Ohne Sinn

ist Schmerz nicht denkbar. Sowohl biologische Vorgänge  wie Druck und Zug, Kälte und Hitze sowie feine Entzündungen, als auch innere Beweggründe, wie bedrohliche Erfahrungen, wirken hemmend und erregend zugleich auf das Muskelskelett ein. Fehlfunktionen entstehen, die durch das vegetative Nervensystem vermittelt werden.
Gefangen in unserer umfassenden Fähigkeit zur Erregung und Hemmung, führt das Muskelskelett gern ein sinnloses Eigenleben. Viele Gelenke sind tatsächlich nicht mehr so frei beweglich wie zuvor, aber noch völlig intakt. Nur durch erregte Nerven, gehemmte Muskeln, feine Entzündungen, saures Milieu, gedrosselte Blutzufuhr und falsche Vorstellungen episodisch verspannt, asymmetrisch verzogen, vielschichtig verklebt und letztlich fibrös versteift.
Nach herrschender Auffassung folgen orthopädische Beschwerden gern dem mechanischen Körperbild von einem Bewegungsapparat, dessen Gelenke nach Kräften von Muskeln geführt werden. Welche jedoch, neben genetisch oder altersbedingtem Verschleiß, im modernen Lebensstil mit mangelhaften oder monotonen Bewegungen, aber auch nach ungeschickten Fehltritten bei Arbeit, Sport und Spiel, ziemlich schwach oder überlastet seien. Tatsächlich arbeiten Muskeln zum Teil langsam, logisch, bewusst, rückkoppelnd und berechnend, wenn man will und nicht gerade schläft, faul, erschöpft, verwirrt oder verzogen ist.

Andererseits verkörpert sich schnell  mancher Schrecken, reflexartig, selbsttätig, unwillkürlich und unbewusst im Muskelskelett. Zahlreiche Stressoren, diverse Immunantworten, entgleiste Hormone, verdeckte Entzündungen, feinste Partikel, fremde Eindringlinge, linke Bazillen, olle Kamellen, steile Zähne, geronnene Geschichten, ewige Sorgen, heiße Luft, kalter Zug, zuviel Druck oder Irrtum von oben bzw. Schwierigkeiten mit der Spannung darüber schmerzfrei umzugehen, können reflexartige Schutzreaktionen  im Muskelskelett in Gang setzen. 
Dem gesamten Bindegwebsgerüst werden wichtige Aufgaben, sowohl für die motorische Bewegung im Raum, als auch die vorsorglich sichernde Schonstellung nach Schadreizen zugeschrieben. Zahlreiche Krankheiten gehen mit einem gestörten Stoffwechsel einher, lösen entzündliche Gelenkreaktionen aus und sind an den Bändern schmerzhaft. Zudem beschäftigen alltägliche Ereignisse, instinktive Triebe und jede Überlast, mit stressigem Durchhalten oder ängstlicher Vermeidung verknüpft, dauernd unsere Abwehrmechanismen.
Aus dieser Einsicht findet alles, was Menschen sonst noch so in ihrer Einheit aus Nervenkostüm, Hormonorchester und Immunabwehr mit Selbstbewusstsein betreiben, seine Ausdrucksform im Muskelskelett. Dort, wo der Zufall stark wirkt und entzündliche Gewebestörungen erscheinen, die durch das autonome Nervensystem vermittelt werden. Man muss sich von sich so einiges gefallen lassen.

 

Das Bild ist bunt.

Viele Befunde muss man nicht ändern, nur mit anderen Augen sehen. Übersät von feinen Nerven, kommt der Mensch als aufrecht gehendes Gefühlsorgan daher. Sein Muskelskelett dient nicht als Basis, sondern trägt alles, was wir am eigenen Leibe erlebt haben, versteckt mit sich herum. Das gibt uns nachhaltig die Form. In aller Welt lernen bereits die Schüler, dass Nerven die biologische Anatomie koordinieren. Überall in den schützenden Hüllen der Organe und Gelenke sind unzählige Nervenenden darauf spezialisiert, bei mechanischem  Druck oder ruckartigem Zug, bei schwelenden Entzündungen (biochemisch) und sogar durch Hitze oder Kälte (thermisch), den typisch wandernden Schmerzreiz  im Gewebe entwickeln. Darüber hinaus kann das  Schmerzgefühl  nicht nur durch tatsächliche, sondern auch durch vermeintliche Schäden im Körpergewebe entstehen und reflexartige Abwehrreaktionen im Muskelskelett bewirken.
Für die vielseitigen Schmerzarten  fehlen noch die Worte. Lediglich über die zeitliche Dauer,  akut  oder chronisch, herrscht sprachliche Einigkeit. Räumlich betrachtet gelten Schäden direkt an den Nerven neuropathisch, während die Erregung feinster Nervenenden überall im Gewebe als nozizeptiv  bezeichnet wird.
 

Im Praxisalltag betrachten Leute von heute die gereizten Gelenke längst nicht mehr isoliert, sondern als Teil einer komplexen Nerven-Gefäß-Muskel-Faszien-Bänder-Kapsel-Organ-Funktion. Schon die normale Kraftübertragung passiert nicht nur über Muskeln und deren Bänder an das Gelenk, sondern auch lückenlos zwischen bindegewebigen Segmenten sowie quer zu gegenläufig arbeitenden Muskelsträngen. Faszien sind Teil des Bindegewebes, liegen einerseits wie ein Neoprenanzug oberflächlich unter der Haut, bilden andererseits spannende Brücken zwischen den Gelenken und verbinden Muskeln und Organe durch feine Hüllen. Ihr Stellungsspiel ist noch ungeklärt, kann gern auf benachbarte Felder übergreifen, Bänder, Sehnen und Gelenkkapseln verstärken, schädlichen Druck und Zug auslösen, die Schmerzchemie unangenehm aktivieren und von Kopf bis Fuß fühlbar durchsickern. Deren spürbare Auslöser sind verzogene Wirbelsegmente und ihre folgenreiche Verkettung mit entfernteren Muskeln, deren saurer und blutarmer Umgebung sowie die Freisetzung von entzündlicher Schmerzchemie in den bindegewebigen Schichten. Die schlechte örtliche Bestimmung, die starke Tendenz zur selbstgesetzten Übertragung und das reißende, krampfende oder drückende Temperament ist oft in Ruhe schwer zu ertragen.

Bei jeder Bewegung schwindet die übermäßige Mißempfindung erstaunlich häufig. Im Gegensatz zum Nervenschmerz, welcher aus  tatsächlich geschädigten Nerven entsteht, sind die Nervensysteme im Gewebeschmerz weitgehend intakt. Nur auf den Übermittlungspfaden von peripher nach zentral hocherregt. 
Sogar für Fachleute die ihr Handwerk fachübergreifend verstehen, ist es schwierig, den motorisch-sensorischen Bewegungsmangel von vegetativ-reflektorischen Schutzmechanismen am Muskel-Faszien-Gerüst zu trennen. Denn lautlos, aber mit beiden Armen des vegetativen Nervensystems gut vernetzt, versucht der gesamte Organismus ständig, Störungen im inneren Fließgleichgewicht zu vermitteln und durch gegenläufige Reaktionen bestmöglichst auszugleichen. Oft entsteht ein spürbarer Bewegungsverlust als Ausdruck vergeblicher Bemühungen. Rückenblockaden, Gelenksteife, Muskelmüdigkeit und Gewebebarrieren, die sich in Ruhe einfach nicht gut anfühlen, sind unzertrennlich mit reizenden Lebensgeschichten verbunden. Davon gibt es so viele, wie es Augenblicke gibt.

 

Der grundlegend neue Aspekt,
dass ein Gelenkschmerz nicht notwendig aus einem sichtbaren Schaden entsteht, sondern das Resultat einer nervösen Signalverarbeitung auf  Rückenmarksebene ist, wird gern übersehen. Das mechanische Ursache-Wirkungs-Prinzip, wo ein Vorgang zwangsläufig auf den vorherigen aufbaut, funktioniert in lebendigen Wesen jedoch nicht so gradlinig berechnend, wie unsere physikalische Welt. Hier geht es zwar auch geordnet, aber ähnlich chaotisch zu wie beim Wetter. Das weiß auch nicht, wie es wird.
Im Alltag läßt das traditionelle Bild leider noch außer Acht, dass lebendige Organismen sich heimlich, aber selbsttätig  untereinander informieren und dabei lernen. Ein Organismus reagiert nicht sofort auf einen Reiz, sondert beurteilt die einlaufende Reizflut aus seinen Erfahrungen heraus. Die meisten Sinnesreize bekommen wir gar nicht mit, aber im Untergrund sind Nervenzellen immer auf der Lauer, sinnliche Entscheidungen zu treffen, unsere Wahrnehmung auszurichten und Schmerzerlebnisse zu erzeugen.
Die Entdeckung der neurogenen Entzündung  änderte die Vorstellung von der Schmerzentstehung im Muskelskelett komplett. Schmerz ist zunächst eine unangenehme Wahrnehmung überstarker Reize, die über mindestens drei Drehscheiben verarbeitet und dort hocherregt oder gehemmt ( sensitiviert ) werden kann: peripher im Gewebe der Organe und Gelenke, zentral  im Rückenmark sowie in den Arealen des Gehirns.
Auch beim Gelenkschmerz geht es um die nervöse Steuerung der Entzündungsvorgänge und damit um die Wechselwirkung des vegetativen Nervensystems mit den Immunzellen, der Ausschüttung von Hormonen und Rückkopplung mit der Wahrnehmung. Werden feinste, auf Schadreize spezialisierte Nervenenden ( Nozizeptoren ) durch einen Reizimpuls von irgendwo aus der Haut, dem Muskel, dem Blutgefässen, dem Bindegewebe oder den Organen überschwellig mechanisch, chemisch oder thermisch genervt, verändern sie ihr biochemisches Verhalten vor Ort. Schmerzauslösende Botenstoffe werden in die Umgebung sezerniert, die eine Entzündungskaskade anstoßen, welche gleichzeitig die Empfindlichkeit der Noziceptoren ( feine C und A-delta-Fasern ) erhöhen. Schwellung, Rötung und Überwärmung als Entzündungszeichen breiten sich aus, was die Reizschwelle weiter senkt und damit jede Berührung im Gewebe oder Bewegung im Gelenk schmerzhaft macht. Man spricht von peripherer Sensitivierung, wenn Teile des Muskelskeletts überreizt sind, von zentraler Sensitivierung, wenn die Nerven und Bindegewebszellen im Rückenmark und Gehirn davon betroffen sind ( neurogene Neuroinflammation ). Sowohl die zeitliche, als auch die räumliche Anhäufung von Nervenimpulsen aus der Haut, inneren Organen, Muskeln, Bindegeweben, Blutgefäßen oder Gelenken wirkt sich auf die Weiterleitung im Rückenmark teils erregend, teils hemmend aus. Gleichgültig, ob die Reize unvollständig oder zufällig summiert einlaufen und irgendwie geprägt, mustergültig oder sensitiviert das Schutzverhalten aktivieren, reagieren wir manchmal zu schnell auf einen Reizüberschuß. Vermutlich aufgrund alter Erfahrungen, die jetzt gar nicht mehr zutreffen. Bis eine gewisse Schwelle überwunden ist, das Ganze kippt und die Reizflut über Grenzen und Zonen hinweg zum Flächenbrand durchsickert.
Auf vorerregtem Feld gilt jede kleine Änderung bereits als Stimulus, wenn diese eine Reizantwort irgendwo in den Bewegungsorganen hervorruft. Bei jeder tatsächlichen oder vermeintlichen Bedrohung werden ähnliche Ereignisse automatisch verarbeitet, alte Muster unbewusst in Gang gesetzt und einzelne Segmente blitzschnell aus der Gefahrenzohne geholt. Der Mechanismus für die Druck- und Zugempfindlichkeit der Muskeln, sowohl autochthon an den Wirbelsegmenten am Rumpf reguliert, als auch spinal  an den Armen und Beinen gesteuert, besteht in der Sensibilisierung feinster Nervenenden mit langsam und schnell leitenden Fasern. Wenn Nozizeptoren eine Ruheaktivität entwickeln, tritt Spontanschmerz an der Stelle auf, wo die Erregung im Muskel ausgelöst wurde. Sehr häufig jedoch werden Muskelschmerzen in tiefere Gewebe übertragen und damit subjektiv fehllokalisiert. Hauptursache für diese übertragenen Schmerzen, für die Ausbreitung in Nachbarregionen und diverse Erregbarkeitssteigerungen bei banalen Reizen, sind zentralnervöse Mechanismen, beginnend bei der Umschaltung im Rückenmark. Praktisch bedeutet das, dass sich der Einflussbereich eines Muskelnerven im Rückenmark ausbreitet, sobald der von dem Nerven versorgte Muskel schmerzbedingt erregt, gehemmt oder, was wahrscheinlicher ist, in Schonfunktion ruhiggestellt ist.
Im Mittelpunkt der Schmerzentstehung steht nach heutiger Auffassung jedoch nicht die Änderung der biologischen Struktur der Gehirnzelle, sondern das Volumen der neuronalen Aktivität, d.h. der Menge an Informationen auf den Verästelungen der Nervenzellen. Auf den Reizleitungen filtern oder verstärken wir unentwegt jede Situation, schweifen umher, lassen uns täuschen, speichern neu ein und rufen Erinnerungen erst im ähnlichen Gemütszustand wieder ab. Der Reizverlauf unterliegt den lernenden Anpassungen wie Abschwächung und Verstärkung. Fast zeitgleich mit den neurochemischen Vorgängen finden sich die gefühlten Beweggründe ein. Auf der mentalen Seite des Schmerzverhaltens nehmen Vorstellungen, Deutungen, Überzeugungen und Stimmungen energischen Einfluss auf das neue Ereignis. Verdrängen, Vergessen und Vermeiden sind die Stichworte.

Sämtliche Schadreize,
sei es aus den Gelenkeinheiten, der inneren Organe und bindegewebigen Hüllen, werden auf Nervenzellen auf Rückenmarksebene umgeschaltet, welche eine niedrige Erregungsschwelle und große Aufnahmebereitschaft haben. Z zu Ein Pool von Verteilungszellen zwischen den Wirbelsegmenten gibt diese einlaufenden Meldungen je nach Reizflut weiter an aufsteigende Bahnen, der Informationsfluss absteigend gebremst oder beschleunigt werden kann ( Reiz-Regulation ). Kleine Schwankungen können sich aufaddieren und schon haben wir ein spannendes Problem: Da verursacht plötzlich eine normale, sonst nicht schmerzhafte Bewegung ein stechendes Schmerzgefühl ( Allodynie ). Oder es entsteht vermehrte Empfindlichkeit schon auf eine einfache Berührung, Entzündung oder Immunreaktion hin ( Hyperalgesie ). Oder wiederholte Reize verändern die Schmerzschwelle und bewirken eine verstärkte Reaktion ( Hyperpathie ). Oder irgendeine Fehlspannung aus dem asymmetrisch vorerregten Muskelkorsett löst eine abnormal gemeine Wahrnehmung aus ( Dysästhesie ).
Hier ist es wichtig zu verstehen, dass die Summation  aller einlaufenden Reize auf den Nervenzellen einen Schwellenwert übersteigen lassen, welcher selbst zur Aktivierung beiträgt. Unter Summation versteht man die Verrechnung von einlaufenden Nervenimpulsen, die entweder eine erregende oder eine hemmende Wirkung haben können. Wenn mehrere Impulse zur gleichen Zeit eintreffen, spricht man von räumlicher Summation. Wird der Schwellenwert durch eine wiederholt in kurzen Abständen eingehende Impulsfolge erreicht, ist die Summe zeitlich entstanden. Besonders die kurzen kleinen Muskeln der Wirbelsegmente sind nervös auf diesen umlaufenden Reizverkehr eingestellt, aber auch die Rumpf- und Extremitätenmuskeln werden aus den zentralen Segmenten gesteuert und reguliert. Wer immer noch meint, Schmerz sei Bitten der Muskelzelle um reine Kraft, wird abgeholt.

 

 

 

Im akuten Fall
läßt sich die Schmerzchemie  mit bewährten Mitteln aus dem Supermarkt der modernen Biomedizin bekämpfen. Aus Birkenrinde, Weihrauch und Opiaten biochemisch erzeugt oder in Gewebshormonen, Immunproteinen und Botenstoffen pharmazeutisch als Waschstumsbremse entdeckt. Diese Erfolge zur Schmerzabwehr sind möglich, weil der Organismus bis hinauf zu den Genen traditionell als " biochemische Maschine " in seine Bestandteile zerlegt, von fremden Erregern befreit und ein Schaden getrennt von privaten Innenwelten repariert werden kann.

Im chronischen Verlauf,
wo mehr der Umgang mit dem Schmerzgefühl  eine unerträgliche Rolle spielt, sind andere Strategien notwendig. Gegen hocherregte Abwehrmechanismen ist kein Kraut gewachsen. Die Reizflut im ständigen Austausch mit der Umwelt prägt von klein auf unser Abwehrverhalten. Mit Umwelt ist nicht die tote Materie gemeint, die überall in Sichtweite herumliegt, sondern der eindrucksvolle Erlebnisraum  zwischen einer überschaubaren Horde da draußen und einem gehemmten Gewebe hier drinnen, mit dem wir es selbst, hier und jetzt zu tun haben.

Dazwischen
bringt der osteopathisch geschulte Arzt sich selbst mit ein und sucht feinfühlig weiter nach Barrieren, die den Organismus daran hindern, sich selbst zu regulieren, nach " myofascialen Dysfunktionen  ". Das sind diese schwer vermittelbaren Spannungsstörungen in äußeren Hüllen und tiefen Schichten, welche episodisch in Krisen entstehen. Dort, wo die Fäden zusammenlaufen und summierte Reize übertragen werden, die Schmerzbremse lösen, durch absteigende Impulse schreckhaft wie in ein Muster entweichen, Muskeln in Beugehaft nehmen, unschuldige Gelenke aus der Position ziehen, das Hormonorchester verstimmen, feinste Blutrouten drosseln, das Fließgleichgewicht hemmen, den Bewegungsstau fördern, bindegewebig durchsickern, entzündlich verkleben, fibrös versteifen, unsicher auf sich selbst zurückwirken, nachhaltig auf die Stimmung drücken und dabei heimlich spotten über die Illusion, man müsse immer irgendetwas tun.

 

.....In Arbeit ...........