern des optischen Nervs ist genauso wenig rot, wie das Feuern der Neuronen in den für das Schmerzempfinden verantwortlichen Regionen unseres Gehirns schmerzhaft ist - alles, was wir finden, sind unzählige feine elektrische Impulse, die uns irgendwie den Schmerz des Schmerzes bewusst erleben lassen.
Ohne Bewusstsein gibt es keinen Augenblick. Biologisch braucht es Zeit, bis der kontinuierliche Strom der Sinneseindrücke durch Sensoren diskret erkannt und abgegrenzt mit elektrischem Potential über chemische Stoffe an andere Nervenzellen weitergeleitet wird. Ist der Input nicht erregend genug, bleibt die Nervenzelle ruhig. Wenn die Neuronen jedoch über eine Schwelle hinaus zu diskreten Zeitpunkten feuern, sind die Eindrücke wieder kontinuierlich: wir haben nämlich nicht das Gefühl, nur einzelnde Bruchstücke der Welt zu erleben. Stattdessen erreicht uns ein ständiger Fluss von Eindrücken, woraus in jedem Moment wieder ein Beweggrund entstehen kann, etwas zu tun oder geschehen zu lassen. Aber nur das, was wir sehen, macht für uns Sinn. Genau genommen sehen wir nur von einem Augenblick zu einem anderen - von etwas, das eine endlose Flut sinnlicher Eindrücke ist. Der Augenblick ist das Zeitfenster jeder Bewegung, in dem Veränderung geschieht, schreiben Denker.
Zwar können wir mit den Augen sehen, aber nicht mit dem Gehirn denken. Das, was wir fühlen, denken und empfinden, passiert im Geist. Die Aufgabe zu erklären, wie unser bewusstes Erleben aus Materie hervorgeht, wird als das ' schwierige Problem ' bezeichnet. Für die meisten ist es sicherlich kein Problem, Gedanken diskret in Worte zu fassen und kontinuierlich in ganzen Sätzen zu sprechen. Sprechen ist sensomotorisches Handeln und löst etwas aus: selbst ein Lob nützt nichts, ohne die Ausschüttung von Hormonen.
' Ich benutze das Fahrrad nicht, das mir mein Leibarzt dort hingestellt hat. ' verriet einst Joseph Ratzinger seinem Biographen daheim im christlichen Rom. ' Ich teile mir die Kräfte ein, die mir der Herr gegeben hat'.
Der Mensch sei eingebettet in den Kosmos der Gesetze, wo Körper, Geist und Seele möglichst harmonisch sich zum Urgrund allen Daseins verhalten. Anders als die Tiere, die als Teil der Schöpfung einen Eigenwert haben, sei der Mensch ausgestattet mit Geist, dem Willen und einer Würde, die jede Reduktion auf Biologie und Materialismus ausschliesst. Dadurch habe er den Auftrag, sich seiner eigenen Natur bewusst zu sein und verantwortlich die Natur und Tierwelt zu hüten, ohne sich selbst als Schöpfer seiner selbst zu sehen.
Innerhalb der physikalischen Welt gibt es keine festen Bezugspunkte, wie die von Albert Einstein formulierte Relativitätstheorie besage. Es bleibe unsere Festlegung, wenn wir einen Bezugspunkt nehmen, um von dort das Ganze zu messen versuchen, weil wir nur so überhaupt zu Ergebnissen gelangen. Aber die Festlegung könne immer auch anders erfolgen.
Das scheine auch den geistigen Kosmos in unseren Zeiten des Umbruchs zu beschreiben. Die Wahrheit als solche, der Bezugspunkt des Denkens, sei nicht mehr sichtbar. Es gäbe keine Richtungen in einer Welt ohne feste Messpunkte. Was wir als Richtung ansehen, beruhe nicht auf einem wahren Massstab, sondern auf unserer Entscheidung und letztlich darauf, was nützlich ist.
Wenn es um wirklichen Fortschritt gehe, also um Mitwissen von Wahrheit und Gewissen, sei jeder Mensch als Mensch gefordert, über das Können hinaus, nach dem Sollen zu fragen. Die Gesprächsfront verlaufe zwischen Naturwissenschaft und Philosophie, der Glaube bleibt aussen vor.
Es ist anders geschehen, als von den Priestern ursprünglich erzählt. Der Mensch kann an sich arbeiten, sich verbessern und sich verändern. Einerseits sind horizontale Spannungen zu überwinden, mit denen Menschen umgehen müssen, um in der hiesigen Welt klarzukommen - womit Anpassung gemeint ist. Nämlich unser Vermögen, das innere Gleichgewicht trotz wechselnder äusserer Bedingungen aufrecht zu erhalten, sowie die Fähigkeit, aus Erfahrung zu lernen, Muster zu speichern, sich nach Verletzungen zu erholen sowie Angriffe an sich abprallen zu lassen.
Andererseits hat fast jeder den Drang nach Höherem, will über sich hinauswachsen und ist bereit, diese vertikalen Spannungen zu überwinden. Womit der Unterschied nach oben, zwischen dem was man ist und dem was man sein könnte, gemeint ist.
Offenbar gibt es Obergrenzen: bereits Adam und Eva wollten selbst bestimmen, was gut und böse ist und stellten eigene Wünsche über die göttliche Ordnung. Der Biss von Eva in den Apfel vom Baum der Erkenntnis gilt als Erbsünde: in katholischer Tradition ein Fall von freigeistigem Hochmut und in protestantischer Sichtweise eine selbstbezogene Rebellion. Schliesslich werde alles was bewegt wird, von einem anderen bewegt. Es könne aber nicht ins Unendliche so weitergehen. Also müsse es, so das Bewegungsargument von Th. v. Aquin, einen ersten unbewegten Beweger geben - und dieses höhere Wesen nennen alle Gott.
Dass die letzten Dinge bei Gott bleiben, ist nicht plausibel, denn die Erde ist kein Paradies.
.....wird fortgesetzt und noch geordnet....
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