Schäden, die man sieht oder Störungen, die man spürt ?

 

" Steh auf und geh. " 

 

Warum der Ruf aus den Evangelien?
Manche Sätze sind älter als jede medizinische Leitlinie und dennoch erstaunlich aktuell. Bei chronischen Beschwerden am Muskelskelett geht es um die selbstwirksame Rückkehr der Kontrolle über die Bewegungen. Ohne Geräte, ohne erhobenen Diagnosefinger, ohne Trainingsplan - nur eine Aufforderung auf mehreren Ebenen, wieder in Bewegung zu kommen. 
Heute verfügen wir über hochentwickelte Bildgebung, über Labordiagnostik und spezialisierte Therapieprogramme. Und doch bleiben viele Menschen mit chronischen Beschwerden ratlos zurück. Offenbar hat die moderne Medizin zwar an Technik gewonnen, aber an etwas anderem verloren: am Verständnis dafür, wo Heilung tatsächlich geschieht.
Dieses fiktive Gespräch geht von einer einfachen Frage aus:  Was kann der Mensch selbst tun  - und was nicht, was muss er geschehen lassen. Die Antwort führt über das Verständnis von Schmerz, bewusstem Erleben, Wahrnehmung und Zeit mitten hinein in die Beziehung von Körper und Geist.

Der Augenblick heilt ? Wieso?
Das Augenlicht ist bereits bis zum Urknall hin materiell-energetisch erforscht - der Augenblick noch nicht. Schmerz hat eine unerbittliche Eigenschaft: er findet immer nur im " Jetzt " statt. Gestern mag er begonnen haben, morgen wieder zurückkehren. Man kann ihn zwar mit Pillen vergraulen, aber niemand weiss, wo er zwischendurch war. Beeinflussen lässt er sich ausschließlich im gegenwärtigen Moment. Der Augenblick ist deshalb kein poetisches Bild, sondern die kleinste therapeutische Einheit. Subjektive Erfahrungen fliessen nicht kontinuierlich, sondern treten in diskreten Momenten auf.
Im schmerzhaften Erleben ist der Augenblick der Ort, an dem Veränderung diskret möglich ist. Hier beginnt die Grenze zwischen Messbarkeit und Erfahrung.

Schmerz ist wohl ein eigenartiges Erlebnis.
Akute Defekte in der Struktur können mit der technischen Medizin gut beherrscht werden. Chronische Störungen der Funktion nicht. Der Philosoph Thomas Nagel stellte vor 50 Jahren eine einfache Frage, die sowohl Berufsphilosophen als auch Naturwissenschaftler von ihren Lehrstühlen riß: ' wie es ist, eine Fledermaus zu sein '. Mit der Neuauflage der uralten Fragen über Geist und Bewusstsein, nun 'wie es sich anfühlt', ein Mensch zu sein, erinnerten sich Materialisten sowie Idealisten wieder daran, dass alles Medizinische letztlich im subjektiven Erleben ankommen muss. Kein Röntgenbild und keine noch so feine Schichtaufnahme kann leiden, kein Laborwert kann Angst empfinden. Der Schmerz des Schmerzes ist immer " jemandes" Schmerz, ein Phänomen des ' Selbst ', was philosophisch als 1. Person bezeichnet wird. 
Geist und Bewusstsein sind nicht nur zentral für unser Selbst-Verständnis, sondern Fortschritte im Verständnis dieser Fähigkeiten hätten auch praktische Relevanz: etwa für die Behandlung chronischer Beschwerden, die in der Beziehungswelt einer Person entstehen und auch nur dort diagnostiziert und behandelt werden können.
Wer Lebendiges beurteilen will, muss sich also am Lebendigen beteiligen. Es reicht nicht, Befunde zu sammeln, man muss den Menschen miterleben, der sie erlebt. Der Mutterwitz jeder Therapie ist es, Geschichten anders zu erzählen. Doch bewusstes Erleben ist schwer zu beschreiben -  und für den Stress, den der Körper mit seinem Inhaber hat, fehlen noch die Worte.

 

Das Maschinenmodell ist noch nicht überwunden ? 
Zwar haben Philosophen das Maschinenmodell erfunden und über Jahrhunderte haben Mediziner den Körper reduziert wie eine Maschine betrachtet: reparierbar, berechenbar, austauschbar. Das Bild war nützlich, aber es ist zu eng geworden, denn eine Maschine verhält sich eben nicht. Die Philosophen haben sich aus diesem Dilemma längst wieder herausgedacht. Die Mediziner meistens noch nicht. Der Medizinstudent soll gefälligst sein Physikum machen, bei seinen Organen bleiben und sich nicht in Gedanken verlieren. Obwohl jeder erfahrene Arzt merkt, dass der Mensch nicht nur in Strukturen lebt, sondern in seinen Bedeutungen funktioniert und sonst noch so einiges mit sich bringt, wenn er tiefenverspannt als Patient erscheint.
Chronische Beschwerden entstehen nicht allein im Gewebe, sondern in Erwartungen, Gewohnheiten, Ängsten und Erfahrungen. 

Was hat Geist mit Zeit zu tun ?
Interessanterweise das meiste. Menschen bewegen sich nun mal im Geist. Zeit verstehen heißt Chronifizierung verstehen. Die technische Medizin misst Zeit, aber der Mensch erlebt seine Zeit. Auch in der historischen Betrachtung wurde die Zeit vor allem als Veränderung bedeutet, egal ob man die Körperrhythmen in Sekunden und Minuten rechnet oder die Körperwelt von gestern erinnert, heute erlebt oder morgen vermutet. Streng neurophysiologisch genommen sei sogar die Einheit der Zeit eine Konstruktion unseres Bewusstseins. Da sich unser Dasein in der jeweiligen Lebenswelt abspielt, sei erlebte Zeit weder im Bewusstsein noch in den Nerven, sondern nur durch unseren persönlichen Blickwinkel geordnet. Chronische Beschwerden sind daher nicht einfach der verlängerte Arm des akuten Schmerzes, der zu lange dauert. Nein, sie sind Schmerzen, die sich mit der Zeit nicht mehr verändern. Heilung heißt deshalb nicht nur Geduld, sondern neue Erfahrung im richtigen Augenblick.

Kann das Nervensystem zu gut lernen ? 
Das Nervensystem ist lernfähig. Manchmal zu lernfähig. Sowohl in der Peripherie, also in allen Funktionen, die außerhalb vom Rückenmark stattfinden, als auch zentral, also innerhalb der Strukturen von Rückenmark und Gehirn, können wiederholte Reize dazu führen, dass Alarmmeldungen über zuviel Druck und Zug, Hitze und Kälte und Entzündungen aller Art lauter und schneller werden. Diese Plastizität von Schmerz erklärt, warum Beschwerden bestehen bleiben können, obwohl ein ursprünglicher Schaden längst verheilt ist. Chronischer Schmerz ist daher kein Defekt, sondern eine übererfüllte Schutzleistung unseres gutmeinenden Immunverhaltens.

Wie entstehen neurogene Entzündungen im Gewebe ? 
Die Rolle dieser sterilen oder feingeweblichen Entzündung hat das Verständnis von Schmerz enorm verändert. Auf der einen Seite sind die Entzündungsvorgänge nützlich für Heilung im Sinne von Resilienz. Auf der anderen Seite kann überschiessende, chronische oder stressbedingte Entzündung der Grund dafür sein, dass ältere Organe und Gelenke zugrundegehen. Es ist mittlerweile fundiert erklärt, dass Wechselwirkungen zwischen psychosozialem Verhalten, Nerven und Immunzellen die Hormonspiegel verschieben und die Anfälligkeit für Entzündungen in den bindegewebigen Hüllen der Organe, Muskeln und Gelenke erhöhen. Unter mechanischen, thermischen oder chemischen Schadreizen werden von feinen Nerven, die überall im peripheren Gewebe verteilt sind, nicht nur Schmerzsignale zum Gehirn weitergeleitet, sondern auch Substanzen in das örtliche Gewebe ausgeschüttet, welche das Immunsystem anregen, Helferzellen und Entzündungsstoffe an den Ort des Geschehens zu bringen. Bei anhaltenden Reizzustand werden diese nervösen Rezeptoren nicht nur aktiviert, sondern sensitiviert. Und damit emfindlicher für banale Reize. Über diese niedrigere Schwelle kann chronischer Schmerz diese steril entzündlichen Zustände über das Gitternetz der bindegewebigen Hüllen, der Faszien, über alle Gelenke und Organe hinweg, Verbreitung finden. Was zu dem Konzept des Inflammaging passt - einer chronisch niedriggradigen Entzündung, welche den Altersprozess beschleunigt.

 

Sie meinen Älterwerden tut nicht weh, es muss noch die Entzündung dazu kommen ?
Stille Entzündungen, die nicht durch Erreger, sondern durch Schadreize im Gewebe entstehen, werden durch Stress, Schlafmangel, ungünstige Ernährung und Bewegungsarmut begünstigt. Der ältere Mensch lebt dauernd in so etwas wie Entzündungsstress, was jede Erregbarkeit bis zur Sensitivierung hin verstärkt. Seine Arthrose, die irrtümlich noch als Verschleiß verklärt wird, ist kein Defekt, sondern eine gelungene Kompensation - eine sinnvolle Reparaturleistung des ganzen Organismus. Problematisch wird Arthrose vor allem durch die begleitende Entzündung.
Tiere kennen dieses Problem kaum. Vielleicht weil sie sich natürlich bewegen. Menschen sind übrigends auch Tiere.

Myofasciale Dysfunktionen, was ist damit gemeint?
Das ist Schmerz ohne Schaden. Viele Schmerzen entstehen nicht " da, wo es weh tut " sondern dort, wo es hakt. Nicht wir selbst können schmerzen, aber ein Knie kann schmerzen, obwohl die Ursache in einer Verschaltung der Nerven liegt, was am Ende Wirbelgelenke und Gliedmaßen aus ihrer Position zieht. Myofasciale Dysfunktionen sind Schutzreaktionen des Nervensystems. Sie funktionieren wie Reflexe, nur langsamer und mit mehr Gehirn. Zum Beispiel schließt sich das Lid unwillkürlich durch einen Reiz am Auge. Willentlich läßt sich das kaum verhindern. Wird ein solcher Reiz am Auge durch dauerndes Zwinkern chronisch, entsteht Schmerz, ohne dass ein struktureller Schaden vorliegen muss. Daraus entsteht gern eine stille Entzündung: das Auge wird leicht überwärmt, geschwollen und gerötet. Das ist ein sensorisch messbares Problem. Den Schmerz des Schmerzes und die Röte der Röte kann niemand messen, aber wir können das erleben. Das ist ein affektives Problem in anderen Hirnarealen. Ähnlich reagieren alle anderen Muskeln des Muskelskeletts in ihrer Funktion und die Faszien in ihrem queren Gitternetz.

Ist Wahrnehmung wichtiger als Leistung ? 
Zwei Sinnessysteme bestimmen unser Körpergefühl. Zum einen die Propriozeption, womit der Sinnesleistung für die Stellung, Haltung und Bewegung gemeint ist, ohne dass wir hinsehen müssen. Zum anderen die Nociception, womit das Warnsystem für bedrohliche Reize und Gefahr genannt ist. Auf Schadreize spezialisierte Schmerzfühler, die überall im Gewebe verteilt sind, senden ihre Signale nicht nur an dad Rückenmark und Gehirn, sondern schütten auch örtlich Substanzen aus, welche das Immunsystem aktivieren, um Entzündungschemie zur Heilung am Ort zu tansportieren.
Oft funken noziceptive Reize der Propriozeption dazwischen, ohne dass wir das bei Schritt und Tritt bemerken. Bei chronischen Beschwerden dominiert meistens die Warnung über die Wahrnehmung. Dann erlebt der betroffene Mensch Schwäche, obwohl der Muskel lediglich gehemmt ist. Mehr Training hilft hier selten, bessere Wahrnehmung schon.

Wie unterscheiden sich Körperschema und Körperbild?
Das Köperschema steuert uns unbewusst. Das Körperbild ist das, was wir über uns denken.
Viele Übungen verändern nur das Bild, nicht aber das Schema. Echte Therapie muss tiefer ansetzen: Sie muss die unbewusste Organisation im Körperschema erreichen.

Ist Diagnostik eine ärztliche Kunst ?
Apparate sind wertvoll - aber sie fühlen nichts. Myofasciale Dysfunktionen erkennt man vor allem mit dem Kunsthandwerk der manuellen Medizin. Erfahrung und Tastsinn bleiben dort unersetzlich. Angedockt an die Erfahrung eines ganzen Berufslebens erhält der ärztliche Tastsinn seine Urteilskraft zurück.

 

Gibt es einen tastbaren Augenblick? 
In der manuellen Medizin und erst recht in der osteopathischen Perspektive gibt es einen Moment, der in keinem Befundbericht erscheint. Wenn der Mensch tiefenverspannt als Patient erscheint, liegt er ruhig da, der Arzt tastet sich voran und beide warten. Dann geschieht etwas, das man nicht erzwingen kann: ein leichtes Nachgeben des Gewebes, des Gelenkes und des Segmentes, ein kaum merklicher Wechsel der Spannung - der sogenannte Release-Moment.
Niemand kann ein blockiertes Wirblegelenk einfach ' zurückschieben '. Was wirklich geschieht, ist subtiler: eine neurophysiologische Hemmung löst sich, weil im richtigen Augenblick ein minimaler Impuls gesetzt wird: Nicht Kraft verändert das System, sondern Synchronisierung beider Nervensysteme.
Arzt und Patient erleben diesen Moment gleichzeitig. Zum ersten Mal wird dem Patienten bewusst, was ihm bis dahin noch verborgen war. Genau hier zeigt sich praktisch, was zuvor theoretisch beschrieben wurde: der Augenblick ist der Ort der Veränderung.

 

Desensitivierung ist wohl das eigentliche Ziel der Therapie ?
Bei chronischen Beschwerden geht es nicht um mehr Leistung, sondern um weniger Alarm. Es geht darum, Reize auf allen Ebenen zu beruhigen, Wahrnehmung zu verbessern, Reflexe lösen und Angst vor Bewegung abbauen. Ein Teil davon braucht therapeutische Hilfe. Ein Teil liegt in der Hand des Patienten. 

 

Welchen Teil kann er selbst tun ?
Im Alltag gibt es mehrere Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen oder besser: Situationen herzustellen, wo die Mechanismen von allein ablaufen:
Tempo reduzieren, Atmung beruhigen; Haltung variieren, Bewegungen aufmerksam dosieren und Pausen zulassen.
Autonomie bedeutet nicht Selbstbehandlung, sondern bewusster Umgang mit dem eigenen Körper.

 

Welchen Sinn hat Schmerz überhaupt ?
Im evolutionären Sinn geht es immer nur ums Wachstum, nacktes Überleben und Weitergabe von Informationen darüber. Homöostase, Resilienz und Plastizität dienen dem Überleben. Schmerz ist Teil dieser Bemühungen um Anpassung an veränderte Bedingungen - sinnvoll, aber nicht unfehlbar. Es gibt jedoch kein kleines Männchen im Kopf, dem man Anstand und Haltungsübungen beibringen und entgleiste Schutzreaktionen abgewöhnen kann. Bewusstsein ist ein kontinuierlich fließender Prozess und kein Ort, wo die Lage diskret beurteilt wird.

 

Sind moderne Körperbilder fragwürdig ?
Unsere Zeit belohnt augenscheinlich Leistung. Doch der schmerzgehemmte Mensch braucht nicht mehr Training, sondern mehr Verständnis. Tiere benötigen keine Fitnessgeräte - sie bewegen sich artgerecht. Auch der Mensch darf wieder lernen, natürlicher mit sich umzugehen.

 

Ist der Sinn für das Ganze ein Gesundheitsfaktor ?
Unter den Hundertjährigen gibt es mehr Philosophen als Zehnkämpfer. Offenbar geht derjenige, der mehr Sinn reflektiert, oft gelassener mit Beschwerden um. Auch das ist Medizin.

 

Praktische Leitlinien ?
- Verwechseln Sie Befunde bitte nicht mit Ursachen.
- Beschuldigen Sie nicht vorschnell ein Gelenk.
- Suchen Sie aufmerksam ruhige Bewegungen.
- Vertrauen Sie Erfahrung und Tastsinn.
- Lernen Sie, im Augenblick anders zu reagieren.
- Steh auf und geh. Nicht als einfache Parole, sondern als tiefe Einsicht.
- Heilung beginnt dort, wo der Mensch sich im Augenblick neu erlebt.

 

Woher wissen Sie das ?
Ich bin schon lange dichter dabei. Und benutze die Gedanken aus den Büchern der Klugen, die hinten im Verzeichnis stehen. Willentlich und selbstbestimmt.

 

Ihr erster und letzte Gedanke?
Das Augenlicht ist bereits bis zum Urknall hin auf das Feinste materiell-energetisch erforscht. Der Augenblick noch nicht.
Also steh auf und geh. denn genau dort -  im gelebten Jetzt -  liegt die eigentliche Medizin.