Muskelspiele am Rücken

Unbestritten
hängt das Prinzip des gesunden Lebens mit körperlicher Aktivität zusammen. Wer dem widerspricht, ist keiner von uns. Schließlich ist unser Organismus auf eine Gehbelastung von täglich 15 bis 20 km ausgelegt. Allein ein zügiger Spaziergang von 3 km führt schon zu einer Beckenaufrichtung, Entlastung der Lordose der Lenden- und Kyphose der Brustwirbelsäule und Zurücknahme der Halswirbel samt Kopf gegenüber dem Schwerpunkt.
Aber nicht nur das Muskelskelett, sondern auch die Weisheit der Nervenzellen lebt von der Vorhersage. Schon der leiseste Anflug von etwas Ungewohntem lässt unser Muskelkorsett vor Schreck zusammenzucken. Auf dem langen Marsch durch die Anpassung sind wir gut darin trainiert, übertrieben zu reagieren. Weil es besser erscheint, einer vermeintlichen Bedrohung zuvorzukommen, als ein echtes Unheil nicht wahrzunehmen. Sportlich gesehen ist jede Übung eine Simulation des Ernstfalls und unabhängig von Status und Statur ist es besser, schleunigst so zu tun, als ob dieser eintreten würde. Sport ist Vorbeugung, keine Therapie. Erst recht keine Vergütung für geistige Überstunden, denn es verlangt auch niemand von uns, dass wir zum Ausgleich denken. Der Eigenwert liegt in der Wiederholung, nicht im Format.
Frühere Beobachter unterschieden aufrecht gehende Typen nach Gazellen, Hirschkühen und Elefanten, was nicht sehr schmeichelhaft, aber erkenntnistheoretisch treffend war. Rassenbezogene und selektionsgetriebene Gedanken waren zwar nicht verboten, aber bedenklich und haltlos. Politisch korrekt ist die Einteilung in endomorphe, mesomorphe  und ektomorphe  Grundtypen. Der endomorphe Körperbau besitzt einfach mehr Körperfett, während sich die mesomorphe Figur muskulöser aufrichtet und die ektomorphe Gestalt eine geringe Breite, dafür mehr Höhe zu bieten hat. Auf der einen Seite begegnet der mehr asthenische  Typus dem athletischen  Bewegungsapparat, auf der anderen Seite steht die schlankwüchsige  Birke schwankend im Wind dem breitwüchsigen Erscheinungsbild der sturmfesten Eiche gegenüber. Egal ob Hungerhaken oder aerodynamische Tropfenform: jeder besitzt von jedem etwas. Mal mehr, mal weniger talentiert für die Weltspitze in ausdauernden, kräftigen oder koordinativen Wettbewerben, um höher, schneller und weiter als der Nachbar zu kommen.         
Dem Gehirn ist das olympische Körperideal egal. Der sture Kosmos dort drinnen bevorzugt weder die glatte Göttin, noch den starken Kerl. Für die weiße und graue Substanz ist die Wirklichkeit alles, was sich zwischen ihren Synapsen auf dem Weg zum senso-motorischen  Körperschema bewegt. Für uns wache Inhaber ist die Wirklichkeit dagegen nur das, was man gerade fühlt und denkt. Denn unter den Hundertjährigen sind mehr Philosophen, als Zehnkämpfer. Der tiefere Sitz aller Ursachen ist wohl das Erleben von Kräften.

Die Annahme
es seien schwache Muskeln, welche zum Gelenkschaden führe, Bandscheiben lockere oder den Rücken verspanne, ist eine Mangelfiktion. Schwäche kommt im Reizverkehr als Schadstoff gar nicht vor. Der periphere Muskel ohne eigene Krankheit ist nicht schwach, sondern gesund und allenfalls durch Schutzmechanismen gehemmt. In den Sport-, Fitness- und Rücken-Centern überwiegt noch die Annahme, der Muskel bewege sich nur, wenn eine Kraft von außen auf ihn einwirke. Sobald die Kraft aufhöre, lasse auch seine Bewegung nach. Folglich sei der schwache Muskel die Ursache, welche das Gelenk oder den Bauch vernachlässige und deswegen die puffernden Bandscheiben aus ihrer stabilen Zwischenlage dränge.
In den Hamsterrädern wird nicht klar, dass ein Körperteilchen solange in seiner Bewegung fortfährt, wie keine Kraft auftritt, die es daran hindert. Es kommt darauf an, die Bremse zu lösen und nicht mit dem Bleifuß zu treten. Die Anweisungen an Muskeln zum Handeln werden zwar zentral, aber absteigend zu den Motoneuronen nicht willentlich gesteuert, wie noch gern angenommen wird. Das zentrale und periphere Nervensysstem interessiert sich in seinen verästeltelten Windungen nicht für unsere guten Vorsätze, Absichten und freien Willen. Dazu braucht es den Affekt, hier und jetzt das starke Gefühl, um absteigend die motorisch, sensorisch, reflektorisch und vegetativ  begabten Einheiten zu hemmen und die Arbeit der Moleküle in den Zellen der elastischen Filamente zwangsläufig zu dirigieren.
Es liegt wohl eher an der mächtigen Gewohnheit, dass wir die Anwesenheit von Schwäche für einen Mangel an Stärke halten. Weil wir bisher nicht gelernt haben, uns selbst wahrzunehmen, sondern den Mensch traditionell noch in zwei Substanzen teilen: die eine für die Vorgänge hinter den ausgedehneten Vorgängen, die andere lediglich um uns zu denken. Erst wenn wir denken, haben wir angeblich die Gewissheit körperlich zu existieren. Nur wenn ich mich denke, bin ich. Einfach nur gefühlt, gilt nicht als aufgeklärt ( cogito ergo sum ). 

 

Sport
ist ein Eigenwert, keine Therapie. Natürlich gehört zur menschlichen Großerfahrung, dass regelmäßiger Waldlauf den Schnupfen verhindern kann. Doch wer rennt schon in den Wald, um seine triefende Nase zu behandeln.
Zudem kennt starker Muskel mehr Schmerz als gemeinhin verbreitet wird. Sportler haben evident häufiger und früher ernsthafte myofasziale Probleme, als der mäßig aber regelmäßig bewegliche Alltagsmensch. Auch die Wahrscheinlichkeit, nicht so alt zu werden wie der Durchschnittsmann, ist bei Leistungssportlern leicht höher. Wer nichts macht, stirbt allerdings früher. 

Die oft beschuldigte Muskelschwäche als Ursache für myofasziale Rückenverspannung, Bandscheibenläsion oder Arthroseschmerz ist eine Mangelfiktion. Es gibt zwar Bewegungsdefizit und Schmerzhemmung, jedoch weder einen messbaren Soll- und Istwert der Muskelkraft am Rücken, noch einen anderen gültigen Beleg. Der Kraftverlust ergibt sich eher aus dem Gefühl der Instabilität, der Unsicherheit und dem Kontrollverlust bei Gewebehemmung, als durch das geminderte Kraftpotential eines Muskels. Beschwerden am Muskelskelett werden weder durch Kraft noch dem Mangel daran, sondern durch Information an das zentrale Nervensystem über Druck oder Zug, Entzündungschemie, Sauerstoffmangel sowie thermische Faktoren an den Nervenenden ausgelöst. Niemand, der gesund werden und munter bleiben will, muss deswegen dem kraftraubenden Optimierungsdrang in selbsternannten Rücken- oder Fitness-Centern folgen. 

Wenn jemand wirklich nicht mehr viel leisten kann, ist die Ursache in der Regel schlechte Gesundheit. Das kann jeden in jeder Lebensphase treffen. Was die Körperkraft betrifft, sollten wir Kulturerben eher gegen kräftezehrende Lebensweisen ankämpfen, regelmäßig energische Spaziergänge integrieren und schwimmen, rudern, radfahren oder andere regelnde und steuernde Vorwärtsbewegungen ohne Druck durch Trainer, Zeit oder Geräte. Kurzum, selbstbestimmte Bewegungen von hier nach dort mit dem eigenen Körpergewicht veranstalten und laute Menschen meiden. Die bringen nur Verdruss. Stattdessen Frieden mit den Nachbarn schließen. Davor nur so viel essen und trinken, dass wir unsere Kräfte stärken und nicht so viel, dass wir sie belasten. Dabei tolerant sein, wenn man uns Hühnchenfleisch auf den Teller legt, jedenfalls wenn man seinen Nanen und Adresse kennt.

Wie wir alle jetzt wissen, hat das mechanische Erklärungsmodell des Organismus zwar seine unbestreitbaren Vorteile im Erhalt des Lebens. Aber der lebende Körper ist mit all seinen Funktionen auf Gegenleistungen einer passenden Umwelt angewiesen. Wir können nur unter bestimmten Bedingungen atmen, das Fließgleichgewicht des Stoffwechsels kann nicht überall und jederzeit alle Stoffe verwerten und das Muskelskelett kann sich nur im Widerstand mit der entsprechenden Schwerkraft bewähren. Dieser ständige Austausch mit der Umwelt ist nicht mechanisch zu erklären, sondern nur als etwas Eigenartiges zu verstehen, der uns als körperliche und geistige Einheit ständig ändert und anpasst. Die Regeln dafür sind verborgen und weder in den physikalischen Bewegungsgesetzen zu finden, noch im Zeitpfeil zur Erhaltung der Energie. Die Frage, was man selbst tun kann oder geschehen lassen müsse, ist verbunden mit der Frage, was denn das Eigene sei.  
Vorbeugend  gilt es nach wie vor, den Ernstfall der Anpassung zu üben, künftige Bewegungsabläufe vorwegzunehmen und fehlerhafte Lerneffekte oder Musterbildungen nicht zuzulassen. Therapeutisch  geht es eher darum, die Schmerzbremse im Bindegewebe zu lösen und in den neurochemisch gestörten Stoffwechsel zwischen bindegewebigen Schichten, Bandansätzen und Gelenkkapseln mit direkten oder indirekten Grifftechniken rückkoppelnd einzugreifen.

 

Droht Verletzung,
werden die Muskeln nicht schwach, sondern gehemmt und wirken zwangsläufig lahm. Wer irgendwann mit dem Fuß umknickt, merkt sofort, dass die reflexartige Schreckpause, ein stressiges Schmerzgefühl und das unwillkürliche Schonhumpeln zwar getrennt ablaufen, aber irgendwie zeitgleich passieren. 

Das Unterdrücken von Bewegungen, die Schmerzhemmung in Form von Spannungsstörung sowie das unangenehme Gefühl sind wichtige Eigenarten unseres vorgeformten Schutzverhaltens. Zudem geben wir zwischen dem stetig einlaufenden Strom von Sinnesreizen und ausgehenden Handlungsimpulsen unsere heimliche Bewertung in Form von erlernten Abwehrmustern hinzu. Denn neben Vorgängen gibt es noch  Beweggründe aus dem „ Schmerz darüber“. Wenn durch motorische, sensorische, reflexartige oder vegetative Vorgänge die rückwärtige Einstellung der Gelenke untereinander nicht mehr so von selbst funktioniert wie gewohnt, entstehen Beweggründe, welche zu vegetativen Maßnahmen und senso-motorischen Handlungen umgesetzt werden. Wie ist unklar und kann naturwissenschaftlich mit den üblichen analytisch-synthetischen Modellen nicht geklärt werden. Weder in die eine Richtung, vom Körper zum Geist, noch vom Geist zurück zum Körper. 

Im Sport und physiotherapeutischen Fitnessbereich hat sich der Begriff der muskulären Dysbalance verbreitet, denn diese Sichtweise nimmt Unsicherheit, gibt Orientierung und macht handlungsfähig. Der Begriff soll die fehlerhafte Zusammenarbeit von " verkürzten " oder " abgeschwächten " Muskeln bezeichnen und spezifische Dehn- und Kräftigungsübungen einfordern. Grundlage war die Theorie, dass langsam arbeitende, tonische Muskeln für Haltungsaufgaben zuständig seien und zur Verkürzung neigen. Dagegen würden die schnell kontrahierenden, phasischen Fasertypen vorwiegend Bewegungen steuern und sich abschwächen. Diese Theorie muss neuroanatomisch als überholt angesehen werden, denn viele Einflüsse führen zur verminderten Kraftentwicklung ( Abschwächung ) oder verminderter Beweglichkeit ( Verkürzung ). Tonische, also langsam zuckende Fasern, welche angeblich zur Verkürzung neigen, finden sich auch in solchen Muskeln, die vorwiegend schnell zucken und umgekehrt. Vornehmlich die Hüftbeuger, welche häufig in der Praxis verkürzt sind, haben einen hohen Anteil an langsam zuckenden Elementen. Dagegen zuckt der nach Knieverletzungen typisch abgeschwächte m. vastus medialis beim Strecken ziemlich langsam. Auch bei den Bauchmuskeln werden Typisierungen für Schwächen benutzt, welche weder die komplexen sensomotorischen Fehlspannungen, noch die dynamischen Druckeigenschaften im Rippenthorax und Bauchraum berücksichtigen oder die biomechanische Körperstatik in Bezug zum Lebensalter setzen. Verkürzte Bauchmuskeln auf dem Rücken zu üben ist zwar im mainstream populär, jedoch kinästhethisch vulgär und biomechanisch eine Mär.     

Trotz populärer Verbreitung gibt es keine belastbaren Belege für die Ansicht, dass die körperliche Leistung eines Menschen von seinen konzentrierten Kraft- und Dehnübungen abhänge. Träfe diese Übungspflicht zu, dürften wir erwarten, dass die evolutionäre Entwicklung solches Verhalten auch in die Natur der Tiere eingespleisst hätte. Aber kein Löwe klemmt sich abends zwischen zwei Bäume und kein Beutetier verkümmert während seiner Jagd, weil es im Eifer des Gefechts seine tonischen Dehn- und phasischen Kräftgungsübungen versäumt hat. Eine Katze dehnt sich nicht, weil sie dann besser zum Sprung ansetzen kann, sondern wenn sie sich sicher und wohl fühlt.

Im Gegensatz zu den Tieren wissen wir von Anfang und Ende und das macht Falten. Wir können zwar denken, was wir fühlen und episodische Erlebnisse in ganze Sätze auflisten, wenn wir wollen. Aber kann kein Mensch Wollen wollen. Das macht das Ändern von Gewohnheiten so schwer. Schon eher haben sich in den Denkprozessen hoffnungsvolle Vorstellungen eingewöhnt, weil sie gut für uns ausgingen oder einen Höhepunkt hatten. Wir denken uns beispielsweise, Heilung sei ein gutes Stück Wahrheit. Doch kaum nimmt die Menge davon Besitz, wird sie zum Geschwätz. Daran wollen wir nicht denken.

Es ist nicht der Muskel, der uns mit seiner Schwäche schädigt. Eher liegt es an unser Gewohnheit, dass wir die Anwesenheit von Schwäche für einen Mangel an Stärke halten. Deswegen überwiegt wohl die Annahme, der Muskel bewege sich nur, wenn eine Kraft auf ihn einwirke. Sobald die Kraft aufhöre, lasse auch seine Bewegung nach. Folglich ist die Meinung in den Hirnarealen sehr verbreitet, es sei der schwache Muskel die Ursache, welche das Gelenk verzieht und gar Bandscheiben lockert. In den Verästelungen wird nicht klar, dass ein Körperteilchen solange in seiner Bewegung fortfährt, wie keine Kraft auftritt, die es daran hindert. Wer immer noch meint, Schmerz sei Bitten der Muskelzelle um reine Kraft, wird abgeholt.  

Um der Wahrheitsfindung

zu dienen, wird die Störung einer myofascialen Funktionseinheit mit schmerzhaften Druckpunkten, Kontrollverlust  der Bewegung, eingeschränkte Verlängerbarkeit  der Muskeln und Abschwächung ihrer Kraft durch reflektorische Hemmung, von der aktuellen Schmerzphysiologie umfassend beschrieben. Diese Eigenschaften können sowohl Ursache als auch Folge von Fehlbelastung des Bewegungssystem sein.

Abgesehen von der Sportart oder haltungstypischen Gewohnheiten, liegen der Muskelanspannung sehr viele, im Einzelfall schwer überschaubare Faktoren zugrunde. Die Muskulatur wird einerseits zentral angesteuert und erhält andererseits Informationen über den internen Zustand des biologischen Systems. Einerseits vom Gelenk zum führenden Leitgewebe ( Wegzieh-Reflex ), anderseits vom spannungsgestörten Gewebe zum Gelenk als Abwehr des gesamten Organismus ( protektives Schmerzverhalten ).  Dieser umfassende Mechanismus kann wiederum zu einseitigen Belastungen der Bandführung führen, was erneut Schmerz in tieferen bindegewebigen Schichten ausgelöst und die Ausbreitung beschleunigt. Häufige und vermehrt einströmende Meldungen, sowohl vom Stellungssinn ( propriozeptiv ), als auch von den feinen Nervenenden ( nozizeptiv ), ändern das Bewegungsmuster spürbar und unabhängig von dem Lebensalter.

Natürlich komprimieren starke Muskeln die Gelenke, aber ihre Fehlspannungen kompromittieren seinen Inhaber nicht so, als habe sein Rückenschmerz mit einem Kraftproblem zu tun. Die lähmend empfundene Schwäche von Rumpf, Bein oder Arm ist zunächst eine eine Folge des reflexartigen Schutzverhaltens von Gelenk oder Organismus und nicht dessen Ursache.

In den meisten Fällen sind anhaltende Rücken- oder Gelenkbeschwerden zwar auf muskuläre Funktionsstörungen innerhalb ihrer bindegewebigen Bandführung zurückzuführen. Jedoch verlieren diese körperlichen Vorgänge  schnell ihre Bedeutung und werden abgelöst durch Beweggründe, bei denen vernünftige Überzeugungen und daraus resultierendes Verhalten im Vordergrund steht.

Als Beweggründe, welche die zentrale Ansteuerung beeinflussen, kommen mentale, soziale und kulturelle Vorstellungen hinzu. Allerdings ist eine anhaltende Fehlspannung weder auf frühkindlich erworbenes Fehlverhalten, noch auf skoliotisch vorgeformte Fehlstellungen zurückzuführen. Für Einlagenpflicht gibt es ebenfalls keinen Beleg. Vielmehr passiert uns allen der Verlust der Muskelkontrolle in manchen Lebensepisoden durch neurochemische Schmerzreaktionen. Auf lange Sicht führen Ängste vor körperlicher Belastung und mühsam erworbenes Vermeidungsverhalten zu einer muskulären Dekonditionierung, genauer Mangeldurchblutung der bindegewebigen Schichten. Das wird von interessierten Gruppen als Schwäche ausgelegt. Die Muskeln sind aber nicht schwach, sondern durch absteigende Bahnungen gehemmt und dadurch gestresst.

Seriöse Studien belegen tatsächlich die Minderung des chronischen Schmerzerlebens durch regelmäßiges Krafttraining, aber kein Leistungssportler kann den gemessenen Bewegungszuwachs mit gleicher Methode erreichen. Die Schmerzminderung ist also nicht in der Methode der Geräteanwendung, sondern im neurochemischen Stoffwechsel und Belohnungsverhalten zu suchen. Damit spielt das subjektive Erleben der Selbstkontrolle und die Wahrnehmung jeder Form von Bewegung die Hauptrolle, denn selbst ein Lob nützt nichts ohne die Ausschüttung von Hormonen.

 

Die normale Kraftübertragung

im Muskelskelett  passiert nicht nur über Sehnen, Bänder und Kapseln an das Gelenk, sondern auch quer zu nachbarlich und parallel zu gegenläufig arbeitenden Muskeln ( myofaszial  ). Dem gesamten Bindegewebsgerüst werden wichtige Aufgaben für die Koordination der motorischen Bewegung im Raum und die vorsorglich sichernde Schonhaltung nach Schadreizen zugeschrieben. Faszien sind Teil des Bindegewebes, liegen einerseits wie ein Neopren-Anzug oberflächlich unter der Haut, bilden andererseits spannende Brücken zwischen den Gelenken und verbinden Muskeln durch feine Hüllen, besonders zart im Wirbelkörpergefüge. Ihr seltsames Rollenspiel ist noch ungeklärt. Das gilt auch für Faszienrollen, deren Hin und Her über Gefäße und Nerven leider nicht wie versprochen für die Auflösung, sondern für eine Verschiebung des Spannungsstaus zwischen den Gelenken sorgen und damit für periphere Verklebungen mitverantworlich sind. 

 

 

Gelenke

sind nicht nur in Armen und Beinen enthalten, sie wirken auch an Wirbelkörpern und Rippen als Übergänge für Druckkräfte und Zugspannungen. Ein körperweites Spannungsnetzwerk von bindegeweblichen Hüllen, kurz Faszien  genannt, dient als elastisches Zugelement und überträgt die Spannungslasten des Alltags. Mit ihrer Bedeutung verlieren Knochen und Knorpel ihre dominante Rolle im druckaufnehmenden Verbund und dienen nun als Platzhalter für die tägliche Form. Dafür bewegen sich die vielschichtigen Fasziengewebe mehr als früher gedacht, ziehen ihre Fasern reflexartig zusammen und entspannen die fibrösen Zellen wieder wie zuvor. Viel langsamer als Muskeln, jedoch stetig und immer unwillkürlich. Faszien sind zwar weniger durchblutet, jedoch mindestens so stressbegabt und nervös ausgestattet wie Muskeln. Deshalb reagieren ihre tiefen Schichten ebenso schützend auf mechanischen Reiz und Schwingung, auf Hitze und Kälteschwankung, auf jede saure Änderung im chemischen Milieu und besonders lange auf eine anhaltend schiefe Stellung im Raum. 

Unabhängig von sensomotorischen Bahnen findet auf den verbindenden Geweben ein erregter Reizübergang statt, der die Zuggurtung der Gelenke untereinander einseitig verstellt. Auf der einen Seite raubt die sensible Spannungsstörung den Muskeln, Faszien, Bändern und Gelenken derart die Freiheit, bis unspezifisches Spannungsrauschen die gelenkeigene Schadschwelle überwindet und intern schlummernde Nervenenden weckt, die das Gelenkmilieu, nunmehr spezifisch, entzünden. Auf der anderen Seite trifft es mehr Frauen im Alltag, weil ihr Hormonorchester den Stress offensichtlich anders herunterspielt, als ein Posaunenchor der armen alten weißen Männer.

 

Frauen

entzünden sich von Natur aus anders. Sie zahlen höhere Prämie, haben einen Arzt mehr und erhalten fast doppelt so häufig Gelenkimplantate. Schon deshalb kommt empirisch der Umgang mit der Muskelkraft beim schwachen Geschlecht eher nicht als pognostischer Faktor in Betracht. Es ist das elastische Verhalten im Bindegewebe zwischen den Faszienschichten, welches den Hauptgrund für die höhere Schmerzbereitschaft des Muskelskeletts von Frauen bildet. Generell ist die Bindungsmenge von Wasser durch Glucosaminmoleküle zwischen den Schichten der Bindegewebe entscheidend für das Gleit- und Entzündungsverhalten im Muskelskelett. Sobald die fasziale Struktur im endokrinen Rhythmus trockener wird, steigt die Gefahr für Einrisse und Rupturen. Zudem finden sich in den oberflächlichen Schichten die meisten feinen Nervenenden für die Schmerzleitung, in den tieferen Schichten zum Muskel schon weniger und kaum noch Erregungspotential in den dicken inneren Lagen. Zudem zeigen anatomische Untersuchungen im Fasziengewebe von Frauen ein anderes Verhalten auf mechanische und chemische Stimulation der Faserzellen. Geschlechtsneutral antworten Fibroblasten auf Druck und Zug mit Zuwachs, während Fibrozyten die Moleküle für die Wasserbindung besorgen. In der Schwangerschaft werden die Rezeptoren für Östrogene jedoch deutlich mehr ausgebildet, um die Dehnfähigkeit zu gewährleisten, während nach der Menopause sich dieses Bildungspotential umkehrt und enormen Einfluß auf die Kollagenstruktur nimmt.   

Das Verständnis für die myofasziale Dysfunktion  im Beckenring ändert die Empfehlung zur Vorbeugung oder Behandlung von dem unspezifischen Kreuzschmerz. Gern wird aus einer aysmmetrischen Bindegewebsstruktur die Meinung abgeleitet, ein verkürzter Muskel sei das schwache Glied der Funktionskette. Wer jedoch nach Durchtrennung des Bindegewebes ein Hüftgelenk ersetzt hat, erlebt noch intraoperativ das volle Bewegungsausmaß und spürt gleich postoperativ den straffen Muskelzug. Auch nach extremen Überdehnungen, Umknicken oder Luxationen der Gelenke bleibt der Muskel in der Regel von einem traumatischen Gewebeschaden verschont, weil der elastische Faseranteil nur etwa ein Drittel der Gesamtlänge ausmacht. Präpariert man einen Muskel in vivo vom Ursprung bis Ansatz, verkürzt sich das Gewebe sofort um etwa 20 % seiner Länge. Die Differenz macht die Grundspannung im lebendigen Leibe aus.

Die Schmerzbefreiung durch Behandlung des Bindegewebes  ist der Hauptgrund für den wiedergewonnenen Bewegungszuwachs. Diese Tatsachen sollten bei der Empfehlung zum Beckenbidentraining dringlich überdacht werden. Auch in diesem heiklen Bereich braucht nicht der statische Zustand der Schließmuskel eine Erklärung, sondern umgekehrt: die genaue Darstellung der bindegewebigen Barrieren, welche den fließenden Strom der Nerven hemmt, die Blutzufuhr drosselt und den Spannungsstau der Flüssigkeiten bewirkt, ist von heilsamer Bedeutung.

 

 

Sport

macht nicht schlank, sondern verhindert die aerodynamische Tropfenform. Allerdings bringt Sport keine Zinsen, sein entzündungshemmender Wert liegt in der Wiederholung. Durch Mithilfe von Krafttraining ist es durchaus möglich, vorbeugend  einen strafferen, durchtrainierten Körper zu erkämpfen. Mit Anstrengung gegen Widerstand werden Muskeln im Querschnitt aufgebaut und Fettpolster gleichzeitig durch erhöhten Energieverbrauch abgebaut. Je mehr Muskelmasse man besitzt, um so mehr Kalorien können verbrannt werden. 

Die Wirkungen sind indirekt, denn nicht jede Anstrengung bringt Muskeln. Ist die Aufmerksamkeit hauptsächlich auf vielseitig geschmeidige und mustergültige Bewegung gerichtet, wird lediglich die Abstimmung der Gelenkführung untereinander geübt ( Koordinationstraining ). Ergonomisch unsaubere und hastige Abfolgen nützen dann gar nichts.

Bei kleinen Gewichten liegt die Betonung stattdessen auf 20 bis 40 Wiederholungen in mehreren Sätzen mit Pausen von höchstens 1 Minute. Mit diesem Format wird die Energieverwertung in den Muskelzellen stark motiviert ( Kraft-Ausdauer-Training ). 

 

Geht es mehr um den Zuwachs vom Muskelquerschnitt, müssen die Muskeln voll belastbar und nicht durch reflexartige Verschaltungen der gelenkführenden Muskeln verzogen sein. Diese lahmen Muskeln sind gehemmt und benötigen kein Training, sondern Therapie. Sind die myofaszialen Dysfunktionen von selbst oder fachmännisch beseitigt, kann die Intensität in lediglich 8 bis 15 Wiederholungen schrittweise mit minütlichen Pausen gesteigert werden ( Muskelaufbau-Training ).

Um alle Fasern des Muskels zu erreichen, eignen sich 1 bis 3 Wiederholungen mit maximal tragbarem Widerstand in 3 bis 6 Sätzen und längeren Pausen von 5 Minuten. ( Schnellkraft-Training ). Weil kleine Fehler bei großen Lasten schon böse Folgen haben, ist diese Trainingsform nur etwas für Geübte.

Kaum sind die Kinder aus dem Haus,

wird das Leben zur Aufgabe. Das biologische und das gefühlte Alter widersprechen einander dann immer stärker. Ältere Menschen erleben so etwas wie Dauerstress, denn alles, was mit Geschwindigkeit zu tun hat, geht zurück. Sogar der Austausch der Zellen und die Arbeit ihrer Moleküle und Ionen. Aber Stress hat nur der, der seine Möglichkeiten nicht kennt. Zuerst kann man seine Ess- und Stressgewohnheiten ändern. Zuckerüberschuß und fehlende Flüssigkeit unterstützen das Enzündungsaltern im Bindegewebe. Mäßig, aber regelmäßige Bewegung nach vorn hilft schon enorm, um den örtliche Stoffwechsel anzuregen. Dagegen führt jede Überlast zu erhöhten Abbauprodukten, welche nicht abtransportiert werden. Zudem führt Zucker und salzreiches Essen zu einem niedrigem pH-Wert und damit zur Ausbreitung von übersäuertem Gewebe. Auch die eingeschränkte Atmung durch Dysfunktionen im Thorax und Zwerchfell spielt für die Übersäurung eine wenig beachtete, aber entscheidende Rolle. Niedrige Temperaturen fördern die Steifigkeit und Verklebung der Bindegewebe. Warme Schichten über der Haut können die thermischen Schadreize mindern. Hormone können die Stoffwechsellage und die Elastizität des Gewebes drastisch und schnell änderen. Der Ausgleich ist jedoch wegen der Schwankungen im Tag-Nacht-Rhythmus extrem schwer zu dosieren. Vorsicht: wie immer macht die Dosis das Gift. Da die Hormonbildung auch durch Zellen im Bindegewebe stattfindet, ist ihre Anregung durch aktive und passive Mobilisation das erste Mittel der Wahl.

Auch auf dieser Ebene beeinflusst uns nichts mehr, als derjenige, mit dem wir es gerade zu tun haben. Natürlich ist der langsame Muskelschwund im Alter eine Mitursache der allgemeinen Körperschwäche und braucht neben Proteinen auch den täglichen Parcour. Training ist die Simulation des Ernstfalls, indem man schleunigst so tut als ob. Der Ernstfall ist die stetige Schwerkraft und Vorsicht zur Abwehr. Die Entscheidung darüber fällt im Kopf. Wahr ist, dass Sport Spass machen muss, damit die Prozesse beschleunigt werden, wirklich egal, wie alt man gerade ist. Wer bisher ohne Eigenübungen ausgekommen ist, kann dieses nicht einfach durch einen Willensentschluss ändern. Zur freiwilligen Beschleunigung braucht es einen vitalen Antrieb, einen Affekt, also das gute Gefühl, um den freien Willen zur Bewegung zu wecken. Es gibt nämlich keinen vorgeformten Bewegungstrieb, der ähnlich antreibt, wie die Suche nach Nahrung oder Erhaltung der Art. Die Suche nach Befriedigung wird über die Echos früh geprägter Erfahrungen und das vorgeformte Talent zur kinästhetischen Sinnesleistung gesteuert. Der tiefe Drang zur Wiederholung entsteht durch Spass, Ausschüttung von Belohnungshormonen und dem daraus entstehenden starken Gefühl der Sicherheit und Kontrolle. Eine tatkräftige Bewegung an sich beseitigt keine schmerzhaft entzündlichen Stoffwechselvorgänge bei myofaszialen Dysfunktionen, belohnt jedoch die Anpassungsbemühungen durch Blutzufuhr und Abtransport am Ort. 

Wenn neue Fertigkeiten notwendig sind, erfolgt die optimale Anpassung der körperlichen Belastung als Leistung des gesamten Organismus samt Selbstmodell. Im zentralen Nervensystem einschließlich Rückenmark und den Gehirnarealen findet ebenso wie im peripheren Muskelskelett samt vegetativen und sensomotorischen Nervenkostüm ein minimaler Energieaufwand mit minimaler Fehlerquote statt. 

Erst sanieren,

dann trainieren. Die Frage, was man selbst tun oder geschehen lassen muss, um die myofaszialen Dysfunktionen zu beseitigen, ist verbunden mit dem Verständnis von ihren Vorgängen und Beweggründen. Es geht nicht darum, die Kraft zu trainieren, sondern den Stoffwechsel zu aktivieren und die Drosselung der lokalen Blutzufuhr aufzulösen. Jeder Aufwand lohnt, denn jede Bewegung nach vorn bringt die verlorengegangene Kontrolle über autonome Bewegungen zurück, zeitgleich mit dem Gefühl, sich sicher zu fühlen. Es kann dann kommen, was will, egal welchem Mist man sich gerade stellen muss. Machen Sie also, was sie wollen, Hauptsache es macht Spass.

Im Gerätepark passt man sich allerdings nur an die Geräte an, an sonst gar nichts. Erst selbstbestimmt, also ohne fremde Hilfe von Trainer, Ball, Gerät oder Zeitdruck das eigene Körpergewicht nach vorn zu bringen, wird Sport zum nützlichen Eigenwert. Vielseitige Übungen unter gleichzeitiger Wahrnehmung der eigenen Körperbewegung liegen auf dem Königsweg, egal ob man morgens ins Büro schwimmt, vormittags zügig zum Chef schleicht, mittags schnell aus dem Anzug hüpft, nachmittags die Treppen zur Krankengymnastik hochturnt oder abends bei anderen vorbeitanzt. Hauptsache man schläft nachts durch.

Die pauschale Empfehlung, aktiv zu bleiben und damit ein schmerzgehemmtes Muskelskelett zu belasten, ist genauso unsinnig, wie wie die Empfehlung, jede unnütze Bewegung zu vermeiden oder einseitig spezifisch zu trainieren, wenn der unspezifische asymmetrische Dysfunktionen durch komplexe neurophysiologische Mechanismen aufrecht erhalten werden.

Kosmetische Verfahren gehören aufgeklärt und sollten nicht als Ersatz für Bewegung und gute Ernährung herhalten. Schließlich haben wir es bei myofascialen Dysfunktionen mit allen möglichen Arten von Abwehrnechanismen, auch von Ängsten, Konflikten und Hemmungen zu tun. Beispielsweise nimmt uns die stereotype Anwendung von Botox oder anderen wirksamen Substanzen die Fähigkeit zum Lächeln. Andererseits braucht jeder operative Eingriff, unabhängig von den spezifischen Risiken, lange und schwierige Erholung. Kleine Korrekturen sind nicht falsch, wenn man dadurch das Gefühl erhält, besser aufzutreten.

Ein therapeutische Hierarchie verlangt grundsätzlich vor dem Training von Leistung eine wirksame Schmerzbekämpfung. Bei Strukturdefekten durch reparieren mit dem wirksamen Mittel der Wahl. Bei Funktionstörungen durch regulieren und integrieren der hemmenden Spannungsmechanismen. Die manuelle Mobilisation am Gelenk und im Gewebe hilft, die Aufmerksamkeit auf die verlorene muskuläre Ordnung zu lenken, Bewegungserfahrung zu sammeln und den nächsten Schritt daraus zu planen, bis das myofasziale Gewebe seine Gelenke wieder sicher führt. Sie werden es merken: danach ist das Muskelskelett wieder fähig, Leistung zu bringen. Mütze ab, vor der Natur.