Schlechte Gefühle durch gute ersetzen

Unbestritten hängt das Prinzip des gesunden Erlebens mit körperlicher Bewegung zusammen. Wer dem widerspricht, ist keiner von uns. Schließlich ist unser Organismus auf eine Gehbelastung von täglich 15 bis 20 km ausgelegt. Gehen beruht auf der abwechselden Streckung und Beugung von Muskeln, die von Nervenzellen im Rückenmark und Gehirn gesteuert werden. Bei jedem Schritt erfolgt die rückwärtige Einstellung der Gelenke untereinander unwillkürlich, selbsttätig und nach erfahrenen Mustern, um die jeweils günstige Position für den passenden Kraftaufwand zu finden. Von alters her  beste Gelegenheit, dem Organismus eine Situation zu verschaffen, in der die Nerven zur Ruhe kommen. Allein ein zügiger Spaziergang von 3 km führt schon zu einer Beckenaufrichtung, Entlastung der Lordose der Lenden- und Kyphose der Brustwirbelsäule und Zurücknahme der Halswirbel samt Kopf gegenüber dem Schwerpunkt. Wer bisher nicht gern schweigsam für den gesunden Zweck unterwegs war, kann das nicht mit einem einfachen Willensentschluss ändern. Dazu braucht es das gute Gefühl. Das entsteht von selbst, wenn viele Sinneskanäle aufblühen, erlebte Reize nützlich, anwendbar und persönliche Bedeutung erhalten, indem das Erlebte einerseits neu ist, andererseits gut an bereits vorhandenes Wisssen anknüpfen kann, dazu nichts überreizt wirkt, kein Druck herrscht sowie ausreichend Wiederholungen stattfinden. Gönnt man sich 10 000 Schritte, also 10 000,- starke Bewegungsimpulse am Tag, zügig im Tempo knapp unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, stellt sich die gute Stimmung von selbst ein. Trübe, verwirrte oder fremdbestimmte Gedanken werden geordnet und durch eine schöpferische Ruhe im Kopf ersetzt. Frauen sind von Natur aus anders, sind beweglicher, brauchen weniger Aufwand für eine ausgeglichene Energiebilanz, verstehen mehr vom Leben der andern und meinen 3000 Schritte mehr am Tag sind genug. Egal wann, seit jeh beste Gelegenheit, tief durch zu atmen und dem Organismus eine Situation zu verschaffen, in der die Nerven zur Ruhe kommen.

 

Laufen ist zweifellos sportlicher. Natürlich gehört zur menschlichen Großerfahrung, dass regelmäßiger Waldlauf den Schnupfen verhindern kann. Doch wer rennt schon in den Wald, um seine triefende Nase zu behandeln. Sport ist also keine Therapie, sondern ein Eigenwert und dieser liegt in der Wiederholung, nicht im Format. Sport ist Beschleunigung und muss Spass machen. Sport ist Simulation des Ernstfalls. Unabhängig von Status und Statur ist es besser, schleunigst so zu tun, als ob dieser eintreten würde. 
Frühere Beobachter unterschieden aufrecht gehende Typen nach Gazellen, Hirschkühen und Elefanten, was nicht sehr schmeichelhaft, aber erkenntnistheoretisch treffend war. Rassenbezogene und selektionsgetriebene Gedanken waren zwar nicht verboten, aber bedenklich und haltlos. Politisch korrekt ist die Einteilung in endomorphe, mesomorphe  und ektomorphe  Grundtypen. Der endomorphe Körperbau besitzt einfach mehr Körperfett, während sich die mesomorphe Figur muskulöser aufrichtet und die ektomorphe Gestalt eine geringe Breite, dafür mehr Höhe zu bieten hat. Auf der einen Seite imponiert der mehr asthenische  Typus mit dem athletischen  Bewegungsapparat. Auf der anderen Seite steht die schlankwüchsige  Birke schwankend im Wind und dem breitwüchsigen Erscheinungsbild der sturmfesten Eiche gegenüber. Egal ob Hungerhaken oder aerodynamische Tropfenform: jeder besitzt von jedem etwas. Mal mehr, mal weniger talentiert für die Weltspitze in ausdauernden, kräftigen oder koordinativen Wettbewerben, oder um höher, schneller und weiter als der Nachbar zu kommen.         

 

 

Die Frage, was man selbst tun kann oder geschehen lassen müsse, ist verbunden mit der Frage, was denn das Eigene sei. Das Unterdrücken von Bewegungen, die Schmerzhemmung in Form von Spannungsstörung sowie das unangenehme Gefühl sind wichtige Eigenarten unseres vorgeformten Schutzverhaltens. Wenn jemand wirklich nicht mehr viel leisten kann, ist die Ursache in der Regel schlechte Gesundheit. Das kann jeden in jeder Lebensphase treffen. Was die Körperkraft betrifft, sollten wir Kulturerben eher gegen kräftezehrende Lebensweisen ankämpfen und regelmäßig Spaziergänge, in einem Tempo knapp unter der Schwelle zur Aufmerksamkeit, in den Alltag integrieren.  Schwimmen, Rudern, Radfahren sind weitere dynamisch regelnde Formate im geschlossenen Bewegungskreis, die sich immer dann günstig auf das Gleichgewicht von Hemmung und Erregung, von Denken und Nachdenken auswirken, wenn der Impuls aus innerem Antrieb, also ohne den Druck durch Trainer, Zeit oder Geräte kommt.
Wie wir alle jetzt wissen, hat das mechanische Erklärungsmodell des Organismus zwar seine unbestreitbaren Vorteile im Erhalt des Lebens. Aber der lebende Körper ist mit all seinen Funktionen auf Gegenleistungen einer passenden Umwelt angewiesen. Wir können nur unter bestimmten Bedingungen atmen, das Fließgleichgewicht des Stoffwechsels kann nicht überall und jederzeit alle Stoffe verwerten und das Muskelskelett kann sich nur im Widerstand mit der entsprechenden Schwerkraft bewähren. Dieser ständige Austausch mit der Umwelt ist nicht mechanisch zu erklären, sondern nur als etwas Eigenartiges zu verstehen, was uns als körperliche und geistige Einheit ständig ändert und anpasst. Die Regeln dafür sind verborgen und weder in den physikalischen Bewegungsgesetzen zu finden, noch im Zeitpfeil zur Erhaltung der Energie.
Vorbeugend  gilt es nach wie vor, den Ernstfall der Anpassung zu üben, künftige Bewegungsabläufe vorwegzunehmen und fehlerhafte Lerneffekte oder Musterbildungen nicht zuzulassen. Therapeutisch  geht es eher darum, die Schmerzbremse im Bindegewebe zu lösen und in den neurochemisch gestörten Stoffwechsel zwischen bindegewebigen Schichten, Bandansätzen und Gelenkkapseln mit direkten oder indirekten Grifftechniken rückkoppelnd einzugreifen.

Im Sport und physiotherapeutischen Fitnessbereich hat sich der Begriff der muskulären Dysbalance verbreitet, denn diese Sichtweise nimmt Unsicherheit, gibt Orientierung und macht handlungsfähig. Der Begriff soll die fehlerhafte Zusammenarbeit von " verkürzten " oder " abgeschwächten " Muskeln bezeichnen und spezifische Dehn- und Kräftigungsübungen einfordern. Grundlage war die Theorie, dass langsam arbeitende, tonische Muskeln für Haltungsaufgaben zuständig seien und zur Verkürzung neigen. Dagegen würden die schnell kontrahierenden, phasischen Fasertypen vorwiegend Bewegungen steuern und sich abschwächen. Diese Theorie muss neuroanatomisch als überholt angesehen werden, denn viele Einflüsse führen zur verminderten Kraftentwicklung ( Abschwächung ) oder verminderter Beweglichkeit ( Verkürzung ). Tonische, also langsam zuckende Fasern, welche angeblich zur Verkürzung neigen, finden sich auch in solchen Muskeln, die vorwiegend schnell zucken und umgekehrt. Vornehmlich die Hüftbeuger, welche häufig in der Praxis verkürzt sind, haben einen hohen Anteil an langsam zuckenden Elementen. Dagegen zuckt der nach Knieverletzungen typisch abgeschwächte m. vastus medialis beim Strecken ziemlich langsam. Auch bei den Bauchmuskeln werden Typisierungen für Schwächen benutzt, welche weder die komplexen sensomotorischen Fehlspannungen, noch die dynamischen Druckeigenschaften im Rippenthorax und Bauchraum berücksichtigen oder die biomechanische Körperstatik in Bezug zum Lebensalter setzen. Verkürzte Bauchmuskeln auf dem Rücken zu üben ist zwar im mainstream populär, jedoch kinästhethisch vulgär und biomechanisch eine Mär.     

Trotz populärer Verbreitung gibt es keine belastbaren Belege für die Ansicht, dass die körperliche Leistung eines Menschen von seinen konzentrierten Kraft- und Dehnübungen abhänge. Träfe diese Übungspflicht zu, dürften wir erwarten, dass die evolutionäre Entwicklung solches Verhalten auch in die Natur der Tiere eingespleisst hätte. Aber kein Löwe klemmt sich abends zwischen zwei Bäume und kein Beutetier verkümmert während seiner Jagd, weil es im Eifer des Gefechts seine tonischen Dehn- und phasischen Kräftgungsübungen versäumt hat. Eine Katze dehnt sich nicht, weil sie dann besser zum Sprung ansetzt. Die Katze dehnt sich, wenn sie sich wohl fühlt.

Um der Wahrheitsfindung zu dienen, wird die Störung einer myofascialen Funktionseinheit mit schmerzhaften Druckpunkten, Kontrollverlust  der Bewegung, eingeschränkte Verlängerbarkeit  der Muskeln und Abschwächung ihrer Kraft durch reflektorische Hemmung, von der aktuellen Schmerzphysiologie umfassend beschrieben. Diese Eigenschaften können sowohl Ursache als auch Folge von Fehlbelastung des Bewegungssystem sein.
Es ist nicht der Muskel, der uns mit seiner Schwäche schädigt. Eher liegt es an unser Gewohnheit, dass wir die Anwesenheit von Schwäche für einen Mangel an Stärke halten. Deswegen überwiegt wohl die Annahme, der Muskel bewege sich nur, wenn eine Kraft auf ihn einwirke. Sobald die Kraft aufhöre, lasse auch seine Bewegung nach. Folglich ist die Meinung in den Hirnarealen sehr verbreitet, es sei der schwache Muskel die Ursache, welche das Gelenk verzieht und gar Bandscheiben lockert. In den Verästelungen wird nicht klar, dass ein Körperteilchen solange in seiner Bewegung fortfährt, wie keine Kraft auftritt, die es daran hindert.

 

Abgesehen von der Sportart oder haltungstypischen Gewohnheiten, liegen der Muskelanspannung sehr viele, im Einzelfall schwer überschaubare Faktoren zugrunde. Die Muskulatur wird einerseits zentral angesteuert und erhält andererseits Informationen über den internen Zustand des biologischen Systems. Einerseits vom Gelenk zum führenden Leitgewebe ( Wegzieh-Reflex ), anderseits vom spannungsgestörten Gewebe zum Gelenk als Abwehr des gesamten Organismus ( protektives Schmerzverhalten ).  Dieser umfassende Mechanismus kann wiederum zu einseitigen Belastungen der Bandführung führen, was erneut Schmerz in tieferen bindegewebigen Schichten ausgelöst und die Ausbreitung beschleunigt. Häufige und vermehrt einströmende Meldungen, sowohl vom Stellungssinn ( propriozeptiv ), als auch von den feinen Nervenenden ( nozizeptiv ), ändern das Bewegungsmuster spürbar und unabhängig von dem Lebensalter. Jeder Organismus reagiert auf nozizeptive Reize aus der Haut, aus Organgeweben, aus Gefässen, aus Muskeln, aus Knochen oder aus nervösen Verschaltungen seiner Nerven im Sinne einer motorischen Systemaktivierung. Im Erscheinungsbild imponiert eine schmerzbedingte Störung der Balance von Hemmung und Erregung im Muskelskelett als Abwehrspannung im Rumpf und Bauch, Wegziehfunktion an Armen und Beinen, Beckenschiefstellung mit wechselwirkenden Verzug der Extremitätengelenke, Gangstörung bei aktivierter Entzündung abgenutzter Knorpelanlagen, Fehlhaltung bei nervösen Blockaden der Wirbelgelenke von Kopf bis Fuß, entzündlichen Fehlspannungen der bindegewebigen Hüllen u.v.m. Bei der Einfahrt von peripheren Reizen aus sämtlichen Körperteilen in das Rückenmark bündeln konvergierende Nervenzellen die Information zu einer Reizsummation, welche aufsteigend zum Gehirn von bestimmten Nervenzellen als Reizsummation gebündelt werden. Das Gehirn selbst empfängt als keine Muskelreize, Hautreize oder Knochenreize oder Darmreize. Es erkennt nur überschwellige Reize, die entweder räumlich als intensive Bewegung registriert oder zeitlich durch kleine Wellen zum Kavenzimpuls werden und damit Abwehrreaktionen auslösen sollen.

Natürlich komprimieren starke Muskeln die Gelenke, aber ihre Fehlspannungen kompromittieren seinen Inhaber nicht so, als habe sein Rückenschmerz mit einem Kraftproblem zu tun. Die lähmend empfundene Schwäche von Rumpf, Bein oder Arm ist zunächst eine eine Folge des reflexartigen Schutzverhaltens von Gelenk oder Organismus und nicht dessen Ursache. In den meisten Fällen sind anhaltende Rücken- oder Gelenkbeschwerden zwar auf muskuläre Funktionsstörungen innerhalb ihrer bindegewebigen Bandführung zurückzuführen. Jedoch verlieren diese körperlichen Vorgänge  schnell ihre Bedeutung und werden abgelöst durch Beweggründe, bei denen vernünftige Überzeugungen und daraus resultierendes Verhalten im Vordergrund steht. Sport macht nicht schlank, sondern verhindert die aerodynamische Tropfenform. Allerdings bringt Sport keine Zinsen, sein entzündungshemmender Wert liegt in der Wiederholung. Durch Mithilfe von Krafttraining ist es durchaus möglich, vorbeugend  einen strafferen, durchtrainierten Körper zu erkämpfen. Mit Anstrengung gegen Widerstand werden Muskeln im Querschnitt aufgebaut und Fettpolster gleichzeitig durch erhöhten Energieverbrauch abgebaut. Je mehr Muskelmasse man besitzt, um so mehr Kalorien können verbrannt werden. Die Wirkungen sind indirekt, denn nicht jede Anstrengung bringt Muskeln. Ist die Aufmerksamkeit hauptsächlich auf vielseitig geschmeidige und mustergültige Bewegung gerichtet, wird lediglich die Abstimmung der Gelenkführung untereinander geübt ( Koordinationstraining ). Ergonomisch unsaubere und hastige Abfolgen nützen dann gar nichts.Bei kleinen Gewichten liegt die Betonung stattdessen auf 20 bis 40 Wiederholungen in mehreren Sätzen mit Pausen von höchstens 1 Minute. Mit diesem Format wird die Energieverwertung in den Muskelzellen stark motiviert ( Kraft-Ausdauer-Training ). 
Sind die myofaszialen Dysfunktionen von selbst oder fachmännisch beseitigt, kann die Intensität in lediglich 8 bis 15 Wiederholungen schrittweise mit minütlichen Pausen gesteigert werden ( Muskelaufbau-Training ). Um alle Fasern des Muskels zu erreichen, eignen sich 1 bis 3 Wiederholungen mit maximal tragbarem Widerstand in 3 bis 6 Sätzen und längeren Pausen von 5 Minuten. ( Schnellkraft-Training ). Weil kleine Fehler bei großen Lasten schon böse Folgen haben, ist diese Trainingsform nur etwas für Geübte. Allerdings passt man sich an die Geräte an, an sonst gar nichts.

Für das Denken ist der Sport wie ein Zurückstellen auf null. Wenn man eine Stunde läuft oder drei, vier Stunden Rad fährt, wirkt die Bewegung wie ein großer Schwamm, mit dem die schwarze Tafel des Bewusstseins wieder blank gewischt wird. Derjenige, der vom Training zurückkommt, ist nicht derselbe, der losgefahren ist. Die monotone Bewegung fördert Bewusstseinszustände jenseits der ich.bezogenen Sorgen. Andere Methoden, den Geist über den  Körper zu bearbeiten, sind weniger freundlich.
Allerdings ist eine anhaltende Fehlspannung weder auf frühkindlich erworbenes Fehlverhalten, noch auf skoliotisch vorgeformte Fehlstellungen zurückzuführen. Für Einlagenpflicht gibt es ebenfalls keinen Beleg. Vielmehr passiert uns allen der Verlust der Muskelkontrolle in manchen Lebensepisoden durch neurochemische Schmerzreaktionen. Auf lange Sicht führen Ängste vor körperlicher Belastung und mühsam erworbenes Vermeidungsverhalten zu einer muskulären Dekonditionierung, genauer Mangeldurchblutung der bindegewebigen Schichten. Das wird von interessierten Gruppen als Schwäche ausgelegt. Die Muskeln sind aber nicht schwach, sondern durch absteigende Bahnungen gehemmt und dadurch gestresst.
Seriöse Studien belegen tatsächlich die Minderung des chronischen Schmerzerlebens durch regelmäßiges Krafttraining, aber kein Leistungssportler kann den gemessenen Bewegungszuwachs mit gleicher Methode erreichen. Die Schmerzminderung ist also nicht in der Methode der Geräteanwendung, sondern im neurochemischen Stoffwechsel und Belohnungsverhalten zu suchen. Damit spielt das subjektive Erleben der Selbstkontrolle und die Wahrnehmung jeder Form von Bewegung die Hauptrolle, denn selbst ein Lob nützt nichts ohne die Ausschüttung von Hormonen.

Die normale Kraftübertragung im Muskelskelett  passiert nicht nur über Sehnen, Bänder und Kapseln an das Gelenk, sondern auch quer zu nachbarlich und parallel zu gegenläufig arbeitenden Muskeln ( myofaszial  ). Dem gesamten Bindegewebsgerüst werden wichtige Aufgaben für die Koordination der motorischen Bewegung im Raum und die vorsorglich sichernde Schonhaltung nach Schadreizen zugeschrieben. Faszien sind Teil des Bindegewebes, liegen einerseits wie ein Neopren-Anzug oberflächlich unter der Haut, bilden andererseits spannende Brücken zwischen den Gelenken und verbinden Muskeln durch feine Hüllen, besonders zart im Wirbelkörpergefüge. Ihr seltsames Rollenspiel ist noch ungeklärt. Das gilt auch für Faszienrollen, deren Hin und Her über Gefäße und Nerven leider nicht wie versprochen für die Auflösung, sondern für eine Verschiebung des Spannungsstaus zwischen den Gelenken sorgen und damit für periphere Verklebungen mitverantworlich sind. 

 

 

Gelenke sind nicht nur in Armen und Beinen enthalten, sie wirken auch an Wirbelkörpern und Rippen als Übergänge für Druckkräfte und Zugspannungen. Ein körperweites Spannungsnetzwerk von bindegeweblichen Hüllen, kurz Faszien  genannt, dient als elastisches Zugelement und überträgt die Spannungslasten des Alltags. Mit ihrer Bedeutung verlieren Knochen und Knorpel ihre dominante Rolle im druckaufnehmenden Verbund und dienen nun als Platzhalter für die tägliche Form. Dafür bewegen sich die vielschichtigen Fasziengewebe mehr als früher gedacht, ziehen ihre Fasern reflexartig zusammen und entspannen die fibrösen Zellen wieder wie zuvor. Viel langsamer als Muskeln, jedoch stetig und immer unwillkürlich. Faszien sind zwar weniger durchblutet, jedoch mindestens so stressbegabt und nervös ausgestattet wie Muskeln. Deshalb reagieren ihre tiefen Schichten ebenso schützend auf mechanischen Reiz und Schwingung, auf Hitze und Kälteschwankung, auf jede saure Änderung im chemischen Milieu und besonders lange auf eine anhaltend schiefe Stellung im Raum.
Unabhängig von sensomotorischen Bahnen findet auf den verbindenden Geweben ein erregter Reizübergang statt, der die Zuggurtung der Gelenke untereinander einseitig verstellt. Auf der einen Seite raubt die sensible Spannungsstörung den Muskeln, Faszien, Bändern und Gelenken derart die Freiheit, bis unspezifisches Spannungsrauschen die gelenkeigene Schadschwelle überwindet und intern schlummernde Nervenenden weckt, die das Gelenkmilieu, nunmehr spezifisch, entzünden.

Das Verständnis für die myofasziale Dysfunktion  im Beckenring ändert die Empfehlung zur Vorbeugung oder Behandlung von dem unspezifischen Kreuzschmerz. Gern wird aus einer aysmmetrischen Bindegewebsstruktur die Meinung abgeleitet, ein verkürzter Muskel sei das schwache Glied der Funktionskette. Wer jedoch nach Durchtrennung des Bindegewebes ein Hüftgelenk ersetzt hat, erlebt noch intraoperativ das volle Bewegungsausmaß und spürt gleich postoperativ den straffen Muskelzug. Auch nach extremen Überdehnungen, Umknicken oder Luxationen der Gelenke bleibt der Muskel in der Regel von einem traumatischen Gewebeschaden verschont, weil der elastische Faseranteil nur etwa ein Drittel der Gesamtlänge ausmacht. Präpariert man einen Muskel in vivo vom Ursprung bis Ansatz, verkürzt sich das Gewebe sofort um etwa 20 % seiner Länge. Die Differenz macht die Grundspannung im lebendigen Leibe aus.
Die Schmerzbefreiung durch Behandlung des Bindegewebes  ist der Hauptgrund für den wiedergewonnenen Bewegungszuwachs. Diese Tatsachen sollten bei der Empfehlung zum Beckenbidentraining dringlich überdacht werden. Auch in diesem heiklen Bereich braucht nicht der statische Zustand der Schließmuskel eine Erklärung, sondern umgekehrt: die genaue Darstellung der bindegewebigen Barrieren, welche den fließenden Strom der Nerven hemmt, die Blutzufuhr drosselt und den Spannungsstau der Flüssigkeiten bewirkt, ist von heilsamer Bedeutung.

 

Kaum sind die Kinder aus dem Haus,
wird das Leben zur Aufgabe. Das biologische und das gefühlte Alter widersprechen einander dann immer stärker. Ältere Menschen erleben so etwas wie Dauerstress, denn alles, was mit Geschwindigkeit zu tun hat, geht zurück. Sogar der Austausch der Zellen und die Arbeit ihrer Moleküle und Ionen. Aber Stress hat nur der, der seine Möglichkeiten nicht kennt. Generell kann der natürliche Abbbau von Muskelkraft durch Krafttraining nicht aufgehalten werden. Aber das Risiko der  Sturzgefahr mit seinen gesundheitlichen Folgen beginnt schon früher als man denkt. Um den Abbau zu begrenzen sind Ausdauersportarten effektiv für die Herzleistung sowie die Kombination aus Koordination, Kraft und Ausdauerport segensreich für das Muskelskelett und zwar in jedem Alter. Der Altersabbau, auch Atrophie bezeichnet, hängt mit der geringeren Erzeugung von Muskelproteinen zusammen, was zu einem Verlust von etwa 40% der Muskelfasern bis zum 70-ten Lebensjahr führt. Dies betrifft die schnell kontrahierenden Fasern vom Typ II, sodass die Schnellkraft doppelt so stark abnimmt, wie die Maximalkraft. Unterwegs verringert sich vor allem die Muskelfunktion mit ca. 4% pro Jahr schneller, als die Muskelmasse, welche nur unmerklich mit 1 % / Jahr abnimmt. Auch die zellen, welche für die Regeneration, also die Muskelproteinbiosynthese zuständig sind, reduzieren ihre Arbeitsleistung merklich, sodass ein betagter Mensch durch Immobilisierung in 10 Tagen ca. 10-20% seiner Kraft verliert.
der verminderte Muskelumsatz hat viele Ursachen. Natürlich ist der physiologische Abbau des Reizverkehrs am Übergang von Nervenversorgung an die Muskeln sowie  der anatomische Verlust ganzer Einheiten der vollständigen Muskelmotorik anzuführen. Aber vor allem die chronisch schmerzhemmenden Auswirkungen der Schutzmechanismen ( myofasciale Dysfunktion) , daraus entstehende feingewebliche Entzündungen, modernisierte Fehlernährung und gewohnt vermindertes Bewegungsverhalten tragen dazu erheblich bei. Zuckerüberschuß und fehlende Flüssigkeit unterstützen das Enzündungsaltern im Bindegewebe.
Ältere Menschen haben außerdem einen höheren Bedarf an Proteinen. Die Muskulatur gilt den Experten als der größte Aminosäurespeicher. Bei Abbauvorgängen durch Mangeleernährung oder akute Entzündung entstanden, wird dieser zuerst genutzt, während neurologische Strukturen eher geschützt werden. Zugleich benötigen ältere Leute eine höhere Proteinzuführ, um den gleiche Synthese der Muskelproteine zu erwirtschaften. Täglich ein paar Nüsse knacken gibt nicht nur kräftige Hand- sondern auch Beinmuskeln.    

 

 

Natürlich hilft mäßige, aber regelmäßige Bewegung nach vorn schon enorm, um den örtliche Stoffwechsel anzuregen. Dagegen führt jede Überlast zu erhöhten Abbauprodukten, welche nicht abtransportiert werden. Zudem führt Zucker und salzreiches Essen zu einem niedrigem pH-Wert und damit zur Ausbreitung von übersäuertem Gewebe. Auch die eingeschränkte Atmung durch Dysfunktionen im Thorax und Zwerchfell spielt für die Übersäurung eine wenig beachtete, aber entscheidende Rolle. Niedrige Temperaturen fördern die Steifigkeit und Verklebung der Bindegewebe. Warme Schichten über der Haut können die thermischen Schadreize mindern. Hormone können die Stoffwechsellage und die Elastizität des Gewebes drastisch und schnell änderen. Der Ausgleich ist jedoch wegen der Schwankungen im Tag-Nacht-Rhythmus extrem schwer zu dosieren. Vorsicht: wie immer macht die Dosis das Gift. Da die Hormonbildung auch durch Zellen im Bindegewebe stattfindet, ist ihre Anregung durch aktive und passive Mobilisation das erste Mittel der Wahl.

 Natürlich braucht der langsame Muskelschwund im Alter neben Proteinen auch den täglichen Parcour. Training ist die Simulation des Ernstfalls, indem man schleunigst so tut als ob. Der Ernstfall ist die stetige Schwerkraft und Vorsicht zur Abwehr. Die Entscheidung darüber fällt im Kopf. Wahr ist, dass Sport Spass machen muss, damit die Prozesse beschleunigt werden, wirklich egal, wie alt man gerade ist. Wer bisher ohne Eigenübungen ausgekommen ist, kann dieses nicht einfach durch einen Willensentschluss ändern. Zur freiwilligen Beschleunigung braucht es einen vitalen Antrieb, einen Affekt, also das gute Gefühl, um den freien Willen zur Bewegung zu wecken. Es gibt nämlich keinen vorgeformten Bewegungstrieb, der ähnlich antreibt, wie die Suche nach Nahrung oder Erhaltung der Art. Die Suche nach Befriedigung wird über die Echos früh geprägter Erfahrungen und das vorgeformte Talent zur kinästhetischen Sinnesleistung gesteuert. Der tiefe Drang zur Wiederholung entsteht durch Spass, Ausschüttung von Belohnungshormonen und dem daraus entstehenden starken Gefühl der Sicherheit und Kontrolle. Eine tatkräftige Bewegung an sich beseitigt keine schmerzhaft entzündlichen Stoffwechselvorgänge bei myofaszialen Dysfunktionen, belohnt jedoch die Anpassungsbemühungen durch Blutzufuhr und Abtransport am Ort.
Wenn neue Fertigkeiten notwendig sind, erfolgt die optimale Anpassung der körperlichen Belastung als Leistung des gesamten Organismus samt Selbstmodell. Im zentralen Nervensystem einschließlich Rückenmark und den Gehirnarealen findet ebenso wie im peripheren Muskelskelett samt vegetativen und sensomotorischen Nervenkostüm ein minimaler Energieaufwand mit minimaler Fehlerquote statt. 

Erst sanieren, dann trainieren.
Die Frage, was man selbst tun oder geschehen lassen muss, um die myofaszialen Dysfunktionen zu beseitigen, ist verbunden mit dem Verständnis von ihren Vorgängen und Beweggründen. Die pauschale Empfehlung, aktiv zu bleiben und damit ein schmerzgehemmtes Muskelskelett zu belasten, ist genauso unsinnig, wie wie die Empfehlung, jede unnütze Bewegung zu vermeiden oder einseitig spezifisch zu trainieren, wenn der unspezifische asymmetrische Dysfunktionen durch komplexe neurophysiologische Mechanismen aufrecht erhalten werden.
Es geht nicht darum, die Kraft zu trainieren, sondern den Stoffwechsel zu aktivieren und die Drosselung der lokalen Blutzufuhr aufzulösen. Jeder Aufwand lohnt, denn jede Bewegung nach vorn bringt die verlorengegangene Kontrolle über autonome Bewegungen zurück, zeitgleich mit dem Gefühl, sich sicher zu fühlen. Es kann dann kommen, was will, egal welchem Mist man sich gerade stellen muss. Machen Sie also, was sie wollen, Hauptsache es macht Spass. Vielseitige Übungen unter gleichzeitiger Wahrnehmung der eigenen Körperbewegung liegen auf dem Königsweg, egal ob man morgens ins Büro schwimmt, vormittags zügig zum Chef schleicht, mittags schnell aus dem Anzug hüpft, nachmittags die Treppen zur Krankengymnastik hochturnt oder abends bei anderen vorbeitanzt. Hauptsache man schläft nachts durch.
Kosmetische Verfahren gehören aufgeklärt und sollten nicht als Ersatz für Bewegung und gute Ernährung herhalten. Schließlich haben wir es bei myofascialen Dysfunktionen mit allen möglichen Arten von Abwehrnechanismen, auch von Ängsten, Konflikten und Hemmungen zu tun. Beispielsweise nimmt uns die stereotype Anwendung von Botox oder anderen wirksamen Substanzen die Fähigkeit zum Lächeln. Andererseits braucht jeder operative Eingriff, unabhängig von den spezifischen Risiken, lange und schwierige Erholung. Kleine Korrekturen sind nicht falsch, wenn man dadurch das Gefühl erhält, besser aufzutreten. Ein therapeutische Hierarchie verlangt grundsätzlich vor dem Training von Leistung eine wirksame Schmerzbekämpfung. Bei Strukturdefekten durch reparieren mit dem wirksamen Mittel der Wahl. Bei Funktionstörungen durch regulieren und integrieren der hemmenden Spannungsmechanismen.

 

Unter den Hundertjährigen  
sind mehr Philosophen als Zehnkämpfer. Für beide ist das Leben simpel: die Wirklichkeit ist nur das, was man gerade denkt. Der eine denkt ständig voraus, um höher, schneller und weiter als der Nachbar zu kommen. Der andere denkt pausenlos nach, um hinter die eigenartigen Gewohnheiten zu kommen, mit denen wir auf das, was da komme, nahezu blind reagieren. Der tiefere Sitz aller Ursachen ist wohl das Erleben von Kraft, Vermögen, Gewalt, Streben und Trieben. Schon der leiseste Anflug von etwas Ungewohntem lässt unser Muskelkorsett vor Schreck zusammenzucken. Auf dem langen Marsch durch die Anpassung sind wir gut darin trainiert, übertrieben zu reagieren. Weil es für das Überleben besser erscheint, einer vermeintlichen Bedrohung zuvorzukommen, als ein echtes Unheil nicht wahrzunehmen. Unterwegs verschleissen die Zellen der Organe und Gelenke nicht wie die Bestandteile einer Maschine, sondern bauen sich ständig um. Niemand bleibt der, der er ist. Aufgeklärte Leute von heute ordnen Lebewesen den offenen Systemen zu, um fernab vom Gleichgewicht einen stetigen Austausch von Energie zu unterhalten. Bekanntlich strebt tote Materie entropisch zum Zerfall, das Lebendige hingegen zurück zur Form, das ist der jeweilige Gleichgewichtszustand. Unter Einsatz von Energie organisieren wir uns dauernd gegen die Kräfte des Verfalls. Dafür nehmen wir Stoffe auf und geben sie entwertet wieder ab. Das passiert uns mit der Nahrung, den Sonnenstrahlen, der guten Luft und auch der Bedeutung von Wahrnehmungen und Empfindungen. Zum Schutz vor dem, was von brohlich draußen eindringt oder beeindruckt, nützliche Nahrungsmittel durchlässt und Abfälle beseitigt, flüstern drinnen die Moleküle in den Zellen der Gewebe miteinander in einer geheimen Sprache. Deren Code es ihrem Organismus erlaubt, sich über seine Zeit selbsttätig aufrecht zu erhalten. Leider lässt alles, was mit Geschwindigkeit zu tun hat, nach einer Weile nach. Kaum sind die Kinder aus dem Haus, wird das Leben zur Aufgabe.

 

 

 

© Dr. Knud Heinert 2014
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