Nichtglauben ist anstrengend

Ohne nichts
kann nichts kommen. Alles, was wir fühlen, denken und tun, kommt aus der Erinnerung. Erfahrungen aus der Kindheit und Jugend bleiben besonders einprägsam und sind viel später noch wirksam. Unterwegs bestimmt die Umwelt unbewusst unsere Persönlichkeit.
Obwohl wir ohne Gefühl unsere Lebensgeschichte schlecht rekonstruieren können, finden wir nichts ist praktischer, als eine gute Theorie. Nützliche Vorhersagen beruhen meist auf einem Wahrheitsmodell, auch ohne dass man sich stets darüber klar ist. Auch Heilung ist ein gutes Stück Wahrheit. Das Modell aus Formeln oder Prozessen einerseits und Kategorien mit Begriffen andererseits, ist zwar nicht die ganze Wahrheit, aber die Brücke zu näherem Verständnis sowie Mittel zum Dialog zwischen Fachleuten. Mit Hilfe von medizinischen Denkmodellen lassen sich klinische Befunde interpretieren und Behandlungspläne aufstellen. 

Jeder approbierte Arzt ist ein Überzeugungstäter, denn er glaubt zu recht das, was im Studium über Wirkungen von Arzneien und chirurgischer Technik gelehrt wird. Wie traditionell erlernt, kommt er gedanklich erst dann hinzu, wenn aus dem Ei ein Huhn wird. Er sieht sowohl den Kranken als auch seine Krankheit wachsen und wendet sich stutzend ab, wenn ihm die Worte fehlen. Folgerichtig überweist er zum nächsten, der in einer anderen Sprache versucht, ob es besser passt. In jedem Fall gilt die gestörte Struktur, die er im Ganzen oder in Schichten pathologisch an den Organen findet, als objektive Ursache der Krankheit und Erklärung für das Dilemma, begleitet von einer subjektiven Lebenswelt mit Schmerz, Angst oder Verspannung.

Gewohnheiten bestimmen jedoch darüber, was wir sehen und beschreiben. Aus der unterschiedlichen Wahrnehmung entsteht eine alternative, eine psychologische und eine organische Medizin, praktiziert von Biochemikern, Unternehmern oder Barfuß-Ärzten. Ihre wissenschaftliche Kultur kommt neutral von außen und hat vom Menschen nach wie vor das Maschinenmodell. Daraus lassen sich konkrete Handlungen ableiten. Darin läuft, von Neurose bis Arthrose, von Angst bis Spannung, von Schmerz bis Zerrung, hinter jedem Vorgang ein erklärender Vorgang ab, sei es zweigliedrig in erkennbarer Ursache mit linearer Wirkung, sei es dreigliedrig mit Einwirkung, Rückkopplung im Prozess bis zur Auswirkung  oder sei es vielgliedrig im Spiel des deterministischen Chaos.  Es stört den Glauben an diese Lehre kaum, wenn an den Organen  nichts Defektes zu finden ist, was den Schmerz oder die Verspannung erklärt. 
Für das Verständnis von Körperreaktionen, die dem Kranken von innen helfen und für die Unterstützung von Abwehrkräften, die ihn zur Not ergänzen, ist er schlicht nicht ausgebildet. Alle kümmern sich um den Bluterguß am Fuß, wenn jemand umgeknickt ist, aber niemand ist für die Spannung am Bein und in der Schreckpause zuständig. Stattdessen wird nach Unfällen jede Schwellung routinemäßig mit Eis, Salben und zusätzlichen Druckverbänden bekämpft. Auch, wenn das letztliche Trauma eher harmlos und das Ergebnis eines anhaltenden Schonverhaltens war. Wer achtet im bewegten Alltag schon aufmerksam auf seine Verspannungen.
Entzündungszeichen wie Schwellung, Rötung, erhöhte Temperatur und Schmerz lassen einen Heilungsprozess erkennen. Der dicke Knöchel macht Sinn, denn bleibt die Schwellung aus, wird etwas fehlen. Viele Zeichen, sei es Symptome oder Phänomene, die jeder Kranke sendet, wenn es ihn am eigenen Leibe betrifft und betroffen macht, werden in den Fächern nicht gelehrt. Symptome sind das, was für etwas anderes steht, wie Fieber für Infekt und Schwellung für die Fraktur. Ein Phänomen ist der Sachverhalt selbst, so wie sie erscheint, wie Angst, Schmerz und Verspannung.
Studien zufolge leiden 800 von 1000 Menschen in unserer westlichen Welt an Beschwerden am Muskelskelett. Die meisten kurieren sich mit alten Hausmitteln.  40% suchen fachlich-medizinische Hilfe, davon 65% beim Arzt. Auf alternative Verfahren vertrauen 20 %. Weitere 8% werden in Polikliniken und Notfallambulanzen untersucht, 4% zu Hause verarztet und 2% im Krankenhaus behalten. Nur einer von 800 Kranken wird in einer Uniklinik versorgt, wo seltene und schwierige Krankheiten behandelt und in kontrollierten Studien doppelblind erforscht werden. Es wundert deshalb nicht, wenn dort, wo die meisten krankhaften Störungen behandelt werden, allenfalls Richtlinien zur Kontrolle vorliegen und derjenige Recht bekommt, wer zuletzt heilt. Unabhängig von der Krankheitsphase und seinem persönlichen Kenntnis-, Erfahrungs- oder Wissensstand.

Zweifel sind ausdrücklich erlaubt, denn wer geistig zweifelt, muss körperlich existieren, sonst könnte er gar nicht zweifeln. Dem kartesianischem Denkmodell des französischen Lebemannes Descartes ( Ich denke, also bin ich ) gibt erst diese Einsicht die Gewissheit, die Wahrheit zu sagen. Nach dieser grundsätzlichen Überzeugung arbeiten der masselose Geist  einerseits und der ausgedehnte Körper  andererseits nicht nur auf Parallelveranstaltungen, sondern sind schlicht zwei völlig verschiedene Substanzen, die sich nicht in einer Sache vereinnahmen lassen. Der enorme Erfolg der Medizin ist ohne diesen Dualismus von Ursache und Wirkung, von Geist und Körper, ohne Vereinfachung auf abstrakte Begriffe , ohne die mathematische Sprache und ohne die experimentelle Forschung nicht zu erklären. 

Diese doppelte Weltsicht trennt wunderbar das Subjekt vom Objekt, die Qualität von Quantität, das Gefühl von Vernunft und die Freiheit vom Vorherbestimmten. Diese Kultur der Pole hat den technischen Fortschritt erst ermöglicht. Sie isolierte die Phänomene und entzauberte die Welt von Feen, Geistern, Seelen, Göttern, nackt oder in weiß, und leider allem, was Leben besitzt. Zur Aufklärung der Frage, was man selbst tun könne, schuf sich die westliche Welt umgehend harte Fakten wie Werkzeuge und Waffen, nahm Pferd und Rad, druckte Bücher und schrieb mit Tinte, hob Hammer und Sichel, probierte Dynamit und Erdöl, bewegte Autos und Bilder, erzeugte Pillen und Prothesen und bastelt jetzt an Sensoren und Genen, um seine Umwelt wie gefühlt zu ertasten und bei Bedarf zu ersetzen. Die zunehmende Verfeinerung der technischen Apparaturen erzwingt parallel eine fortschreitende Verfeinerung der menschlichen Eingriffe und Überzeugungen. Damit wird insgeheim das Körpermodell als phyikalisch-chemische Maschine bestätigt, statt überwunden. Es entsteht eine höchst komplementäre Situation, an der sich bis heute die Geister scheiden: nach außen verschieden, in der Tiefe doch zusammen.  

Das Weiche organisiert gern das Harte. Geistige Wissenschaften kontrollieren mit Wort und Schrift die Modelle der Naturwissenschaften. Seitenweise fassen Einrichtungen, Versammlungen, Vereine, Verwaltungen, Parteien und andere Erregungsgemeinschaften zusammen, was sich in ganze Sätze listen läßt, denn Wissen ist Macht. Leider sitzen diejenigen Leute, welche heute über Risiken entscheiden, nicht mehr mit im Boot, wie früher die Kapitäne, Könige oder Pilzsammler. Wer erfolgreich sein will, darf sich nicht um die Welt kümmern. Zwar ist Glück für alle da, doch zunehmend werden Gesellschaften durch Medien empört und erregt zusammengehalten. Selbst der gesittete Mensch wird von den schleichenden Auswirkungen seiner technischen Fortschritte in seiner Befindlichkeit irgendwie überrumpelt, bis er humpelnd als Patient erscheint. Die Naturwissenschaften, welche nur die kalte Heimat des Universums erklären, helfen in dieser ungewohnten Atmosphäre  nicht wirklich weiter. 
Das Alltagsgeschehen mit der sichtbaren Kraftmeierei bietet dem gesunden Menschenverstand genug Anlass zum Zweifel. Irrtümlich als "Trimm Dich"  Verordnung von der olympischen Idee abgeleitet, wird die historische Bemerkung " mens sana im corpore sano "  gern als Leitsatz mißverstanden. Eigentlich war mit diesem spöttischen Hinweis auf römische Zustände nur gemeint, man solle ordentlich beten und hoffen, dass in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist stecke. 
Ein anderer wunderbarer Gedanke hat eher Aussicht auf eine unendliche Gültigkeit: der Mensch ist das einzige Wesen im bisher bekannten Universum, das über sich selbst frei und ungezwungen nachdenken kann. Zwar kann jeder nach Belieben die Gesetze der Natur aufstöbern und anerkennen, aber verstehen muß er sie schon. Die objektive Zuordnung zu Wissen setzt eine Debatte mit anderen Menschen voraus, die damit einverstanden sein müssen oder auch nicht. Sein Geist ist zwar in der biologischen Natur seines eigenen Gehirns verankert, aber aus dem Austausch mit fremden Menschen im Laufe der Zeit hervorgegangen.
Das ändert zwar komplett den Blickwinkel auf die Art seiner Substanz, aber nicht auf seinen Sinn. Menschen bewegen sich nun einmal im Geist. Denkt man sich den Geist weg und betrachtet nur noch die Biologie und Physik, verschwindet komplett aller Sinn. Glücklicherweise sind wir immer in Gesellschaft und andauernd in die Gedanken anderer Leute eingebunden. Unser Verhalten beruht also stets auf Gegenseitigkeit. Man nennt das Psychologie. Im Dschungel der Interpretationen gibt es eine bedeutsame Spur: der enorme mentale Aufwand muß eine tiefere Bedeutung für das Leben und Überleben haben, denn sonst hätte die Evolution sich dieses anstrengenden Sinnes schon längst entledigt.
Der Mensch bleibt also nicht umsonst allein und frei in seinem Willen, aber er ist aus krummen Holz. Bei Krankheiten, Schicksalsschlägen und anderen unerklärlichen Erscheinungen wie Kriegen half das tröstende Wort nicht immer zuverlässig weiter, sodass Psychologen von den Priestern, Poeten und Philosophen auch die Deutung von Erleben und Verhalten übernahmen.Trotz großer Empathie ist bis heute ungewiss, ob Gefühle wahr sind. 

Bei vernunftbegabten Wesen stehen dumme Gefühle und kluge Gedanken am Anfang jeder Einsicht. Im Kopf entstehen aus Gefühlen erst die Gedanken, die man dann besprechen kann. Die Frage, wer das Hin und Her steuert, steht nach wie vor im Raum. Infrage kommen greifbare Dinge, wie Nerven, Gene oder Hormone. Oder nur wahrnehmbare Dinge, wie Angst, Schmerz oder Verspannung. Oder nur denkbare Dinge, wie Gott, freier Wille oder Wechselwirkung.
Störungen heilen die einen mit Arznei, Messer oder technischen Apparaturen, die anderen regulieren mit schlichten Worten. Für die nur spürbaren Dinge, wie Angst, Schmerz oder Verspannung, gibt es noch keine öffentliche Lobby. Diese emotionalen und körperlichen Erfahrungen sind Teil des menschlichen Wesens, die der Selbstkontrolle unterliegen. Die Steuerung ihrer Erscheinungsformen besteht in der Kunst, von außen eingehende Reize mit der Erfahrung von innen zu kontrollieren. Hirnforscher haben hundert Jahre gebraucht, um die Ideen der Psychiater einzuholen. Biologisch bestätigen sie ein von tief  innen wirkendes ungezügeltes Triebsystem, auf das sich ein übergeordnetes Kontrollsystem führend und hemmend zugleich aufsetzt. Beide Anteile sitzen im Gehirn. Die triebhaften, spontan und überwiegend automatisch ablaufenden Verhaltensweisen arbeiten unten am Stamm. In der Mitte residieren die Belohnungssysteme und unten an der Seite die Zentren für Angst, Schmerz und Spannung bei drohender Gefahr.
Weiter oben hinter der Stirn liegt die neurobiologische Adresse für die Ausbildung des Willens. Damit läßt sich die Aufmerksamkeit etwa 8 Sekunden lang bewusst steuern, gleichgültig ob ablenkende Gedanken oder Gefühle von unten hochkommen oder aufregende Situationen von außen einwirken. Beide Kontrollsysteme sind so eng mit einander verbunden, wie beim Tango: halb zieht sie ihn, halb sinkt er hin. Mit Hilfe der Selbstkontrolle über beide Anteile wird aus dem Es ein Ich. Stimmt etwas nicht, gerät man aus dem Takt und das ganze restliche System außer Kontrolle.  
Jeder weiß, ein Lob nützt nichts ohne die Ausschüttung von Hormonen. Mit diesem wortreichen Eingriff in die biologische Welt ist zwar die Wechselwirkung zwischen geistigen und körperlichen Vorgängen scharf beobachtet, aber man darf nicht daraus schließen, dass mentale Ereignisse physische Krankheiten bewirken, weder im Fuß noch im Gehirn. Im Mittelpunkt der Krankheitsentstehung steht nach heutiger Auffassung nicht die Änderung der biologischen Struktur der Gehirnzelle, sondern das Volumen der neuronalen Aktivität, d.h. der Menge an Informationen auf den Verästelungen der Nervenzellen. An dieser Qualität der Selbstkontrolle kann man einwirken, durch stimulieren oder lernen, durch enthemmen oder abflauen. 
Um Gesundheit und Krankheit besser zu erklären, wird die Systemtheorie zugrundegelegt. Daraus leitet sich das bio-psycho-soziale Krankheitsmodell ab, was von zuständigen Behörden als bedeutendste Rahmentheorie der medizinischen Wissenschaft verwaltet wird. Das Hütchenspiel mit den Matroschka-Puppen gilt vielen als das stimmigste Gerüst für die Beziehung zwischen Körper und Geist. Damit lassen sich Gesundheit und Krankheit nicht getrennt beschreiben, weder aus der körperlichen, noch aus der seelischen Verfassung heraus. Neu ist, dass sich Krankheit dann einstellt, wenn einzelne Regelkreise auf den Fach-Ebenen ausfallen und das Gesamtsystem die auftretenden Störungen nicht mehr ausgleichen kann. Demnach gibt es einfach keine psychosomatischen Erkrankungen, weil es keine nicht-psychosomatischen Erkrankungen geben kann. 

Vereinfacht man Dinge, so wird es klarer. Die Wissenschaft fasst von alters her elegant das Wissen in Formeln zusammen. Auch wir sammeln unser ganzes Leben lang Informationen, entweder passiv, indem wir die Eindrücke auf uns einströmen lassen. Oder aktiv, indem wir konkrete Fragen an die Natur stellen. Aber auch passiv verarbeitet unser Gehirn Fragen, die wir gar nicht so genau gestellt haben, zu Antworten. Von der Wirklichkeit, die draußen, wie auch immer, stattfindet, haben wir nur ein Bild, einen Gedanken oder eine Vorstellung. Man sagt, unser Gehirn sei das komplexeste System im Universum und konstruiert sich aufgrund dieser Erfahrungen ein Bild von der Wirklichkeit. Wir beobachten, dass sich tote Materie wie das Weltall stetig ausbreitet. Pflanzen werden größer und grüner, bevor sie blühen und welken. Lebendige Wesen schlüpfen aus der  Zelle, werden größer und schneller, bevor sie erwachsen werden und sich vermehren. Die steuernde Idee ist " Wachstum ", denn aus dem Ei wird das Huhn.
 

Rückblickend haben sich die Regeln für medizinische Auffassungen von vier grundlegend verschiedenen Weltanschauungen abgeleitet:

1.    
Übernatürliche Kräfte ( Zaubertrank ): Im Prinzip ging es drunter und drüber ( Mächte ). Wir brauchen nicht mehr darüber sprechen. Der Glaube an unerklärliche Fähigkeiten von Dämonen, Schamanen oder geistige Mächte ist schon lange überwunden. Der moderne abendländische Kampf gegen den Aberglauben entzauberte Feen und Geister, nahm kosmischen Energien ihre magischen Kräfte, verprellte die Götter, nackt oder in weiß, und rettete den bösen Blick vor dem Verbrennen ihrer Hexen.
Die Aufklärung schuf harte Fakten und trennte Objekt vom Subjekt, Qualität von Quantität, Vernunft von Gefühl, den Körper vom Geist, die Welle vom Teil, den Impuls vom Ort und den freien Willen vom Vorherbestimmten. Habe ich das Eine, kann ich das andere nicht haben. Die Träger der Weisheit ordneten die Rituale neu und man muss sich anstrengen, um ihre Unterstützung zu sichern.

2.    
Ähnlichkeit von Erscheinungsbildern ( Alternativmedizin ): Das Prinzip ist hin und her ( Wechselwirkung ). Der ganzheitliche Ansatz geht davon aus, dass das Leben mehr ist, als die Summe von physikalischen Einzelvorgängen. Im Mittelpunkt steht die Beobachtung von Symptomen, die nach außen verschieden erscheinen, in der Tiefe jedoch zusammen gehören. Man brauche den Organismus nur mit Ähnlichem zu irritieren, um ihn erneut zu Lebenszeichen herauszufordern. Die Wirkungen sind typisch, wobei schwache Reize mehr anfachen, mittelstarker Kitzel mehr fördert, starker Stimulus noch mehr hemmt, bis stärkster Anstoß alles aufhebt.
Sowohl die westliche Naturheilkunde als auch die Homöopathie leben von der größtmöglichen Annäherung zwischen Erwartung und Beobachtung. Das hat erkenntnistheoretische Methode und ihre Vertreter behandeln die autonomen Individuen wie gewohnt in einer polaren Welt von " Ursache und Wirkung ". Wie jedem ersichtlich, fordert eine kurze kalte Dusche die Immunabwehr heraus, während ein paar Minuten zuviel im Eisbad jeden Stoffwechsel erlischt. Sogar giftige Substanzen und tödliche Strahlen kehren in geringer Dosis den eigentlichen Effekt um und entwickeln, augenscheinlich erkennbar, eine erfrischend wohltuende Resonanz im Organismus.
Fernöstlich  dominiert seit je der Blick auf die Beziehung der Pole zueinander und dem Wandel dazwischen., der die Dinge wieder in Form bringt. Mit " Dinge " ist " Irgendetwas " gemeint, gleichgültig, ob die einander entgegengesetzten Ereignisse nun materieller Natur oder geistigen Ursprungs sind. Das Aktive wird dem Passiven, das Weibliche dem Männlichen, das Gebende dem Nehmenden, der Mangel der Fülle und das Enge dem Weitem gegenüber gestellt. Diese Weltanschauung ist darüber hinaus noch gruppenbezogen und verlangt sowohl den gegenseitigen, als auch den ganzheitlichen Einsatz. Wenn sich ein Part vergrößert, muss sich der andere vermindern, beides zugleich ist nicht möglich. In dieser bezogenen Weltsicht ist das " Wir-Gefühl "  zuhause und damit das beruhigende Gefühl, Teil eines Ganzen zu sein.

3.  
Verstehen von Gefühlen, Denken und Handeln ( Redekur oder Verhaltenüben ):  Das Prinzip heißt nach vorn oder zurück (Synthese oder Analyse ). In unserer Kultur werden mentale Ereignisse traditionell in private Innenwelten abgelegt, wo das " Ich-Gefühl " attraktiv wirkt. Mit innerem Milieu ist an dieser Stelle nicht die Sauerstoffaufnahme, die Verdauung, die Temperaturkontrolle, die Reizverarbeitung oder andere Überlebensstrategien mit betreffenden Organen gemeint, sondern die Welt der Meinungen, welche grundlegend aus der triebhaften Suche nach Nahrung und Erhaltung der Art besteht, begleitet von der Lust an Belohnungen, frustriert gebremst von der Wut und motorisch ängstlich gesteuert von der Furcht.    

Tatsächlich meißeln inzwischen biologisch orientierte Wissenschaftler zentrale Glaubenssätze in Stein und machen die bisher heimlich geflüsterten Vorstellungen öffentlich: Erlebnisse und Erfahrungen aus Kindheit und Jugend wirken sich später im Erwachsenenleben sogar körperlich aus. Unterwegs unterliegen wir unbewussten oder vorbewussten Einflüssen aus der Umwelt, welche unser Denken und Abwehrverhalten der Körperchemie in Tag und Nacht bestimmen.  
Einmal in kritischer Phase ungünstig erlebt, verdrängt, versteckt und nicht vergessen, verhallen manche " Zweitschläge " nicht, sondern verstärken sich mehr oder weniger gravierend zum Echo: zu allergischen Beschwerden, zu atopisch entzündlichen Verspannungen oder niederschwelligen Störungen der Immunchemie, welche manch sensibilisierten Gemüt Angst und Bange machen.
Dabei prägt unser Gefühl die Erinnerungen und entscheidet, wie stark das Gedächtnis blockiert und Fehlerinnerungen produziert. Üblicherweise behalten wir weniger denjenigen Sachverhalt, der tatsächlich stattfand und ebenso für andere gültig wäre, sondern lassen egoistischerweise nur dasjenige gelten, was für uns einen Höhepunkt hatte und gut oder schlecht für uns ausging.
Ist das Selbstbewusstsein nachhaltig gestört und passt das Eigene manchmal nicht richtig in die Welt, wird man zutiefst traurig, weil etwas nicht stimmt. Oder reagiert übertrieben ängstlich, weil das Gedächtnis im Gehirn das Vergessen vergessen hat. Psychotherapeutisch gelingt es vielleicht, rückwärtsgewandt einige Knoten zu lösen ( Psychoanalyse, ich erkenne mich selbst ) oder vorwärts gerichtet günstigeres Verhalten zu überlernen ( Verhaltenstherapie, wir betrachten zusammen ).
Egal, ob von selbst nach hinten oder gemeinsam nach vorn gesehen, Hinschauen macht dann frei, wenn es gelingt, Trauerarbeit zu leisten und den eigenen, subjektiv verdrängten Erlebnissen eine fremde, objektiv plausible Deutung zuzuweisen. Meistens geht es wohl darum, Abschied zu nehmen, denn die Zeit kennt nur eine Richtung: nach vorn. Gleichgültig, ob es verspannt zu eng wird oder enthemmt zu weit führt, es geht bei Störungen weniger um die objektive Idee von Wachstum und Fortschritt im Sinne von Ursache und Wirkung, sondern mehr um die subjektive Situation im Ausgleich zwischen zwei gegenläufigen Kräften.

4.    
Biomedizinische Wissenschaft ( Schulmedizin ): Vereinfacht man etwas, so wird es fassbarer. Hier geht es ums Prinzip: von...bis, wenn...dann, ( von Punkt zu Punkt, zur Folge bis zum Chaos ). Die aufklärende Naturwissenschaft versucht durch Weglassen, Abstrahieren und Reduzieren auf den Kern der Dinge zu kommen. Ihr Zugriff auf die Welt gehorcht der vernünftigen Denktradition, ist tunlichst frei von fremder Leitung und urteilt mit ihren besonderen Filtern aus Paragraphen und Formeln:

a.  die reduzierte Zusammenfassung von Gesprächen in Kategorien und Begriffe,
b.  die mathematische Beschreibung in Ausdehnung einer Strecke, Fläche oder Körper im Raum und Zeit oder neuerdings in Rechnen mit     Wahrscheinlichkeiten aus Mengen und Skalen,
c.  die Beobachtung in einer experimentellen Methode,
d.  die jedem zugängliche Veröffentlichung zur Kritik.

Die naturwissenschaftliche Medizin fahndet traditionell nach dem Vorgang hinter dem Vorgang und läßt instinktive Triebe, alltägliche Erlebnisse und gewohnte Abwehrmechanismen außen vor. Wahrheit als solche ist erfahrungsgemäß nicht lange fassbar. Deshalb orientiert sich das biomedizinische Erfolgsmodell streng am Konzept der Wahrscheinlichkeit, um konkret in die Prognose des Krankheitverlaufs einzugreifen. Entweder chirurgisch-technisch oder mit pharmazeutischen Mitteln zum Zweck. Ihre akademisch geschulten Vertreter fügen manuell, organbezogen und steril all das zu, was nachweislich fehlt. Nach Fachgebieten aufgeteilt, reparieren sie ebenso alternativlos wie evidenz-basiert den Körper nach den Bedingungen einer biochemischen Maschine mit den Mitteln ihrer Wahl.

Wie einmal erlernt, werden Mediziner zu Überzeugungstätern und unterhalten sich und andere mit dem Echo des mechanischen Weltbildes: sei es politisch korrekt in Schlips und Kragen oder handwerklich steril in Gummihandschuhen. Auf jeden Fall nach den Vorgaben der antiken Lehre und vernünftigen Methode in die jeweils eine oder andere Richtung:
Entweder analytisch ( erkennend, top down; vom Ganzen zum Teil ) sei jedes Problem in so viele Teile zu teilen, wie es angeht, um es leichter zu lösen.
Oder synthetisch ( erzeugend, bottom up; vom Teil zum Ganzen ) sei mit den einfachsten Dingen zu beginnen, um so bis zur Erkenntnis des Zusammengesetzten aufzusteigen.
Das darin verborgene lineare Prinzip von Ursache und Wirkung durchdingt die Vorstellung von Gesundheit und Krankheit gleichermaßen: 

a.   findet sich ursächlich in einem zwei-gliedrigen Vorgang kein lineares Naturgesetz ( von Punkt zu Punkt ),
b.   werden im Strudel der Ereignisse nicht-linearer Prozesse heimliche Wechselwirkungen als wahrscheinlich angenommen ( vom Punkt zur Folge ).
       In solchem drei-gliedrigen Vorgang sieht, hört, schmeckt, riecht und fühlt man allensfalls eine Einwirkung und beizeiten deren Auswirkung. Der   eigentliche Prozess mit seinen Resonanzen und Rückkopplungen bleibt indirekt und den Sinnen verborgen.

c.   Des Öfteren geht es vielgliedrig zu ( von Folge zur Wolke ), wie beim chaotischen Wetter, das selbst nicht weiß, wie es wird, aber mit Bauernregeln und Computer-Simulationen unentwegt vorausgesagt wird.
d.  Heutzutage ist das Glück des hohen medizinischen Standards für alle da, weil der Körper gefühllos als biologisch-chemische Maschine mit zwei strikt getrennten Substanzen, einer masselos geistigen und eine ausgedehnt schweren körperlichen, betracht wird. ( mit freiem Willen zur Wolke und zurück )    

Das Bild und die Wirklichkeit
Obwohl im Praxisalltag abwechselnd gebräuchlich, sind diese vier Denktraditionen definitiv nicht  miteinander kompatibel, weil weder eine gemeinsame Sprache, noch ein gemeinsames Weltbild  die Gedanken, Vorstellungen und Meinungen überträgt. Die einen denken von Oben und Unten, die anderen von Außen und Innen. Die Dritten reden von Enge und Weite und die Vierten handeln nach Ursache und Wirkung.

Es bestehen nur lose kausale Verbindungen zwischen den zahlreichen Methoden, wenn Organärzte zum Psychologen und zurück überweisen, weil das Knie klemmt und nachhaltig auf die Stimmung drückt. Allenfalls stehen Aktivitäten mit vernünftigen Handlungen in Wechselwirkung. Dass es im Eifer der Therapien häufig so integrativ zugeht wie auf dem Weihnachtsmarkt, wo Glühwein, Zimtsterne und Halleluja seelig vereinnahmt werden, ist nur historisch verständlich. Nach dem dunklen Mittelalter und einigen barocken Themen der Wiedergeburt von altbekannten Vorstellungen, beherrschte europaweit die neue Idee  von Fortschritt und Wachstum die westlichen Gemüter. Die Kirche war nur noch für die Armen und Schwachen da. Alle anderen brauchen das irdische Jammertal nicht demütig zu durchschreiten, sondern können das Joch der Unmündigkeit abwerfen, ihr Leben selbststeuernd in die Hand nehmen und von ihrer Vernunft mutig und öffentlich Gebrauch machen. Wissen ist Macht  lautet die Belohnung und das denkbar Weiche organisiert beredt das fassbar Harte: man solle sich getrost dem objektiven Wissen über die Natur der Natur unterwerfen (lat. subjacere). Die Idee der Kombination ( Mitwissen ist Medizin ) haben nur wenige kreativ bedacht.

1.   
Nichtglauben ist anstrengend, denn im Laufe der Jahrhunderte war man nur das Greifbare gewohnt. Das Denken in Wahrscheinlichkeiten war weder geübt, noch jedem in die Wiege gelegt. Nun war jede Erkenntnis nur soviel wert, wie Mathematik darin enthalten ist. Noch dazu besteht Wissen nicht aus der Sammlung von harten Fakten, sondern aus der Verknüpfung von weichen Informationen.
Trotzdem, mit vereinten Kräften, mit Herz und Verstand, schuf man sich Werkzeuge und Waffen, nahm Tinte und Bücher, Pferd und Rad, Hammer und Sichel, Dynamit und Erdöl, bewegte Autos und Bilder, baute Pillen und Prothesen und bastelt nun an Sensoren und Genen, um wie gefühlt zu ertasten und womöglich zu ersetzen.
Das lineare Prinzip von Ursache  und Wirkung  durchdrang die Vorstellung von Gesundheit und Krankheit gleichermaßen. Zunächst wurde das Gefühl  vom Herz vernünftigerweise in den Kopf verlagert. Das Gehirn trat das legitime Erbe der Seele an und bot dem Geist einen Ort für sämtliche Lernvorgänge. Geistiges entwich aus Gesprächen mit Gleichgesinnten und formte mit dem Menschen ein Wesen, das im Gegensatz zu anderen Erdbewohnern über sich selbst im Besonderen und seine Vorgänge im Allgemeinen nachdenken konnte.

2.
Viele halten das Psychische immer noch für eine Parallelveranstaltung des Physischen. Das kann daran liegen, dass der sprachliche Begriff " Psyche "  alltäglich mit " Bewusstsein " und seinen Elementen Wahrnehmung und subjektives Erleben  gleichbedeutend aufgefasst wird und auf Krankheitszustände übertragen wird. Beschäftigt man sich andererseits mehr mit den Zuständen der Gesundheit, also mit den Funktionsstörungen bei der Anpassung, Regulation und Integration, wird der semantische Mangel deutlicher: So kommt das sehr gesunde Gefühl, eins mit sich und der Welt zu sein, kommt dem Zeitgenossen noch genauso schleierhaft vor, wie einst die unphysikalische Vorstellung von verschränkten Teilchen in einem physikalisch gekrümmten Raum ( Kenn' ich eine Eigenschaft des einen, weiß ich um das andere ).  

Natürlich ist der Geist, wie jeder vernünftige Gedanke, masselos und vermag ursächlich keine physisch messbare Substanz, wie eine Nervenzelle, zum Feuern veranlassen. Aber zumindest korreliere dort in der Tiefe etwas, weil beide Vorgänge nach außen gemeinsam auftreten. 

a.  Schon die alten Griechen bemerkten an sich die Wirkrichtung, denn schon die kleinste Gefühlsregung führte zu einer Körperreaktion. Neugierige Geister haben sich in der Schule von Athen coachen lassen. Offenbar hassten sie alles Unkontrollierte, Unvorhergesehene und Zweideutige, weil alles Neue  bei ihnen Alarm auslöste, sie zum Schwitzen brachte, als Zörnesröte aufstieg, im Puls raste, die Pupillen verengte und unangenehme Gefühle freiließ. Sie fühlten sich dann gesund, wenn ihre Organe ruhig blieben. Ihr Leben sollte gelingen und so gingen sie gleichgültig jedem Zeitdruck, jeglicher Schichtarbeit, jeglichem Lärm und vor allem jeglichen Konflikten mit Kollegen und Mitbewohnern aus dem Weg. Denn laute Menschen bereiten ihnen nur Verdruss, verengen ihre Sichtweise und ihren Handlungsspielraum, blockieren ihre Gedächtnissysteme, machen müde, gereizt, antriebslos und langfristig lethargisch. Dauernde Belastungen liessen sie nicht mehr zu und vermieden Ärger, Angst und strapaziöse Bindungen. Heute liegt die Akropolis in Trümmern und ist Weltkulturerbe.

b.  Auch wir lebendige Kulturerben sind gern passend wie viele und haben das Bild vom mechanischen Universum wie tief verwurzelte Werte verinnerlicht. Unsere Welt ist aus elementaren Bausteinen zusammengesetzt und unser Körper konkurriert im Kampf ums Dasein wie eine Maschine. Für uns ist der Ablauf der Welt nicht rätselhaft, sondern regelhaft vorbestimmt, denn unsere Welt kann sich nur so entwickeln, wie sie es tatsächlich tut. Einer von uns brachte es auf den Punkt und hat zu dem gegenläufigen Vorgang, wie Materie zu Geist wird, eine erstaunliche Behauptung in die Umwelt gesetzt: Sie selbst, mit Ihren Freuden und Leiden, Ihren Erinnerungen, Ihren Zielen, Ihrem Sinn für die eigene Identität und Ihrer Willensfreiheit sind hirntechnisch exakt zu fassen: Bei Ihrem Bewusstsein handelt es sich nur um das Verhalten einer riesigen Ansammlung von Nervenzellen und den dazugehörigen Molekülen!  

Hirnbiologisch ist unsere Welt kausal geschlossen. Wir halten uns selbst für unseren Körper, sogar das komplexeste Teil davon, das Gehirn. Demnach sind wir zu allem bereit, zu keinem Zeitpunkt stehen mehrere Möglichkeiten offen und der freie Wille ist nur Illusion, geschaffen von Nervenzellen, deren Verästelungen und Übergängen ( Neurone, Axone und Synapsen ).

c.  Eigentlich ist die " Methode  " befremdlich, denn das logische Problem dabei ist: die Seele ist nicht logisch. Natürlich entdeckt man seine Position im Raum, erzeugt den Zeitpunkt sowie die Art der Bewegung und bemerkt schließlich, dass man es selbst ist, der die Bewegung ausführt. Diese Kette von Ereignissen, die von draußen nach drinnen ablaufen, wird zwar biologisch gut verstanden, aber die Gehirnzellen wissen keine Dinge, die einen am eigenen Leibe betreffen und von selbst betroffen machen. Der selbssteuernde Mechanismus von drinnen nach draußen wird überhaupt nicht verstanden.

d.  Die meisten Kulturerben erkennen vor allem das Entstehen im Wachstum und übersehen noch den Austausch in der Kombination. Viele beobachten inzwischen nicht nur Teile und Ansammlungen von isolierten Objekten. Sie erkennen bereits den netzwerklichen Verbund, denn sie sind wetterempfindlich und mit den zyklischen Prozessen der Natur aufgewachsen. Sie sind gern mit anderen draußen an der frischen Luft, können drinnen lange schlafen und kommen ohne Drogen und süße Sachen aus. Sie sind kombinierende Wesen, die aus dem Unbewussten arbeiten und das Gefühl haben, Teil eines Ganzen zu sein. Sie können leibliche Regungen von körperlichen Vorgängen unterscheiden und spürbare Atmosphären von wahrnehmbaren Sinnen differenzieren.

3.
Sie spüren diese Kleinigkeiten, die Nuancen, die weder gesehen, gehört, geschmeckt, gerochen oder getastet werden können, obwohl sie, insgesamt, nach einer Zeit der Auseinandersetzung mit diesem Impuls nicht mehr der Gleiche sind, wie vorher. Sie haben Angst, sind erschreckt, es tut weh, Sie empfinden Behagen, Müdigkeit, Frische oder Verspannung. Sie werden ergriffen von Traurigkeit, Ärger Scham, Hass oder Entzücken oder sind betroffen von einem stechenden Blick.  
Sie wissen bereits, dass jede Veränderung unweigerlich Auswirkungen auf das ganze System hat und können sich einfach nicht mehr vorstellen, dass sie in einer Gesellschaft leben, die dem Wahn verfallen ist, alles in ihrer  Welt restlos erklären zu können. Sie sind jedoch Teil einer Öffentlichkeit, die vergessen hat, dass Paragraphen und Formeln nur für die Naturwissenschaften unverzichtbar sind.

Eine Maschine funktioniert zwar nach logischen Kriterien, aber verhält sich nicht. Im Krankheitsfall muß eine Maschine repariert werden, denn sie kann sich selbst nicht helfen. Etwas Geistiges wie eine Seele oder Psyche hingegen funktioniert nicht, sondern verhält sich und kann sich selbst helfen. Wir beobachten beide Aspekte von außen und verwechseln in der Dunkelkammer zwischen Physis und Psyche gern das Weltbild mit der Wirklichkeit, aber wir haben es hier definitiv nicht mit gemeinsamen Wirk-Ursachen zu tun. Die naturwissenschaftliche Medizin stößt in dieser Betrachtung an ihre Grenzen. Ihre üblichen analytisch-entdeckenden und synthetisch-erzeugenden Aussagen über Symptome greifen hier zu kurz. Die Schulmedizin kann mit ihren Methoden keine der Wirkrichtungen erklären, weder kategorisch noch substantiell. 

Wo Schmerz empfunden wird, ist die Verspannung nicht weit. In diesem Augenblick kommt es nur darauf an, was der spürbare Schmerz, seine wahrnehmbare Verspannung oder Schwellung bedeutet und wie er aus dieser mißlichen Lage wieder wegkommt. Diese bewusste, am eigenen Leibe erlebte Wirklichkeit  muss man verstehen, nicht erklären.  Man mag zwar den Körper betrachten, betasten oder bemessen und seine Leiche in Form eines physikalischen Modells studieren. Man kann hineinsehen bis zu den Nervenzellen, deren chaotische Verzweigungen und farbige Verästelungen. Aber vor dem Streben, dem Vermögen, der Gewalt und dem Trieb erfährt man aus dieser Perspektive nichts. Genauso wenig wie von dem Stillen, dem Engen, dem Schreck, dem Schmerz, der Angst, und den unzählig anderen halben Sachen. Diese wirkliche Welt bezeichnet nicht das, was draußen tatsächlich für alle gleich fassbar passiert, sondern das, was man selbst suchend, wütend, lüsternd und flüchtend dafür hält. Vor diesen Kräften ist die Physik auf der Flucht.         

 

Jeder Arzt 
ist Überzeugungstäter. Jeweils bereit, sich den Biochemikern, den Unternehmern oder den Barfuß-Ärzten zugehörig zu fühlen. In der gemeinsamen zwölfjährigen Ausbildung wird vornehmlich die Vorstellung von " Krankheit " geprägt. So schließt jede fachärztliche Untersuchung zunächst eine Krankheit aus ( Pathogenese ). Mit zunehmender Erfahrung im Praxisalltag erschließt sich jedoch langsam die Bedeutung von " Gesundheit " im Heilungsverlauf ( Salutogenese ).  

Nach erfolgreichem 6-jährigen Medizinstudium verlangt die Ausbildung für Erkrankungen am Muskelskelett zusätzlich mindestens 6 Jahre Weiterbildung zum Facharzt  für Orthopädie und Unfallchirurgie. Zum Inhalt gehören vor allem der Erwerb von Kenntnissen, Erfahrungen und Fertigkeiten von Operationstechniken. Aber auch die Nachsorge von Verletzungen und angeborenen oder erworbenen Fehlbildungen, sowie Funktionsstörungen der Stütz- und Bewegungsorgane unter Berücksichtigung der Unterschiede in den verschiedenen Altersstufen wird gelehrt und geprüft. Die konservative Behandlungen umfassen ebenso die Sportverletzungen, wie die Prävention von Knochenerkrankungen sowie die Osteoporose, die Biomechanik, physikalische Maßnahmen, medizinische Trainingstherapie, technische Orthopädie und Grundlagen der Verfahren nach Arbeitsunfällen.

Das Leitsymptom
während dieser akademischen und praktischen Lernkurve ist jeweils die  " spezifische Beschwerde " am Muskelskelett. Damit ist besonders die Bewegungseinschränkung, der lokale Schmerz  sowie die begleitende Gewebeveränderung  gemeint. Inzwischen ist allgemeiner Konsens der Fachgesellschaften, dass im praktischen Alltag mehr als 80 % der Fälle keine erkennbaren Schäden von Geweben am Muskelskelett zeigen, die als Auslöser der Beschwerde infrage kommen.
Ohne konkrete Ursache oder zumindest Korrelation gibt es auch keine therapeutische Wirkung. Diese sogenannte " un-spezifische Beschwerde " ist ein Phänomen, dass zur Weiterbildung in andere Medizinkonzepte, die den ganzen Menschen umfassen, zwingt. Leider wird die Behandlung dieser, allgemein den " Funktionsstörungen " zugeordneten Beschwerden, in der Facharztausbildung nicht gelehrt. 
Mangels universitärer Kriterien und unmittelbar fehlender vitaler Bedrohungen ist die Behandlung von Funktionsstörungen meist den Physiotherapeuten und Heilpraktikern überlassen.
Wenn es spannend wird und ausgerechnet bei den häufigsten Beschwerden die Facharztmedizin nicht weiter weiß, wie Schmerz, somatische Schutzreaktion und vegetatives Nervensystem fast zeitgleich rückkoppelnd wirken, ist nirgendwo eine der vielfältigen Methoden evident belegt. Es gibt tatsächlich keine anerkannte Studie, welche die Wirksamkeit einer bestimmten physiotherapeutischen Methode oder eines heilpraktischen Verfahrens schlüssig geprüft hat. 
Auch für das Gerätetrainung und die beliebten Faszienrollen gibt es keine medizinische Evidenz. Lediglich in der manuellen Therapie des Kreuzschmerzes durch reversibel eingeschränkten Wirbelsegmente, entspricht die praktische Erfahrung den nach wissenschaftlichen Kriterien  geprüften Studienergebnissen.
Die Psycho-Neuro-Immunologie, welche das dahinter verborgene Wechselspiel von Nervenkostüm, Hormonorchester und Abwehrverhalten betrachtet, ernährt sich trotz Konsens noch mehr von der eigenen Begeisterung, als von zweifelsfreien Erkenntnissen.  
Es kommt in der Diagnose und Therapie von akuten Gelenkblockaden, den episodischen Spannungsstörungen  und den chronisch myofascialen Dysfunktionen  des Muskelskeletts, also noch wesentlich auf das Erfahrungswissen, seine Intuition und Überzeugungen des Mediziners an.   
 

 

Medizin
ist von Menschen für Menschen gedacht. Damit  nicht nur der wissenschaftliche messbare Teil der Heilkunde, sondern auch das Verstehen des Einzelfalls. Die manuelle Therapie  befasst sich konkret mit dem unspezifischen Schmerz an Rückenwirbeln und Gelenken, ist aber ebenso wenig eine Fachdisziplin wie Chirugie, Psychiatrie und Pharmazie. Es kommt auch dort darauf an, wann was indiziert ist und mit welcher Dosierung angewendet wird. 
Das osteopathische Konzept geht über die lokale Manipulation am Muskelskelett hinaus und schließt die gestörte Ordnung aller Organsysteme untereinander, ihre  Flüssigkeitsstaungen, das Schmerzerleben, die sensomotorischen Schutzreaktionen sowie die Auswirkungen des vegetativen Nervensystems mit ein. Grundlagen bilden die neuesten Erkenntnisse der kognitiven Neurowissenschaften , wozu Schmerzphysiologie und die Psycho-Neuro-Immunologie zählt.  
Die Ausbildung  zum D.O. ( doctor of osteopathic ) , nach amerikanischem Vorbild durch medical schools, ist ein umfassend medizintheoretisches Konzept, welches akademisch ausgebildeten Fachärzten vorbehalten ist, zusätzlich mindestens 4 Jahre benötigt und mit einer Diplomprüfung abgeschlossen wird. Der D.O. ist in USA dem M.D. (medical doctor ) gleichgestellt und darf Medikamente verordnen, Kleinchirurgie betreiben und Kinder zur Welt bringen. Die Art und Weise des Vorgehens variiert in jeder Sitzung, unterscheidet sich von Behandler zu Behandler und von Patient zu Patient.

 

Die osteopathische Medizin  
hat in Deutschland keine Tradition. Aus historischen, ökonomischen und medizintheoretischen Gründen war lediglich die reduzierte ärztliche Ausbildung zur Chiro- oder Manualtherapie als Methode  für Gelenk- und Wirbelgelenkblockierungen anerkannt. ​Die kognitiven Wissenschaften ( Gehirn- und Bewusstseinsforschung ) lösen diese Trennung langsam auf.  Durch die neurophysiologischen Grundlagen der Schmerzforschung getrieben, ist inzwischen gemeinsames Leitsymptom der unspezifizierbare nocizeptive Gewebeschmerz  am Muskel-Faszien-Skelett. Ebenso ist der geschulte Tastsinn ein gemeinsamer Ansatz, welche sich auf die epikritische Wahrnehmung der sog. " myofascialen Dysfunktionen " verläßt. 

Darüber hinaus  ist die manipulative Therapie der Osteopathie noch Bestandteil eines allgemeinmedizinischen Konzeptes, das zwar am muskuloskeletalen  System ansetzt, dessen Ziel aber nur selten das Muskelskelett selbst ist, sondern sowohl die Immunbiologie  als auch das Schmerzverhalten des gesamten Menschen betrifft. Die sehr feingewebliche Untersuchung umfasst die Testung von Propriozeption, Perzeption, Sensomotorik  sowie ihre reflektorische Abbildung als Spannungsmuster im Bindegewebe. Durch die Identifizierung der Dysfunktion und deren schmerzbiologischer Erklärung bleibt der klinische Befund zwar unspezifisch, weil ein organischer Auslöser fehlt, jedoch spezifizierbar hinsichtlich des nociceptiven Reizverhaltens des gesamten Organismus. 
Osteopathische Techniken ermitteln durch Zug, Schub und Halten die Stauungs- und Spannungseigenschaften der Bindegewebe, insbesondere der oberflächlichen und tiefen Faszien von Organen und Gelenken. Ziel ist es, den Bewegungsverlust durch akkurate, entschlossene und gerichtete Impulse aufzulösen. Untersuchungen und Behandlungen gehen in ontologischer Reihenfolge oft ineinander über.

Der osteopathische Arzt
bringt sich selbst, mit seinen eigenen Erfahrungen und subjektiven Erleben ein, beurteilt intuitiv und behandelt gleichzeitig die Auswirkungen des vegetativen Nervensystems  auf die myofascialen Gewebemuster, Körperpulse, Entzündungsverhalten, Stauungen und das Erleben von Schmerz als unangenehme Empfindung. Er ist somit nicht Kontrolleur, sondern Mittler von Funktionsstörungen.
Neben den visceralen und psycho-sozialen Reizfaktoren im Einzelfall, hat das bewusste Empfinden  von " Spannung der Anspannung " und von " Schmerz des Schmerzes ", ( also der " Bläue des Blaus " ), eine Rückwirkung auf das myofasciale Geschehen. Deshalb werden die Barrieren aus bindegeweblichen Verspannungen, Verdichtungen, Verklebungen und Versteifungen nicht als Krankheiten im engeren Sinn, sondern als muskuloskeletale Anpassungsstörungen während immunschwacher Episoden betrachtet.
Im Gegensatz zur Facharztmedizin konzentriert sich die osteopathische Medizin auf die Ressourcen und Widerstandskräfte, die dem Körper innenwohnen. Mögliche Placeboeffekte und spirituelle Einflüsse sind weder Ziel noch Schwerpunkt im Behandlungsverlauf. Im Übrigen gelten diese mentalen Effekte gleichermaßen für die fachspezifischen medikamentös oder chirurgisch technischen Methoden. Auch komplementäre Überlegungen reduzieren ihren Anwendungsbereich. Deshalb ist eine Trennung in Schulmedizin und Komplementärmedizin nicht notwendig. 

 

Warum hat mein Patient Schmerz ?  
Die Suche nach dem Schmerzcharakter enthält demnach

1.  die unfallärztliche Untersuchung     ( spezifischer Hautschmerz )
    bewertet akute Verletzungen, Vorerkrankungen, Operationen, Medikamente und Begleitsymptome nach Infektionen, Stoffwechsel- und      
     Zirkulationsstörungen. 

2.  die fachorthopädische Untersuchung  ( spezifischer Gelenkschmerz )
      orientiert sich an Messwerten aus Laborchemie und bildgebenden Verfahren auch an Skelettstellung,    Gangbild, aktivem
        Gelenkspiel und lokalen Schwellungen.  

3.   die neurologische Untersuchung  ( spezifischer Nervenschmerz )
      überprüft die Versorgungsgebiete der Spinalnerven bezügl. Sensibilität, Muskelkraft, Lähmungen und   Reflexverhalten. 

4.  die osteopathische Untersuchung  ( unspezifischer Gewebeschmerz )
      fahndet fachübergreifend nach Bewegungsstörungen (=  myofasciale Dysfunktionen ) am Muskel-Faszien-Skelett. Die osteopathische
      Behandlung löst gleichzeitig jene tastbare Barrieren, welche den Organismus daran hindern, sich selbst zu regulieren.  

 

 

Der menschliche Geist
ist nicht logisch. Wir basteln nur unsere Denkmodelle damit. Es hat sich beim Nachdenken in der Naturwissenschaft herausgestellt, dass es auf einige wenige, erstaunlich einfache Grundideen ankommt, auf die dann ein ganzes Theoriegebäude aufgebaut werden kann. Diese Grundaussagen müssen so vernünftig sein, dass sie immer und überall gelten. Wobei natürlich das, was vernünftig erscheint, auch einem gewöhnlichen Vorurteil unterliegen kann, denn zu dem was wirklich ist, hat jeder von uns nur einen indirekten Zugang. Die Wirklichkeit ist offenbar nur das, was wir gerade denken. Pausenlos sammeln wir Informationen und reagieren mehr oder weniger bewusst darauf, indem wir einfach die Sinneseindrücke einströmen lassen oder gegenwärtig eingreifen, zuhören, abschmecken, schnuppern und hinblicken. Aus dieser Sinnesleistung entsteht stets ein Gefühl, Gedanke, eine Vorstellung und ein Weltbild, dass wir aufgrund unserer Erfahrungen konstruieren und eine Bedeutung zumessen. Ohne diese körpereigene Messung können wir keinem Vorgang irgendwelche grundsätzlichen Eigenschaften zuordnen. Natürlich gibt es zweifelsfreies Wissen. Wenn in einem Raum drei Dinge sind und einer zählt mehr als vier, bleibt die Tatsache, dass es drei sind, reines Wissen. Leider gehört zu den neuen Grundprinzipien, dass es unscharf bleibt, was bei den extrem kleinen Abständen an den Übergängen geschieht. Allen feinsten Vorgängen in der belebten und unbelebten Natur scheint ein ungewisses Maß an Zufall, Überlagerung und Verschränkung innezuwohnen.
Im großen Ganzen des Alltagslebens werden, sowohl in der Universitätsmedizin als auch im osteopathischen Kontext, folgende Modelle als Rahmentheorie unterlegt:

A. 
Das im Praxisalltag vorherschende biomedizinische Modell  begreift den Organismus als ein Gefüge körperlicher Teile, ähnlich wie eine Maschine, deren Zusammenspiel von ihrer Stellung und dem Fließgleichgewicht abhängt. Nach diesem Erklärungsmodell werden Krankheit und Gesundheit durch komplexe biologische Zusammenhänge erklärt, die in kleinste Komponenten mit Hilfe der Physik und Chemie isolierbar sind. ( Reduktion ). Körper und Psyche sind voneinander unabhängig und ihre eigenartigen Vorgänge laufen auf Parallelveranstaltungen ab. ( Dualismus )
Eine Überlastung auf der biologischen Seite (Homöostase) kann negative Folgen für die dynamische Beweglichkeit, den Energieverbrauch, die Eigenwahrnehmung, die Gelenkstruktur, die Nervenleitung, den Bluttransport und den Stoffwechselaustausch haben. Nach diesem Modell wird sich die Behandlung mit manuellen Techniken auf die Normalisierung und das Gleichgewicht der membranösen Spannung konzentrieren, damit Muskeln und Gelenke wieder effizient genutzt werden können. Eine Belastung der mentalen Seite ( Kohärenz ) führt zur Überweisung in psychologische Fachkompetenz mit völlig anderem Sprachgebrauch.

a. Das darin enthaltene  neurologische Modell  beobachtet den feinsten Reizverkehr auf den Nervenwegen von der Peripherie bis zum Gehirn und zurück. Man spricht von Propriozeption, wenn man die Fußstellung und seine Bedeutung für die Gleichgewichtssysteme berücksichtigt. Von spinaler Bahnung, wenn man sich den Weg der ankommenden und weitergeleitenden Impulse aus Nervenzellen verschiedener Körperorgane vorstellt. Von autonomen Nervensystem, wenn man die innewohnenden Wegziehreflexe, die Schreckpausen und die Ergebnisse von Angst-, Flucht- und Erstarrungsverhalten im Gewebe feststellt. Darüber hinaus wird deren Einfluss auf das hormonelle Immunverhalten mit einbezogen. In dieser Modellbetrachtung haben die Wechselwirkungen, welche das vegetative Nervensystem zwischen Muskelfaszienkomplexen und inneren Organen anregt, große Bedeutung. Die Manipulationstechniken werden benutzt, um die mechanischen Belastungen zu senken, die Nervenreize abzuschwächen und den Zustrom von eingehenden Reizen zu mindern.

b. das respiratorische Modell  beschäftigt die Atmung und ihre Auswirkung auf zirkulierende Flüssigkeiten. Das Organ- und Gewebemilieu ist auf ungehinderten Austausch von Sauerstoff und Nährmitteln angewiesen. Jede Art von Stress geht mit dem Sauerstofftransport in die Zellen einher und betrifft den Abbau von radikalen Stoffwechselresten. Der Fluss und Kreislauf von Körperflüssigkeiten steht im Vordergrund der Gesundheit von Gewebe aller Art. Deswegen dienen behutsame osteopathische Techniken dazu, atemmechanische und strömungsdynamische Hindernisse aus dem Weg zu nehmen.

c. das bioenergetische Modell  beruht auf der Erkenntnis, dass der Körper ein Gleichgewicht von Energieerzeugung, Energieverteilung und Energieverbrauch zu wahren sucht und immer im Gegensatz zu toter Materie immer danach strebt, sowohl die Belastungen des Augenblicks im Nu zu kompensieren, als auch sich langfristig an die Umweltbedingungen anpassen zu können. Aus dieser Perspektive wird der Schwerpunkt der manuellen Behandlung auf diejenigen Dysfunktionen gelegt, welche zu einer Fehlsteuerung des Energieverhaltens entscheidend beitragen. 

Kritik:  
Leider braucht das System der Medizin geschlossenes Denken und kann Sachverhalte, die nicht aus ihrer Welt stammen, kaum verwerten. Allerdings sind das Fehlen von bewiesenem Nutzen und das Fehlen von Nutzen nicht das Gleiche, denn offensichtlich gibt es Wahrheiten, für die es noch keine gültigen Belege gibt. Trotzdem wird täglich das Fehlen eines Beweises mit dem Beweis für das Fehlen verwechselt.
Rein biomedizinische Denkweisen drehen vom Abbild des lebenden Organismus kleine Filmchen, die nur Form, Beschaffenheit der Struktur, sichtbare Bewegungen und bioelektrische Aktivitäten beschreiben. Mit diesen Erkenntnissen konstruieren die Mediziner unter den Ärzten einen verkünstelten Körper. Ihre Sprache bleibt physikalisch und gibt keine Auskunft über die Erlebnisse an sich, so wie sie hier und jetzt an sich selbst spürbar passieren.
Offenbar hat man im praktischen Alltag die Bedeutung des Beobachters noch nicht in seiner Tragweite begriffen, denn wir können aus traditionellen Gründen nicht akzeptieren, dass wir keinerlei Zugang zu einer objektiven Wirklichkeit haben. Es gibt eben keinen Blick von nirgendwo.
Die Krankheitsprozesse entstehen jedoch selten mechanisch, sondern sie sind von Anfang an in die Lebensgeschichte  eingewoben. In der biologischen Geschichte kommt es darauf an, wie die vorgeformten Gene, die feinen Nerven und die Immunchemie mit den täglichen Reizstoffen von draußen umgehen. Natürlich läßt sich der Mensch nicht auf Physik und Chemie reduzieren. Zwar verändert der pausenlose Austausch mit der Umwelt den Organismus langsam, aber sicher. Gleichzeitig wird die persönliche Geschichte von früh an durch erworbene Vorstellungen und Erinnerungen bestimmt.
Nur wenig läßt sich logisch steuern, das allermeiste geschieht unvorbereitet, wenn auch mit viel Gefühl. Nichts passiert unbedingt zwangsläufig, denn genauso, wie wir in die physische Welt da draußen eingebunden sind, sind wir mit der geistigen Welt anderer Leute verbunden. Alles, was wir tun und denken, wird von denjenigen beeinflusst, mit denen wir es gerade zu tun haben.

 

 

B.

Das bio-psycho-soziale Modell  
beruht auf der global umspannenden Systemtheorie, der inzwischen bedeutendsten Informationstheorie für die Beziehung zwischen Körper, Seele und Geist. Im Kern der Überlegungen ist die Natur als ein Kontinuum von Ebenen aufgebaut, welche übereinander, nebeneinander, durcheinander und miteinander nach dem Prinzip der parallelen Verschaltung in Wechselwirkung stehen.  In dieser hierarchischen Ordnung steht der einzelne Mensch als physiologische Gestalt mit seinem Verhalten im Mittelpunkt des Geschehens.
Nichts existiert isoliert, alle Ebenen der Organisation sind verbunden, sodass die Einwirkung auf einer Ebene auch eine Antwort in den anderen, vor allem in angrenzenden Ebenen hervorrufen kann. Die Wirkungen sind indirekt, d.h. ein Ereignis läuft zwar aufgrund der horizontalen und vertikalen Vernetzung gleichzeitig ab, ist jedoch nicht gleichzeitig erkennbar.
Der zentrale Begriff ist die Emergenz , also das Erscheinen von Phänomenen, die auf der jeweils darunter liegenden Systemebene nicht vorhanden sind. Beispielsweise kann das Wasser auf der Ebene des Moleküls ( H2O ) löschen, während auf der Ebene seiner Atome (O bzw. H ) jeweils Zustände herrschen, woran man sich die Finger verbrennen kann. Demnach stellt sich Krankheit dann ein, wenn relevante Regelkreise im Organverhalten überfordert sind und ausfallen. Wegen der parallelen Verschaltung auf den jeweiligen psychischen und sozialen Ebenen des Patienten, den Beziehungen seiner Kultur, seiner Gesellschaft und seiner Familie, sowie der biologischen Aktivität seiner Organe, ihrer Gewebe, deren Zellen, ihrer Moleküle und Atome ist es nicht bedeutsam, auf welcher Ebene der Schaden in Erscheinung tritt. Man kann auch auf unter- oder übergeordneten Systemen Veränderungen bewirken.
Demnach sind Gesundheit und Krankheit kein spezifischer Zustand, sondern ein dynamisches Geschehen. So gesehen muss Gesundheit in jeder Sekunde neu erobert werden.
Die Einrichtung von integrativer Medizin und Rehabilitation beruht auf dieser theoretischen Vorstellung. Allerdings wird das schwierige philosophische Problem zwischen körperlicher Materie und masselosem Geist darin nicht gelöst. Körper, Geist und Seele bleiben verschiedene Aspekte einer gemeinsamen Wirklichkeit.
Es geht deshalb überhaupt nicht mehr um die Frage, ob psychische Erlebnisse womöglich eine schädigende Wirkung auf den biologischen Körper haben. Vielmehr gilt, dass bei jedem Krankheitsprozess auch psycho-soziale Faktoren einen wesentlichen Anteil haben. Jeder Prozess, der im Entstehen, im Verlauf, in der Manifestation und der Behandlung von krankhaften Störungen des inneren Gleichgewichts beteiligt ist, ist nicht entweder biologisch oder psychologisch, sondern sowohl  biologisch, als auch psychologisch zu verstehen. 

Kritik: 
 Wenn wir umknicken, wiederfährt unserem Fuß etwas Physisches, und dennoch nehmen wir den Schmerz als Gefühl war. Damit gehen wir zum Arzt, weil uns unangenehm zumute ist und nicht, weil uns ein materiell-energetischer Reiz auf die Nerven geht. Die Grundlagenforschung erklärt uns genau, wie die Schmerzrezeptoren an den feinen Nervenendigungen funktionieren. Sobald Druck, Zug, Hitze, Kälte oder Entzündungschemie daran wirken, werden die mit ihnen verbundenen Nervenzellen auf physikalische Weise erregt. Das veranlaßt die Zelle, chemische Botenstoffe an den Übergängen zum nächsten Neuron auszuschütten, den diese weiter zu befeuern. Beim Eintritt wird der Alarm mit parallel einlaufenden Impulsen von anderen Regionen vermengt, auf gleicher Ebene verschaltet und weiter nach oben ins Gehirn geschickt, zum gefälligen Abgleich mit den Vorerfahrungen. Dort wird unsere somatosensorische Botschaft aus dem umgeknickten linken Fuß nach rechts zur Ensstation im somatosensorischen Großhirn getragen, nicht ohne auf dem Weg etliche Signale der Störung an alle anderen Areale abzugeben. Die erregung dieser kortikalen Zellen im Großhirn bewirkt, dass wir irgendwie Schmerz empfinden.
Damit ist aber nicht erklärt, wie die Kaskade, die als etwas materiel-energetischer Vorgang begann, aber als etwas mentales Erlebtes endete. Es hat nämlich noch nie jemand gesehen, wie ein physikalischer Reiz als chemischer Botenstoff verkleidet in das Seelenleben springt und von dort wieder zurückhüpft.
Zwar setzt das Modell das psychische und sozial bewusste Erleben den biologisch zwangsläufig ablaufenden Vorgängen gleich, aber das eigentlich schwierige Problem, wie aus Materie der Geist wird, kommt in den biologischen Vorgängen gar nicht vor. Ein Gedanke ist ein geistiger Vorgang ohne Zeit und Raum und damit in keinem materiell-energetischen Zusammenhang eingebunden, wie alle anderen Vorgänge, egal auf welcher Ebene. Wenn ein Geistesblitz irgendwie Einfluss nehme auf etwas Materielles, wie die Gehirnzelle mit ihren Molekülen, wären sämtliche naturwissenschaftlichen Gesetze verletzt. Deshalb wird in dieser Theorie das alte philosophische Leib-Seele-Problem, heute als Kluft zwischen Gehirn und Geist bezeichnet, nicht gelöst, sondern nur deutlicher erklärt.
Außerdem reden Psychologen und biologische Mediziner nicht nur wegen des logischen Mangels, sondern auch in Kenntnis ihrer semantischen Differenzen, nämlich jeweils in ihrer eigenen Sprache, aneinander vorbei. 
Allen Einwänden zum Trotz ist das bio-psycho-soziale Modell das gegenwärtig plausibelste Theoriekonzept, innerhalb dessen der Mensch in Gesundheit und Krankheit erklärbar und verstehbar wird. Trotzdem brauchen wir weder zu den Sternen über uns greifen, noch die moralischen Bedenken in uns verdrängen, sondern nur wir unsere Beobachter und Erlebnisperspektive etwas begrenzen: 

 

Modell der organischen Einheit ( body-mind-unit) 

Danach endet der Umweltraum, welcher unmittelbar unsere Anpassungsprozesse regulierend und integrierend bewirkt, mental  in unserer überschaubaren Gemeinde und biologisch beim Gewebe.
Alles, was darüber hinausgeht, also die Einflüsse der Kultur, der Nation, der globale Raum der Erde,  die Biosphäre oder die Milchstrasse mit ihren circadianen Einflüssen, betrifft uns nicht persönlich, macht uns nicht so betroffen und geht nicht so unter die Haut, wie der Ärger mit der Gruppe von ca. 100 Leuten, die wir gerade noch wahrnehmen oder die Beziehungskonflikte mit unseren Nächsten in der Lebensgemeinschaft.  
Körperlich können wir unsere biologischen Eigenschaften gerade noch oberflächlich  bis in die Gewebe verfolgen. Die Zellen und das, was mit ihren Molekülen und deren Atomen vorgeht, entzieht sich unserem Bewusstsein und seinen Elementen Wahrnehmung  und subjektives Erleben.  
Die Ereignisse, welche wir selbst bewusst am eigenen Leibe erfahren können, werden trotzdem unterschiedlich erfahren: zum einen durch die eigene Innenwelt, in die niemand hineinsehen kann, weil sie ihn nicht betrifft oder betroffen macht ( Subjekt). An Hand der Körperreaktionen können Dritte, also der Beobachter, die Verhaltensdaten messen, bestätigen und in einer Begriffswelt in Dateien ablegen. Dann kann der Betroffene beide Positionen einnehmen und einserseits die Datendichte auf dem Bildschirm verfolgen und parallel die Gedanken, Stimmungen und Empfindungen erleben. Diese gefühlsbezoge Bewertung wird wesentlich umfangreicher als die objektive Betrachtung, denn sie nimmt das Wissen aus jeder Erfahrung.     

Dieses Psycho-Neuro-Immunologische Modell  bildet beide Wahrnehmungsräume ab. Diese Einheit von Körper und Geist entspricht der " Wirklichkeit an sich " , ist zwar prinzipiell als solche nicht erfahrbar, trotzdem als Arbeitsmodell praxisbezogener und individueller. Und profitiert von der Hirnforschung der letzten zwei Jahrzehnte, denn mit bildgebenden Verfahren gelang es, chronische Schmerzen, Angsstörungen und Stresserfahrungen mit gut lokalisierbaren Aktivitäten der Nervenzellen nachzustellen.

Es geht in der body-mind-Theorie um Wechselwirkungen und nicht mehr darum, ob psychologische Faktoren eine schädigende Wirkung auf körperliche Vorgänge haben. Es geht vor allem darum, welchen Einfluss sowohl die Wahrnehmung als auch das bewusste Erleben auf das Reizverhalten hat und im Verlauf abschwächend und verstärkt wirken kann. Die Beziehung zwischen Biologie und Bewusstsein wird klarer auf die jeweilige Perspektive der Wahrnehmung ausgerichtet ( Perspektiven-Dualismus ). Das ist die gute Nachricht für alle Dichter, Denker und Schamanen. Zwar schmollen die Hirnforscher, welche unser Ich, unsere Identität und unsere Ideen nur als Produkt eines Haufens von Hirnzellen betrachten. Aber zumindest die Berufsphilosophen können beruhigt zu ihren Lehrstühlen zurückkehren, denn das Ich-Bewusstsein ist nicht das Gehirn, sondern die andere Seite der Münze.  
Somit ist der Austausch mit der Umwelt nicht vollständig mechanisch zu erklären, sondern als etwas zu interpretieren, was die Einheit mit der Umwelt verändert. Die energetischen Austauschprozesse laufen nicht nach globalen physikalischen Regeln ab, sondern nach eigenen Kriterien, die dem Beobachter verschlossen sind. Dabei leistet der Organismus permanent eine Korrektur der Fehlanpassung an eine mobile Umwelt. Die Wahrnehmung von Reizen der Außenwelt, das unbewusste Abrufen der Informationen und das bewusste Erinnern stellen sich zwangsläufig in Mimik, Gebärde und Bewegung dar. In einer körperlichen Reaktion also, als ob der Mensch, übersät von feinen Nervenenden, sich wie ein aufrecht gehendes Gefühlsorgan benimmt, eingehende Sinnesreize über das hintere Rückenmark umschaltet, an das Gehirn ( bottom up ) weiterleitet, dort in den zuständigen Arealen intern mit Vorerfahrungen abgleicht und dann ( top down) nach draußen in allerlei hemmende oder aktivierende motorische Befehle umsetzt. 

Die störungsfreie Interpretation jeder Reizwelle ist Voraussetzung für die Steuerung der Sinneswahrnehmung unseres Körpers als Einheit. Natürlich kommt es auf den Drehscheiben zu Störungen, entweder in der Peripherie, beim Eintritt in das Rückenmark oder innerhalb der Verarbeitung in den Gehirnarealen. Die Frage, was man selbst tun könne oder geschehen lasse, ist bei unspezifischen Beschwerden verbunden mit der Frage, was einen betrifft und am eigenen Leibe betroffen macht. Es geht weniger um die Gene, wie uns das mechanistische Weltbild immer noch weismacht, denn der Mensch hat nicht wesentlich mehr Gene als ein Wurm. Die These, dass alles im Erbgut festgelegt ist, läßt sich mit heutigen Erkenntnissen nicht mehr aufrecht erhalten. Beide, Gene und Umwelt wirken in jeder Sekunde kooperativ zusammen. Es geht vor allem darum, was man aus seinen Genen macht und wie man sich dann verhält, wenn es besonders auf das eigene Verhalten ankommt, nämlich in Zeiten von Krisen. Solche Phasen hinterlassen Spuren, nicht nur am Leib, sondern auch am Körper. Jede Änderung der Rahmenbedingung ruft eine allmähliche Reaktion im gesamten Organismus hervor. Je mehr man dynamisch daran kurbelt, umso mehr erwärmt sich das Reiz-Reaktions-Gespann. Zahlreiche Rückkopplungen zwischen einzelnen Organsystemen verstärken die Grundspannung. In anfälligen Gelenken kann es zu plötzlichen und drastischen Erwärmungen kommen. Es geht drinnen bei uns offenbar zu wie draußen beim Wetter, das selbst nicht weiß, wie es wird. Allerdings dürfen wir Wetter nicht dauernd mit Klima verwechseln.

Myofasciale Dysfunktionen  sind keine wetterfühligen Erkrankungen, sondern die klimatische Seite der Sinnesempfindungen. Der ärztliche Tastsinn erschafft zusätzlich beim Beobachter eine subjektive Erkenntniswelt, welche dem eigentlichen Subjekt, als dem Patienten selbst, bisher in seiner Deutlichkeit und Ausdehnung entgangen war. In der positiven  Rückkopplung liegt der therapeutische Effekt. 
Jede kleine Überlast, welche zuvor folgenlos war, konnte das Fass zum Überlaufen bringen. Auch wenn die Störfaktoren beseitigt sind, wird das Gelenkverhalten nicht mehr zu seiner alten Form zurückkehren.
Aber die Identifizierung von Spannungskrisen, die zum Umkippen oder zur Beschleunigung von Gewebespannungen führen, kann größeren Schaden an den Gelenken und Organen verhindern. Die Wissenschaft ist davon noch ein großes Stück entfernt. Der ärztliche Tastsinn jedoch hat die große Chance, " näher dran " zu sein.
Wenn der intensive manuelle Zugang einer osteopathischen Arzt-Patient-Beziehung tatsächlich einen desensibilisierenden Einfluss auf episodisch muskuloskeletale Beschwerden, die Immunabwehr von Infektionen oder die vegetativ bedingten Funktionen von Herz und Kreislauf nimmt, hat das Naturkonzept der Osteopathie hier seine Grundlage.