Was kann ich selbst tun ?

 
 
 ' Steh auf und geh ! ' diese biblische Aufforderung findet sich in mehreren Evangelien. Der Ruf drückt eine tiefe menschliche Erfahrung aus: körperliche Heilung und  geistige Befreiung erscheinen als ein Moment, in dem ein Mensch wieder handlungsfähig wird . 
In der Botschaft geht es wohl um Autonomie, die hier noch als Gabe verstanden wird: freies Handeln nach selbstbestimmten Regeln. Was heute natürlich und selbstverständlich erscheint, galt früher als göttliches Geschenk. Im Mittelalter gab es tausend Jahre lang ausserhalb der Kirche kein Heil: das Sein des Körpers werde durch die Seele bestimmt. Mit der Renaissance rückte die geistige und  körperliche Bildung der Antike wieder ins Zentrum, bis der Mensch in der Neuzeit so frei war, sich seines Verstandes zu bedienen: er überliess die Seele der Kirche, trennte Körper vom Geist und nahm sich und seine technische Zukunft selbst an die Hand. Der aufgeklärte, moderne Mensch weiss zwar, dass er auch ohne Kirche und Sündenangst nicht ganz autonom ist, aber die Fähigkeit hat, autonom zu sein und Kontrolle ausüben kann: Wissen schafft Macht. Inzwischen können akute  Leiden durch biomedizinische Technik beherrscht und gelindert werden. 

Im Bereich der chronischen  Erkrankungen sind diese Erfolge nicht zu erwarten, denn Schmerzsyndrome am Muskelskelett, kardiale Funktionsstörungen, Depressionen, Demenz und auch Krebsentartungen entstehen in der Beziehungswelt  einer Person, werden dort aufrechterhalten und können daher auch nur dort diagnostiziert und behandelt werden. Heute denken wir Autonomie anders, denn wir wissen, dass unser Handeln zu großen Teilen durchb unbewusste Prozesse, Emotionen und neuronale Abläufe geprägt ist. Und doch bleibt die Überzeugung erhalten: wir können Einfluss nehmen auf unser Erleben und Verhalten. Die Frage wann und wo ein Mensch in die Entstehung und Verarbeitung seines Schmerzes selbst eingreifen kann, führt uns mitten in die Diskussion um Bewusstsein  und dem " Selbst ". Denn Schmerz ist immer Schmerz für jemanden.
Damit ist  " Beziehung " ist nicht nur das Leben mit den Anderen, sondern der lebendige Umgang mit dem eigenen " Selbst ", das kein technisches Ding im Körper sein kann. Die Suche nach dem inneren Ort für bewusstes Erleben, wo alle Erfahrungen räumlich da sind, ist vergeblich. Es existiert kein kleines Männchen, das " Ich " zu sich sagt und dem man Anstand und Haltungsübungen beibringen sowie entgleiste Schutzreaktionen abgewöhnen kann. Das Selbst  ist nicht der Körper, nur in der Nähe davon - es teilt sich mit ihm das Lokal.
Die moderne Bewusstseins- und Schmerzforschung zeigt, dass unser Gehirn nicht einfach Schadreize weiterleitet, sondern fortwährend so etwas wie Wirklichkeit  konstruiert. Dazu gehören die Wahrnehmung des Körpers, die Bewertung von Situationen, die Erinnerung an frühere Erfahrungen, die Erwartungen und Befürchtungen sowie soziale und zwischenmenschliche Bedeutungen.
Autonomes Handeln setzt voraus, dass wir davon selbst bewusst  erkennen, was innen wirksam wird, was zwischen uns und den anderen passiert, wie wir auf Signale von aussen reagieren, die uns am eigenen Leibe widerfahren - und wo die bewusste Kontrolle aus unserer Perspektive, der 1. Person im Körper, beginnt und wo sie endet. Denn die Wahrnehmung von Körpersignalen für uns ebenso wenig auffällig, wie für Fische das Wasser. Die einfachsten und offensichtlichen Tatsachen sind schwer zu vermitteln, auch wenn sie in jeder Beziehung eine wichtige Bedeutung haben. Gerade Schmerz illustriert, das es einseits eine sensorische Komponente gibt, welche Ort, Intensität und Art des Schmerreizes betrifft und andererseits eine affektiv bewertende Komponente angibt, wie schlimm es für mich anfühlt und was das unangenehme Gefühl bedeutet. Beide Ebenen treffen sichbim bewussten Erleben.
Das bewusste Erleben, von dem was uns betrifft und betroffen macht, ist ein unruhiger Vorgang tief vorn im Grau des Gehirns, der sich aus so vielen Bruchstücken zusammennetzt, wie es Augenblicke gibt.

Das Augenlicht  ist bereits materiell-energetisch bis zum Urknall hin auf das Feinste erforscht - der Augenblick  noch nicht. Im Augenblick des bewussten Erlebens geschieht zweierlei fast gleichzeitig: 1. das Nervensystem erzeugt ein Erleben und 2. das Selbst nimmt dieses Erleben wahr, interpretiert es und reagiert betroffen darauf. Dieser Moment ist weder reine Biologie noch reine Willenskraft, sondern eine Schnittstelle, wo Vorgänge ins Stocken geraten und regulative Einwirkung beginnen kann. Das bedeutet nicht, dass Bewusstsein alles steuern kann - viele Muster sind körperlich bereits gelernt. Doch das bewusste Erleben ist der Ort, an dem diese Muster sichtbar, reflektierbar und veränderbar werden.

Licht kommt bekanntlich mit höchster Geschwindigkeit, pünktlich und zugleich als Welle daher. Als Kinder des Weltalls erblicken wir das Licht der Welt durch Sinneszellen im Auge, die in nachfolgenden Schichten physikalische Strahlung zu chemischer Information verwandelt, welche am Ende die Gehirnzellen messbar erregt. Bis die freie Energie in den Grauzonen des Gehirns auftaucht, wo das Bewusstsein vermutet wird.
Eine Rotverschiebung tritt ein, wenn sich das Licht eines sich von uns entfernenden Himmelskörpers zu längeren Wellenlängen hin verschiebt und uns dadurch röter  erscheint. Eine Rötung der Haut deutet auf eine stärkere Durchblutung hin, die durch Entzündung oder andere Reize röter  wird, als die Umgebung. In beiden Fällen erleben wir bewusst die Röte  von dem Rot, aber auf unserer Netzhaut finden wir nur eine zweidimensionale Grauwertverteilung, aber niemals die Eigenschaft " Rot ". Das Feuern des optischen Nervs ist genauso wenig rot, wie das Feuern der Neuronen in den für das Schmerzempfinden verantwortlichen Regionen unseres Gehirns schmerzhaft ist - alles, was wir finden, sind unzählige feine elektrische Impulse, die uns irgendwie den Schmerz des Schmerzes bewusst erleben lassen.
Ohne Bewusstsein gibt es keinen Augenblick. Biologisch braucht es Zeit, bis der kontinuierliche  Strom der Sinneseindrücke durch Sensoren diskret  erkannt und abgegrenzt mit elektrischem Potential über chemische Stoffe an andere Nervenzellen weitergeleitet wird. Ist der Input nicht erregend genug, bleibt die Nervenzelle ruhig. Wenn die Neuronen jedoch über eine Schwelle hinaus zu diskreten Zeitpunkten feuern, sind die Eindrücke wieder kontinuierlich: wir haben nämlich nicht das Gefühl, nur einzelnde Bruchstücke der Welt zu erleben. Stattdessen erreicht uns ein ständiger Fluss von Eindrücken, woraus in jedem Moment wieder ein Beweggrund entstehen kann, etwas zu tun oder geschehen zu lassen. Aber nur das, was wir sehen, macht für uns Sinn. Genau genommen sehen wir nur von einem Augenblick zu einem anderen - von etwas, das eine endlose Flut sinnlicher Eindrücke ist. Der Augenblick ist das Zeitfenster jeder Bewegung, in dem Veränderung geschieht, schreiben Denker.

Zwar können wir mit den Augen sehen, aber nicht mit dem Gehirn denken. Das, was wir fühlen, denken und empfinden, passiert im Geist. Die Aufgabe zu erklären, wie unser bewusstes Erleben aus Materie hervorgeht, wird als das ' schwierige Problem ' bezeichnet. Für die meisten ist es sicherlich kein Problem, Gedanken diskret in Worte zu fassen und kontinuierlich in ganzen Sätzen zu sprechen. Sprechen ist sensomotorisches Handeln und löst etwas aus: selbst ein Lob nützt nichts, ohne die Ausschüttung von Hormonen.

 

' Ich benutze das Fahrrad nicht, das mir mein Leibarzt dort hingestellt hat. ' verriet einst Joseph Ratzinger  seinem Biographen daheim im christlichen Rom.  ' Ich teile mir die Kräfte ein, die mir der Herr gegeben hat'. 
Der Mensch sei eingebettet in den Kosmos der Gesetze, wo Körper, Geist und Seele möglichst harmonisch sich zum Urgrund allen Daseins  verhalten. Anders als die Tiere, die als Teil der Schöpfung einen Eigenwert haben, sei der Mensch ausgestattet mit Geist, dem Willen und einer Würde, die jede Reduktion auf Biologie und Materialismus ausschliesst. Dadurch habe er den Auftrag, sich seiner eigenen Natur bewusst zu sein und verantwortlich die Natur und Tierwelt zu hüten, ohne sich selbst als Schöpfer seiner selbst zu sehen. 
Innerhalb der physikalischen Welt gibt es keine festen Bezugspunkte, wie die von Albert Einstein  formulierte Relativitätstheorie besage. Es bleibe unsere Festlegung, wenn wir einen Bezugspunkt nehmen, um von dort das Ganze zu messen versuchen, weil wir nur so überhaupt zu Ergebnissen gelangen. Aber die Festlegung könne immer auch anders erfolgen.
Das scheine auch den geistigen Kosmos in unseren Zeiten des Umbruchs zu beschreiben. Die Wahrheit als solche, der Bezugspunkt des Denkens, sei nicht mehr sichtbar. Es gäbe keine Richtungen in einer Welt ohne feste Messpunkte. Was wir als Richtung ansehen, beruhe nicht auf einem wahren Massstab, sondern auf unserer Entscheidung und letztlich darauf, was nützlich ist.
Wenn es um wirklichen Fortschritt gehe, also um Mitwissen von Wahrheit und Gewissen, sei jeder Mensch als Mensch gefordert, über das Können  hinaus, nach dem Sollen  zu fragen. Die Gesprächsfront verlaufe zwischen Naturwissenschaft und Philosophie, der Glaube bleibt aussen vor.

 

 

Es ist anders geschehen, als von den Priestern ursprünglich erzählt. Der Mensch kann an sich arbeiten, sich verbessern und sich verändern. Einerseits sind horizontale Spannungen zu überwinden, mit denen Menschen umgehen müssen, um in der hiesigen Welt klarzukommen - womit Anpassung gemeint ist. Nämlich unser Vermögen, das innere Gleichgewicht trotz wechselnder äusserer Bedingungen aufrecht zu erhalten, sowie die Fähigkeit, aus Erfahrung zu lernen, Muster zu speichern,  sich nach Verletzungen zu erholen sowie Angriffe an sich abprallen zu lassen.
Andererseits hat fast jeder den Drang nach Höherem, will über sich hinauswachsen und ist bereit, diese vertikalen Spannungen zu überwinden. Womit der Unterschied nach oben, zwischen dem was man ist und dem was man sein könnte, gemeint ist.
Offenbar gibt es Obergrenzen: bereits Adam und Eva wollten selbst bestimmen, was gut und böse ist und stellten eigene Wünsche über die göttliche Ordnung. Der Biss von Eva in den Apfel vom Baum der Erkenntnis gilt als Erbsünde: in katholischer Tradition ein Fall von freigeistigem Hochmut und in protestantischer Sichtweise eine selbstbezogene Rebellion. Schliesslich werde alles was bewegt wird, von einem anderen bewegt. Es könne aber nicht ins Unendliche so weitergehen. Also müsse es, so das Bewegungsargument  von Th. v. Aquin, einen ersten unbewegten Beweger geben - und dieses höhere Wesen nennen alle Gott.

Dass die letzten Dinge bei Gott bleiben, ist nicht plausibel, denn die Erde ist kein Paradies.

 

 

 

 

 

 

 

.....wird fortgesetzt und noch geordnet....

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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