Ein freier Rücken

kennt keinen Schmerz. Anders als tote Materie lenken lebendige Wesen ihre physiologischen Abläufe nicht gezielt, sondern regulieren und integrieren ihre Prozesse bis zum bestmöglichen Gleichgewicht, der Homöostase. Wir können willkürlich nichts daran ändern, sondern beschleunigen oder verlangsamen nur mit der Zeit unsere Prozesse im Raum, indem wir uns Situationen aussetzen, in denen die Dinge, unsere Vorgänge und Beweggründe, wie von selbst ablaufen.
Die wundersame Aktivierung von wenigen Molekülen im Genom einer Zelle ist die zentrale Steuerung am Lebensanfang. Daraus bildet sich ein komplexes Netzwerk aus Zellen und lotsende Instanz wird das Nervengeflecht. Der Säugling hängt damit von seiner Mutter ab und erfährt zusätzlich zu seinen Trieben wie Hunger und Durst noch Zuwendung und Anteilnahme. Ist sein Hungergefühl gestillt, beginnt er sofort mit Begreifen zwischen Wahrnehmen und Bewegen. Bleibt die Mutterbrust aus, hängt die weitere Entwicklung davon ab, wie er dieses Ereignis als Unlust aushält oder vermeiden will. Das Erkennen geht mit Hirnfunktionen einher und bildet den ersten Gedanken. Das Denken von Gedanken beginnt danach. Schließlich markiert das Erlöschen der Gehirnfunktion das Lebensende.
Über den Heilungswillen, Ihre Erwartungshaltung und über die Kopplung im Gehirn von Wahrnehmen und Bewegen, vom Geist zur bewussten Handlung, wissen wir nichts. An diese Situation muss man sich erst wieder herantasten und darüber reden. Das wird ein philosophisches Gespräch. Leider ist der Arzt kein Philosph mehr, wie früher. Er solle gefälligst bei seinen Organen bleiben und sich nicht in Gedanken verlieren.

Allerdings wissen wir inzwischen ganz genau, dass die Welt primär materiell energetisch aufgebaut ist, sowohl in zeitlicher als auch in ursächlicher Hinsicht. Allerdings bleibt für Menschen ein rein stoffliches Verhalten, nur in funkender Materie, unmöglich. Für uns existiert nur eine wirkliche Welt: die Welt des Denkens. Die Gedanken schaffen ihre eigenen Umgebungen, sie sind ohne physische Existenz und nicht materiell. Deshalb kommen wir um das Grübeln über die Beziehung des Menschen zur Natur nicht herum, denn wie kann ein geistiger Vorgang, der ohne Ausdehnung von Zeit und Raum ist, Einfluss nehmen auf etwas Materielles, wie dem Hirn?

1.      wenn im Ruderhaus eine geistige Instanz sitzt und nur bewusst Denkbares  wie Zweifel zulässt, muss ein mentaler Wunsch nach Gesundheit, Gott oder Hoffnung strikt getrennt sein von der körperlichen Substanz mit seinen  räumlich ausgedehnten Ereignissen, welche wir draußen in der atomaren  Umwelt dauernd wahrnehmen. Diese scharfe Linie zwischen Innen und Außen geht quer durch unseren Körper, den wir zwar wie alle anderen Dinge vermessen und vergleichen, aber nur selbst erleben können. Den Rückenschmerz anderer Leute erfahren wir nur, wenn diese uns ihre Empfindungen und Gedanken mitteilen. Der Facharzt überweist traditionell zum Psychologen mit seinem psychischem Apparat, wenn er in seinem Maschinenmodell nichts findet und umgekehrt. Das Psychische ist ein Parallelvorgang des Physischen und ebenfalls determiniert vom ersten Wahrnehmen und Aushalten an. Stur gilt das rationale Prinzip der Schuldzuweisung: der Rücken tut weh, weil der Nerv drückt, weil Muskeln zu schwach sind oder die Muskeln sind schwach, weil die Angst, Neurose oder Depression drückt.

2.   wenn wir geschlossen keinerlei Wirkung ohne eine feinste messbare Ursache zulassen, gelten nur die materiellen Naturgesetze. Wir finden nur deterministisch reduzierte Abläufe in greifbaren Dingen, wie Hanteln und Mutterbrust, als auch in Bazillen, krummen Buckeln und sonstigen Wirklichkeiten bis ins Unbewusste. Da geht es mit rechten Dingen zu und Ihre Wünsche bleiben außen vor. Die Welt ist ohnehin nur eine Illusion, gottlos veranstaltet von dem Gehirn. Über alle Ebenen hinweg, elegant und emergent, sind Wirkungen indirekt und auf der Stufe unterhalb ihrer Erscheinung noch nicht erkennbar. Auf alle Fälle lassen sich körperliche Prozesse nicht durch schnöde Gedanken vertreiben, denn schließlich ist ein geistiges Bewusstsein ohne ein aktives materielles Gehirn nicht denkbar. Die Welt ist ohnehin nur eine Illusion, gottlos veranstaltet von dem Gehirn.
Folglich gibt es keine psycho-somatischen Erkrankungen, weil es keine nicht-psycho-somatischen Krankheiten gibt. Der Therapeut wirke so lange empirisch auf das komplexe System ein, bis die Wirkung indirekt als biologische Antwort messbar etabliert ist.

3.      Ignoriert man so den Geist und betrachtet nur noch das Konstruktive im Gehirn verschwindet der Sinn. Menschsein ist ohne geistigen Sinn nicht denkbar. Gelingt es solchen unkörperlichen Halbdingen wie Schmerz, Schreck oder Atmosphäre fühlbare körperliche Reaktionen zu hinterlassen, obwohl sie weder dem Lustprinzip, noch den physikalischen Gesetzen von Masse und Energie folgen, müssen wir den physischen Abläufen mehr freien Willen verordnen. Der geistige Wunsch kann dann etwas bewirken und der psychosomatische Arzt kümmert sich um das Phänomen, fragt nach belastenden und stressenden Episoden hinter dem körperlichen Muster, weil die Erfahrung zeigt, dass heimliche Wünsche sich in körperlichen Reaktionen wiederspiegeln. Offenbar fallen in der Enge Ursache und Wirkung ganzheitlich zur bedeutsamen Situation am eigenen Leibe zusammen. Offenbar steht der Geist in Wechselwirkung mit seinem Körper und erscheint nur als anderer Aspekt desselben.   

 

Hat man das eine,
kann man das andere nicht haben. Es entstand eine höchst komplementäre Situation, in der sich, streng genommen, die Geister scheiden. Die Europäer folgten auf der Suche nach dem kleinsten Baustein dem dualen Weltbild ( zu 1.), trennten geistige von körperlichen Substanzen und forschten in den Laboren erfolgreich mit dem Modell einer körperlichen Maschine, denn sie merkten: aus Wissen wird Macht. Diese doppelte Weltsicht trennt wunderbar das Subjekt vom Objekt, die Qualität von Quantität, Gefühl von Vernunft und die Freiheit vom Vorherbestimmten. Diese Kultur hat den technischen Fortschritt erst ermöglicht. Sie isolierte die Phänomene und entzauberte die Welt von Feen, Geistern, Seelen, Göttern, nackt oder in weiß, und allem, was Leben besitzt. Beispielsweise gehört die Gewebetechnologie zu den aktuellsten Gebieten der Medizin. Die Züchtung neuer, gesunder Organe aus Körper- oder Stammzellen ermöglicht einen Supermarkt für menschliche Ersatzteile. Die Grenze des vertretbaren Bastelns bestimmt die geistige Kultur der Gesellschaft. Solange in ihrer Weltanschauung der Geist weiterlebt, wenn nach dem Fleisch langsam der Knochen zerfällt, hilft das duale Weltbild weiter und wir benutzen den Hirntod als finales Kriterium. Das hat praktische Gründe, denn ein Hirntod stellt die Abwesenheit des Geistes sicher, während die Organe noch weiterleben können. Ein Herztod allein erlaubt nicht so ohne weiteres die Transplantation, denn der Geist bleibt mit oder ohne künstliche Beatmung irgendwie existent und womöglich beurteilt weiterhin ein Jemand das Ganze in der Tiefe des Raumes.

Demgegenüber fällt den Materialisten (zu 3.) die Biotechnologie in den Schoß, denn eine Lebensgestaltung mit fremden Organen irritiert dieses irdische Weltbild nicht sonderlich. Noch unverblümter schallt es aus der theoretischen Physik herüber: es gäbe kein Geheimnis des Alten, Gott sei nicht notwendig und auch die Philosophie schon lange tot, gestorben an der eigenen Krankheit, der grotesken Überschätzung der Rolle des Geistes in der Weltgeschichte. Man solle das Geschwätz vom Vollkommenen nicht für Offenbarung halten, sondern sich an handfest Realem orientieren. Die Fragen des Universums seien ausschließlich in den Grenzen der Naturwissenschaft zu beantworten. Das Erleben ist eine Parallelveranstaltung von Reizsystemen des Gehirns und ein Spiel mit raschem Verteilungsmuster. Eigentlich sei es wichtiger, das Problem zu erkennen, als die Lösung zu finden, denn in der Physik kann man durchaus von Graden der Annäherung sprechen, ohne das man eine vollkommene Theorie hat. Man solle sich getrost den wirklich wichtigen Dingen im Leben zuwenden, Freunde suchen, Ideen austauschen, auf Partys gehen und alle Gelegenheiten für unvorhersehbare Ereignisse nutzen, wenn man die Welt wirklich verändern wolle. Schließlich sei das gesamte Universum auch aus dem Nichts, dem Vakuum entstanden, bis wir es den Behörden nach 13,7 Milliarden Jahren, im periodischen System der Elemente geordnet und den Hintergrund strahlend beäugt, einreichen konnten.
Derartig relativistischem Mythos des Fortschritts ausgesetzt, verlor Pabst Benedikt alle Energie. Er gab mit eigenen Worten und der letzten Botschaft auf, ihm schwinde sowohl die Kraft des Geistes, als auch die Kraft des Körpers. Aber, Gott sei Dank, hält es nicht nur der Glaube, sondern auch die Vernunft für unwahrscheinlich, ein menschliches Gehirn zu züchten. Obwohl die lebendige Natur mitsamt seinen Selbstheilungskräften inzwischen an solche Leute, die Gefühle beschreiben können, wie Poeten, Schamane und Gläubige zurückgegeben wurde. Der schillernden Dichtermeinung nach, baue sich der Geist den Körper zurecht. Der anderen Weimarer Fassung zufolge, forme sich das  Leben aus der unbewussten Kraft, der Gewalt, dem Vermögen, dem Streben und dem Trieb. Der dritte Naturbeobachter sieht die Wahrheit immer in der Minderheit, aber stärker als die Mehrheit. Die Minderheit werde nämlich immer von solchen gebildet, die wirklich eine Meinung haben, während die Stärke der Mehrheit illusorisch ist, gebildet von dem Haufen, der keine Meinung hat. Im nächsten Augenblick also, wenn sich die Minderheit als stärker erweist, da nimmt die Masse deren Meinung an. Da nun die Mehrheit, der Haufen, auf ihrer Seite steht, werde sie zum Geschwätz, während die Wahrheit wieder in einer neuen Minderheit liegt.

Beste Wünsche und freier Wille haben immer eine neuronale Maschinerie durchlaufen, deshalb kann ein Produkt eines Apparates nicht in der Lage sein, die Welt zu erklären, in der er als solcher vorkommt. Um Lebendiges zu erforschen, muss man sich tunlichst am Lebendigen beteiligen. Immerfort geht es um eine Einheit mit zwei Aussagen und jedes Mal, wenn die Grenze einer Version zu Greifen nah scheint, gibt es kein Durchkommen zur Kehrseite der Medaille. Das Wahrnehmen und Bewegen ist ein ständiges Erleben in der Drehtür: Nehmen wir uns drinnen geistig und bewusst wahr, sind wir unmerklich auf die andere Seite geraten und beobachten den feinst aufeinander abgestimmt agierenden Körper. Fassen wir uns körperlich bewegend bei den Händen, zieht es uns zurück in die geistig wahrnehmende Dimension. Das Wetterhäuschen stellt nicht grundlos auf der sonnigen Seite die sinnliche Wahrnehmung von Schönheit und Grazie im Symbol der Frau in den Vordergrund, während hinten schon der Mann mit aller logischen Konsequenz der bewegenden Verstandeswelt den geometrischen Raum betritt. Offensichtlich fällt es unserer christlichen Kultur leichter, die Fronten zu besetzen, als die Beziehungen zu erobern, auf die es dazwischen wirklich ankommt.

 

Der Deutsche denkt tief,
kommt trüb wieder hoch und hat dann wichtige Mitteilungen zu machen: Zwischen dem Körper und dem Geist gibt es noch den Leib! Der ist vom Körper zu trennen und besteht aus der spürbaren Dynamik, die weder Seele, noch sichtbarer Körper ist. Körper ist das Ding, worauf die Blicke der Leute zielen. Leib ist der Sachverhalt, dass ich es bin, was ich da spüre. Das Leibliche erhält Bodenhaftung in solchen Situationen, wenn der Mensch plötzlich einknickt, eine Schreckpause einlegt, weil er in der Gegenwart die Zukunft nicht weiß und die Vergangenheit nach ähnlichen Sachverhalten und Problemen absucht.
Wissen Sie, sprach verschmitzt das neue Phänomen, da gehen die Leute mit zwei Substanzen in das Haus und glauben, sie kämen mit einer einzigen wieder heraus. Stattdessen sind es drei, die Dritte ist die Brücke und betrifft alles, was sich in der Intuition und leibhaftigen Wirklichkeit darbietet. Alles ist hinzunehmen, als was es sich gibt. Es kommt nur darauf an, was wir gelten lassen.

Das betrifft jede Situation, die etwas zu sagen hat, die Bedeutung hat, mit dem Betrachter spricht und etwas zu verstehen gibt. Das mag in sich noch sehr diffus sein und man kann nicht genau sagen, was es meint. Man ahnt es nur und wird es nicht los, denn es besteht aus chaotisch mannigfaltigen Ereignissen, die noch nicht durchgängig feststehen, nur als Ganzes daherkommen und deren Eindruck trotzdem Beulen in der Seele hinterlassen. Diese Ganzheitlichkeit sollte schon thematisch oder zumindest atmosphärisch zusammenhängen und nach außen abgegrenzt sein, um nicht zu zerfließen. Ihre Bedeutung besteht aus vielen Eindrücken zu gleicher Zeit, während das  traditionsreiche Festkörpermodell als höchstes der Gefühle nur die Innenwelt nach außen projeziert. Diese Bunkermentalität übersieht solche Halbdinge, die etwas weg vom Körper, aber gegenseitig am eigenen Leibe erlebt, die Stimmungen und Atmosphären und die zentralsten Erfahrungen, die es gibt, die Angst und den Schmerz, ausmachen.

Buchstabieren Sie einmal " osteopathische Orthopädie" und vergleichen Sie die Zeit, die Sie dafür benötigen mit derjenigen, für den spontanen Eindruck  einer Situation, sei es einem ästhetischen Gebilde, einem durchdringenden Blick oder einer feinen Berührung der Härchen am Unterarm. Der Vergleich von Datenmengen im Gehirn gibt unserem Bauchgefühl einen anderen Stellenwert: Schätzungen zufolge treffen pro Sekunde im Gehirn ca. 10 Millionen Bits an Informationen ein und werden unbewusst verarbeitet. Demgegenüber kann die Vernunft bewusst nur 40 Bits pro Sekunde bewältigen.
Leider stirbt pro Sekunde eine Nervenzelle mit ihren Axonen und damit  wichtige Leitungsbahnen im Netzwerk der Kommunikation. Hat man sich früher gut vernetzt, bleibt später viel zu erinnern. Wenn nicht, bleibt so gut wie nichts. Unterwegs sammelt das Gehirn unentwegt Fakten um Fakten, legt sie als Informationen begeistert im Gedächtnis ab und verknüpft diese bei gefühltem Bedarf vernünftig zu Wissen für planvolles Handeln. Wenn der Zug um 10.15 abfährt, nutzt es nämlich nichts, darüber nur eine Meinung zu haben.
Wir teilen uns vier von fünf Gedächtnissysteme mit den Tieren. Erstens für   Prozeduren, die man einmal erlernt und nicht wieder vergisst. Mit etwas gutem Willen können auch Flöhe Fahrrad fahren. Sogar Kühe haben Erfahrung, ein intuitives praktisches Wissen und Fertigkeiten, die in Fleisch und Blut übergegangen sind und sich nicht in Sätzen auflisten lassen.In dem zweiten Gedächtnis rauben die geheimen Verführer des Alltags Ihre rare Ressource Aufmerksamkeit: zuerst legen sie eine banale Spur und beim nächsten Spot kommt einem der Inhalt irgendwie bekannt vor. Bis wir mehr über Waschmittel als von Philosophen gelernt haben.Die dritte Kapazität weist den Dingen, die da kommen, ihre Bedeutung zu. Kommt ein rotes Wasserbällchen aus Richtung Holland geflogen, erkennen wir den Begriff schon von weitem aus Erfahrung: rot und rund und Holland gleich Tomate! Auch seine Flugbahn ist berechenbar. Fliegt allerdings ein roter Vogel weg, wissen wir über seinen Bewegungsantrieb nichts.Das Gehirn speichert viertens alle Fakten über die Welt, die Bäume beim Gassi gehen, der Wasserstand im Fluss, den Sonnenaufgang zu Winter- und Sommerzeit. Wenn Sie spontan antworten müssen, wie hoch der Fujiyama ist, kommt Ihnen die Antwort „ 12365 Fuß hoch“, belanglos und nicht weiter merkwürdig vor. Wird Ihnen jedoch als Lösung erklärt, das Jahr habe 12 Monate und 365 Tage, werden Sie nie im Leben mehr vergessen, wie hoch dieser Vulkan ist.
Unsere fünfte Gedächtniskapazität ist unentwegt mit persönlichen Erlebnissen beschäftigt und erlaubt Zeitreisen über Brücken bis in unsere vergangenen Episoden, auch wenn wir uns diese nur ausgedacht haben.Stellen Sie sich einmal die Situation vor, wenn sämtliche Bilder von Ihrem letzten Urlaub in Ihrem Gedächtnis durch eine Pille gelöscht werden. Weder das positiv, noch das negativ Erlebte ist mehr verfügbar. Vermutlich hätten Sie keine große Lust, noch einmal dorthin zu fahren, denn alles, was wir davon behalten, ist die Erinnerung an eine Episode. Das biographische Gedächtnis lebt neben Geräuschen oder Gerüchen auch von Filmen und vor allem von der Emotion. Denken wir an den 11. September, wissen die Leute in den Industrieländern sogar ganz genau, wo sie waren und was sie taten, als die demütigende Nachricht sie ereilte. So wie Sie, waren wir alle von dem Kulturschock bleibend emotional betroffen. Nur die Tiere nicht.

 

In der Erinnerung
spielt die Art und Dauer eines Ablaufes keine Rolle. Allein zählt, welches Erlebnis übrig blieb, nicht vergessen wurde, weil es einen Höhepunkt hatte oder das angenehmere Ende fand. Der Ausweg über eine Lüge wäre doppelt anstrengend, weil Sie sich zusätzlich noch die Wahrheit merken müssen. Das Erinnern macht unsere Persönlichkeit aus und hält uns die Tiere vom Leib. Der Leib ist der ergänzte Körper und leiblich ist, wenn etwas auf uns zu kommt und uns wirklich nahe geht, wie ergreifende Gefühle, ein stechender Blick, bekannte Stimmen oder die Erinnerung daran. Wenn etwas außerhalb der fünf Sinne, etwas nicht gesehen, geschmeckt, gerochen, gehört oder getastet werden kann, jedoch leibliche Regungen auslöst, wie Schreck, Angst, Schmerz, Ekel, Behagen Müdigkeit, Frische, Fürchten, Hassen oder Lieben, findet eine leibliche Kommunikation statt. Man ist selbst oder mit Zuwendung an einen Partner zu einem Zeitpunkt von Spannung und Regungen betroffen und verbindet etwas damit. Denn alles, was wir tun und denken, wird von denjenigen beeinflusst, mit denen wir es gerade zu tun haben und früher zu tun hatten. Menschen haben die längste Kindheitsperiode im Tierreich und unser Gehirn ist sehr plastisch. Es merkt sich besonders das genau, was in der Kindheit und Jugend stimuliert wurde.

Das Gedächtnis ist zwar auf Nervenleitungen automatisiert, aber nicht digitalisiert wie ein Computer. Unsere Kompetenzmaschine verfügt über keine Programme, öffnet keine Tore für 1 oder 0, für Ja oder Nein-Entscheidungen, für Gut oder Böse, sondern verkabelt sich jedes Mal neu, wenn wir etwas lernen. Bei jedem neuen Augenblick wird die Stärke der elektrischen Bahnen verändert. Deshalb sind schlechte Gewohnheiten so tief verstrickt, obwohl vernünftige Gedanken parallel wie Flummy-Bälle im Großhirn herumhüpfen und von unserem flachen Leben mit einfachen Zuckerlösungen Genaueres wissen müssten. Im Gegensatz zu Emotionen wird Schmerz nicht vergessen oder stumpft nicht ab, sondern korrespondiert mit der Fähigkeit zur plastischen Veränderung auf den Nervenbahnen. Sensibel wie er ist, versuche sich der Leib zu schützen, indem er alte, womöglich frühe Erfahrungen verwertet und durch vorweggenommene Anspannung, Einkrümmung, Schonhaltung bis hin zur Musterbildung vermeintlich gefährliche Situationen vermeiden will.
Man könnte dieses Schmerzverhalten als ein Versuch betrachten, sich gegenüber der mobilen Umwelt abzugrenzen, mit der eigenen Identität abzugleichen und sich selbst, letztlich aus taktischen Gründen, anzupassen. Ist eine Bahnung physiologisch etabliert, sind die Impulse nicht mehr an tatsächliche Verletzungen des Organismus gebunden. Der Phantomschmerz ist ein geprüftes Beispiel der Existenz einer zentral gebahnten Erinnerung.In diesem biologisch nachvollziehbarem Lernprozess liegt das Verständnis von chronischen Schmerzreizen. Das Signal betrifft eben nicht den Feind von außen, nicht das periphere Gewebe, nicht da, wo es weh tut, sondern wohnt in der Gegend des Körpers, am eigenen Leibe, im eigenen Verhalten selbst.     

Manchmal ist es viel angenehmer, ein bisschen gleichgültiger zu sein, um Erinnern und Vergessen in der Waage zu halten. Manchmal entstehen überraschende Krisen, wenn Erinnerungen und Meinungen von heute stur in die Zukunft extrapoliert werden. Spontane Ereignisse, also diejenigen, welche den Verlauf der Wirklichkeiten nachhaltig ändern, bleiben gänzlich unvorhersehbar. Das fördert den Stress und allostatische Lasten, schädigt Neurone substantiell, bis eigene Episoden vergessen werden und Depression oder Demenz eintritt. Allerdings liegt hier die Chance für nachhaltige Veränderung, denn es existiert ein physiologischer Ort mit Koordinaten.Einen starken Hinweis auf die Illusion zu wissen, was sich eigentlich abspielt, gibt das Gummihand-Experiment: Werden gleichzeitig die abgedeckte eigene Hand und eine entsprechende Nachbildung vor sich mit einem Pinsel berührt, sehen Sie die Berührung der Gummihand und spüren die Berührung des eigenen Armes. Nach einigen Minuten ist das Gefühl zum Gummiarm übergegangen. Ein Teil der physischen Welt sei dahin umgezogen. So radikal spricht heute die Neurowissenschaft, immerhin ein Bündnis von Medizin, Psychologie und Biologie. Gegenstand der Hirnforschung ist der Zusammenhang zwischen dem Innenerleben und der Außenperspektive, dem Ich-Erleben und Gehirnfunktionen.
Wenn Sie also Ihr Erleben oder Verhalten bessern wollen, dann geht es um die Veränderung in den Neuronen im Kopf. Das verführt zu Überlegungen, ob man wirklich alle Handlungen selbst ausführen sollte und ob es nicht schon reicht, die relevanten Neuronen zu stimulieren. Dann ist die Nuance, die Vorstellung, die Atmosphäre, der Blick, die Fokussierung, das was einen betrifft und betroffen macht, der flüchtige Kontakt, völlig ausreichend, um einen Handlungswillen zu platzieren.
Anders ausgedrückt: Der Prozess der Heilung muss damit nicht unbedingt von der eigentlichen Maßnahme ausgehen, sondern kann das Ergebnis der darauf folgenden körperlichen Selbstregulation sein. Ein selbstorganisierender Prozess von Bremsen oder Beschleunigen, der mit Ihrer unbewussten Erwartung korreliert, von der wir so wenig wissen.

 

 

Die Gegenwart
lässt sich ihr Recht nicht rauben und der Augenblick kann alles ändern: Wer auf glattem Parkett ausrutscht und gerade eben, durch geschicktes Ausweichen, dem Sturz entkommt, hat die Bedeutungen mit einem Schlag am eigenen Leibe ganzheitlich erfasst. Er nutzt spontan den Vorrat seiner bisherigen Erlebnisse und holt die passenden Muster blind, aber treffsicher heraus. Er kann sich in seiner Umwelt behaupten, indem er blitzschnell den Sachverhalt versteht, Wirklichkeiten rekonstruiert, wenn auch nur durch probierendes Tasten und Humpeln, bis das Problem bewältigt ist und alte Programme wieder starten. Ist jedoch eine Situation völlig neu, ohne jegliche Vorerfahrung, fällt er zurück in die primitive Gegenwart, auf das Niveau eines Säuglings. Vergleichbar dem Insekt, das gegen das Fenster fliegt, weil ihm der Zustand des Glases völlig fremd ist. In dieser Situation ist er spürbar am eigenen Leibe betroffen und der vitale Antrieb in die Enge extrem gedrückt.
Wo immer jemand in Not ist, wendet man sich entweder zu oder durch Unaufmerksamkeit ab. Wendet man sich zu, entsteht ein neuer Raum der Gegenseitigkeit, wo vage Vermutungen und Ahnungen anstelle präziser Erörterungen vorherrschen. Hier macht der Ton die Musik und nur die Zukunft kann zeigen, wie das, was jetzt ansteht, wird. Man nennt das Psychologie.

Stress, Angst und Niedergeschlagenheit sind die größten Energieräuber und Entzündungsmakler. Maßgeblich für die dauerhafte Entzündung der Gewebe ist die persönliche Biographie, ererbte Faktoren unserer Kultur und frühe demütigende oder stressige Erfahrungen, also der gesamte bio-psycho-soziale Migrationshintergrund auf Ihrer Wanderung zwischen den Welten. So sieht das heutige Verständnis vom Schmerz zwar physiologisch messbar alarmierte Zellen des Bindegewebes, aber vor allem einen phänomenologischen Einfluss der Wahrnehmung auf die Chronifizierung.
Krank-Sein mit all dieser physischen Anspannung kommt aus dem Gefühl heraus. Wir bestimmen, ob eine Situation gut oder schlecht für uns ist. Ein Lob nützt nichts, ohne die Ausschüttung von Hormonen und das Verhalten und Erleben hält noch lange nach einem Ereignis an. Manchmal ist man zur Salzsäule erstarrt, vor Angst wie gelähmt, die Wirbelsäule verspannt vor einer drohenden oder vermeintlichen Katastrophe. Wir kennen die Schreck-pause, wenn wir umknicken, uns jemand die Vorfahrt nimmt oder schon hinten angeprallt ist. Niemand kann die Trauerzeit verkürzen, niemand die Zeit von Schmetterlingen im Bauch verlängern. Die Wahrnehmung bleibt die Basis für bewertende Körperreaktionen.

Natürlich kann ein Arzt die tastbaren Informationen über das verzerrte Gewebe da drinnen mit dem in Verbindung zu bringen, was wissenschaftlich über Nervenimpulse und deren Modulation bekannt und geklärt ist. Natürlich büßt die medizinische Welt ihren sinnlichen und leibhaftigen Charakter ein und der Gestaltkreis von Wahrnehmung und Bewegung reduziert sich auf einen Knopfdruck oder die Maustaste. Allerdings treten Symptome, Befunde und Verlaufsdaten mit Diagnose-Algorithmen, Checklisten und Therapieschemata der Fachgesellschaften an die Stelle persönlicher Erfahrung und werden das Gegenteil von medizinischer Kunst.
Etwas ganz anderes als das Sammeln von Daten und Erforschen von Kausal-Zusammenhängen wächst aus der Einschmelzung von Erlebnissen in ein leibliches Wissen. Es geht um jenes Talent, was nicht gelehrt, sondern geübt sein will, was erlaubt, komplexe Situationen ganzheitlich in seiner Färbung, Stimmung, Atmosphäre und Bedeutsamkeit zu erfassen.
Das Gefühl, vom Schmerz selbst, hier und jetzt betroffen und in die Enge getrieben zu sein, so unwillkürlich und unbewusst dieses auch sein mag, ist kein privater Seelenzustand, sondern wie eine Atmosphäre evident. Damit reif und objektiv im Sinne einer natürlichen Urteilskraft.

 

 

Allein das Körpergefühl
vermag eine undurchsichtige, nicht in allen Ebenen mess- und erkennbare Lage durchschauen. Diesen Mutterwitz aller Wahrnehmungen kann keine Lehre ersetzen, denn er erkennt in der Gesamt-gestalt das Wesentliche und Charakteristische, was sich gerade in der Krise bewährt. Sie können sich zwar selbst da heraushelfen und beüben, aber leider nicht selbst behandeln, weil Sie sich nicht selbst kitzeln können. Der Grund liegt in der Vorhersage. Ihr Gehirn kann vorhersagen, was Sie gleich fühlen werden, wenn es die Kommandos an die Fingermuskulatur losschickt, welche die Empfindung der Nuance auslösen. Die Reaktion im Gehirn wird unterdrückt, wenn es sich um Eigenbewegungen handelt.

Die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass ein im Umgang mit Menschen erfahrener Arzt mit einem Blick die Situation in Gestalt der Haltung eines Depressiven, Ängstlichen oder Gestressten miterkennt. Nach vielen Begegnungen spürt er ähnliche Muster, Fehlpositionen und Konsistenz der Gewebe  am eigenen Leib und vermag ohne Überlegung darauf zu reagieren. Mit der Erfahrung wuchs der Sinn für das Ähnliche und kann daraus das Gefühl für die Konstellation, die Krankheitsphase und den richtigen Zeitpunkt zum Handeln schöpfen.
Wer vermag denn ohne Erfahrung unterscheiden, ob Dysfunktionen auf biomechanischer Einwirkung beruht und traumatische Energie noch in den bindegewebigen Faszien gespeichert schlummert, ob neurologisch das autonome Nervensystem noch unbewusst den Funktionsverlust steuert, ob das Gewebe den Blut und Lymphfluss komprimiert, wie hoch der Anteil der niederfrequenten Schwingungsfelder ist oder ob der bio-psycho-soziale Hintergrund die Fäden am Dilemma zieht.    
Studien mit Londoner Taxifahrern, Geigenspielern oder Blindenschrift-Lesern zeigten die Zunahme von messbaren Volumen in solchen Gehirnarealen, welche mit der Feinmotorik, der räumlichen Orientierung und sensorischen Leistungen assoziiert sind. Erfahrung formt das Gehirn, schafft neue Synapsen, längere Axone, aktivere Gliazellen, einsprießende Blutgefäße sowie Bildung neuer Neurone in Abhängigkeit von wacher Aufmerksamkeit, empathischer Zuwendung und emotioneller Motivation.  
An körperlicher Anstrengung interessierte Menschen, wie Sportler oder Tänzer bekommen frühzeitig Selbstzucht und Reiter zusätzlich Achtung vor der Kreatur eingeimpft. Eine Dressur ist mehr als bewusste Wahrnehmung von Schritt, Trab oder Galopp, nämlich die Aufnahme, Weiterleitung und Verarbeitung von Sinnesempfindungen und ein bleibend messbarer neurobiologischer Prozess bei Reiter und Pferd. Die Tiefensensibilität orientiert sich über Bewegung und Lage des eigenen Körpers im Raum. Im Abgleich mit dem Scherengitter der Faszienhüllen und dem Labyrinth der Gleichgewichtsorgane. Die Eigenwahrnehmung von Organtätigkeiten ist noch subtiler. Das unbewusste, Perzeption genannte Gespür von Berührung, Rhythmus und Pulsation wird von beiden, Mensch und Tier gleichermaßen zentral verarbeitet und in Bewegungsimpulse gestaltend umgesetzt.

Auch der Tastsinn der Hand verfeinert sich durch ständigen Gebrauch und löst vegetative Rückkopplungen im Gehirn des Behandlers aus. Unvorstellbar schnell gelingt Geübten ein unbewusster Abgleich des Spannungszustandes Ihres Organismus mit den eigenen biographischen Gedächtnisinhalten. Je größer das Unwissen von einem komplexen Prozess ist, umso mehr entsteht das, was wir als Intuition bezeichnen. Viele Studien von Sportlern demonstrieren, dass gerade bei erfahrenen Profis unter Zeitdruck die volle Kompetenz auftaucht und wie beim Leibhaftigen zum richtigen Resultat führt. Intuition ist ererbte Gabe und die Summe der unbewussten Erfahrungen, deswegen wird Intuition in der Nachahmung zum Betrug. Man kann sie nicht lehren und sprechen sollte man vom Lehrbaren. Damit ist Intuition keine Haltung, innerhalb derer die ärztliche Aufgabe, das Verstehen des kranken Menschen, lösbar ist. Aber Intuition hilft, sich mit dem Tastsinn ein eindrucksvolles Bild vom wirklichen Zustand des Patienten zu machen. Um so intensiver, wenn kurz die kritische Qualität und spezifische Erfahrung im Bewusstsein erscheint, ohne lange darüber nachzudenken.

Gleichzeitig motiviert die erfahrene Hand zunächst beschleunigend oder bremsend das Potential der Selbstregulation, um einen effektiven Austausch im Tagestank der Flüssigkeiten untereinander zu bewirken. Dabei behält der Facharzt die grundlegenden Fakten seines Fachgebietes im Auge, zusammen mit den besonderen Problemen, die ein Patient mit sich bringt. Er übernimmt nicht die Verlaufskontrolle über Therapien mit Medikamenten oder technischen Eingriffen, sondern agiert als Mediator, als Mittler ohne eigene Absichten. Fokussiert horchend, was das Gewebe vorhat, bis es sich selbst befreit und in die alte, gesunde Position zurückkehrt. Sodann beginnen die Bänder einen Monate langen Heilprozess. 

Osteopathische Manipulation ist keine Knochenarbeit, denn das Bindegewebe ist der Platz, nach den Vorboten der Krankheiten zu sehen und mit der Arbeit zu beginnen. Der Füllungszustand dieses Milieus hängt von der Tagesform und stofflichen Beschaffenheit der Trias des Nerven-, Immun- und Hormonsystems ab. Seine Netze ziehen Organe aus der Position und drosseln Gefäße und Gewebeflüssigkeit bis hinunter zur Zelle. Das begünstigt die Infiltration von biochemischen Stoffen mit der Folge eines dauerhaft entzündlichen Zustandes der Gewebe. Das wiederum drückt sich in vermehrtem Schmerzempfinden, Fehlregulation von Motorik, Sekretion und Hormonen sowie Änderung der Gewebekonsistenz von der Haut bis in tiefere Bindegewebsschichten aus.

 

 

Die manuelle Diagnostik
und Therapie ist sehr subjektiv geprägt und das ist gut so. Deshalb sind die Ergebnisse nicht voraussagbar, aber keine Illusion. Zwischen den wissen-schaftlichen und spirituellen Vorstellungen gibt es immer noch zwei Denkrichtungen:
Die Manipulierer verkörpern die wissenschaftliche Solidität, den logischen Verstand und die systematische Suche nach objektiven Beweisen. Sie haben ein Behandlungskonzept (top down), suchen gezielt Organe auf und erzeugen eine neue körperliche Situation (bottom up). Sie deblockieren Gelenke, entspannen Faszien von Traumata, lösen ihre Verklebungen, öffnen die Diaphragmen und bringen mit ihren Techniken den Fluss in das Gewebe zurück. Ihre goldene Regel lautet „ find it, fix it and leave it alone!“. Als Bezahlung nehmen sie alles: Geld, eine Torte oder fette Gans.
Demgegenüber entdecken die Heiler das Denken, Handeln und Wirken. Sie nehmen das, als was es sich gibt, denn Leben findet im vorwissenschaftlichen Raum statt. Sie stellen das unlösbare Problem, die Lücke zwischen Körper und Seele, zwischen Gehirn und Geist, an den Anfang ihrer Behandlung. Sie suchen einerseits die Englein auf der Nadelspitze und sind zugleich offen für physiologische Argumente und anatomisches Wissen. Sie lenken eine fluide Energie, eine unsichtbare Realität, bleiben absichtslos und forcieren nichts. Sie fragen das Gewebe mit ihren denkenden Fingern und bitten fast demütig um die Antwort der Selbstheilung. Mit der bescheidenen, höflichen und harmlosen Technik fokussieren sie ein Potential der Natur, die tiefste Substanz der Seele, wie die Atemluft notwendig und ebenso kostenlos. Wie könnte man Geld dafür verlangen?
Beide beschränken sich nicht auf traditionelle Raster, sondern betonen die Bedeutung von Gefühlen für ihre Entscheidungen. Dafür loten sie ihre Sinnesempfindungen aus, um einen Eindruck vom Ganzen zu gewinnen. Beide bemerken und bewirken, stutzen und überwinden, bis sich eine verfeinerte Wahrnehmung und geübtes Handeln wie von selbst einstellt. Die einen in räumlicher Geographie, die anderen als Ereignis in Raum und Zeit. Beide sind reich an Nuancen, ähnlich erlebten Situationen und empfinden so manche unzerlegbaren Einheiten. Beide suchen eine Schlüssel-Läsion im Ganzen: die einen als key-lesion in einer Summe der Vielheit von Körpergeweben, die anderen den Passungsverlust der Gesamtheit von Beziehungen mit ihrer Umgebung.

Die einen begreifen den Körper und könnten auch das Fasziengerüst der Tiere behandeln. Sie haben eine dreigliedrige Vorstellung und wirken ursächlich ein, bis die Wirkung in einer Körperreaktion erscheint, mit den Organsystemen als Zwischenglied. Ihre Vorstellung von Ganzheit betrifft das System mit den Ebenen der Gewebe.
Die anderen bemerken den Leib und könnten Tiere nur soweit behandeln, als  denen Bewusstsein zuzubilligen ist. Sie haben eine zweigliedrige Vorstellung, in dem Ursache und Wirkung auf einen Punkt zusammenfällt, weil das Bündel der Eindrücke in einer bedeutenden Situation nicht zerlegbar ist. Für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft konstruieren sie den Leib als die virtuelle Plattform einer Ganzheitlichkeit, auf der Gefühlssätze zwischen Körper und Geist ihren Ort haben.
Die spezifische Methode des Vorgehens scheint nicht entscheidend zu sein. Legt man für die Gestaltung die einander vertretbaren Zustände des Wahrnehmen und Bewegen zugrunde, tritt das Wirkliche mal in dem einen objektiven Raum hinaus und erscheint mal in der anderen subjektiven Räumlichkeit der Dauer. In einer Drehtür sehe ich das Innere des Hauses nur, wenn ich hineingehe, was ich nicht mehr sehe, wenn ich hinausgehe.  Entscheidend ist die Einführung des Subjekts in seiner Gegenwart, im hier, jetzt und ich, während der Behandlung.

Nichts scheint objektiver, als die Einigkeit zweier Subjekte in einer Situation. Leibliche Kommunikation wird als Übersetzung des Wahrgenommenen in leibliche Regungen begriffen. Diese Abstraktion beschäftigt sich mit der Übertragbarkeit dessen, was sich zwischen zwei Menschen abspielt, wenn die Spiegelneurone ihre Arbeit erledigt haben und es zum zweiten Termin kommt. Solche Instanz schwingt entschieden engagierter mit als physiologische Zell-Substrate für imitierte Handlungen. Der Mensch behält seinen freien Willen und kann nach Belieben zurückschrecken, je nach Situation, Befinden oder Betroffenheit. Allerdings findet Wahrnehmung wohl ausschließlich in einem Organ namens Gehirn statt. Darin wird simultan ein perfektes Bild von der Welt konstruiert und darin gleicht das bewusste Leben einem Tunnel. Darin sieht man nicht, was wirklich ist, sondern was das Gehirn glaubt, es sei so da. Die Wirklichkeit verlasse das Gehirn überhaupt nicht.

 

 

Bei mehr Licht
betrachtet, finden sich darin zwar jede Menge elektrische Ströme und chemische Moleküle, aber weder medizinische Vokabeln, noch Messwerte über Rückenmuskel oder andere Mangelfiktionen. Leider ist eine bewusste Wahrnehmung nur ein Korrelat, ohne eigenes anatomisches Substrat. Deshalb kann man es elegant, emergent oder systematisch drehen und wenden, wie man will: zwischen Gehirn und Bewusstsein besteht keinerlei kausale Beziehung, obwohl Aktivität in den Gehirnzellen eine Bedingung ist, die nicht hinweggedacht werden kann, ohne das jegliche Wahrnehmung und mögliche Bewegung entfiele. Man kann zwar sehen, dass an etwas Bestimmtes gedacht wird, aber niemals, was gedacht wird. Wer einen Motor versteht und vorhersagen kann, wie er funktioniert, darf weder den Erbauer als Auto,  noch das Phänomen des Fahrens als Ursache für die Leistung des Motors sehen.

Wenn schon in einem einzigen Objekt kategorisch andere Zustände herrschen, wie können dann zwei Subjekte vom Gleichen reden, träumen oder Bedingungen schaffen, die eine Veränderung bewirken? Hier wird die Theorie sehr pragmatisch und wieder sympathisch, was wiederum  das Herz erfreut, leibliche Regungen erzeugt und den Puls beschleunigt: Man darf es bei Annäherungen belassen, denn wenn es schon in der toten Materie keine einheitliche Theorie gibt, wird sich auch die Lücke zwischen Geist und Körper eines Gefühlsmenschen nicht schließen lassen. Hauptsache, man steigert sich und lernt rechtzeitig zu trennen. In diesem Prinzip von Erkenntniszuwachs sind sich die neuen Physiker mit alten Dichtern, herzlosen Mathematikern und distanzierten Ärzten einig.
Die Religion bleibt, wie gewünscht, außen vor. Zwar setzt der Gläubige ebenfalls auf resonantes Verstehen, denn er ist berührt und antwortet auf seine Weise, aber er möchte nichts bewirken, nicht wachsen und nicht ändern, sondern den Menschen so lassen, wie er gedacht ist.
Aber was geschieht, wenn er die Fassung verliert, vom Schreck wie ein Blitz getroffen und in der Enge des Leibes hockt, bloß, ohne das Kleid der Orientierung. Dann, in dieser seiner primitiven Gegenwart, könne sich ein wacher Mensch nicht in seinen fünf Dimensionen, vom Hier zur Weite, vom Jetzt zur Dauer, vom Sein zum Nichtsein, von der Identität zur Verschiedenheit und vom Eigenen zum Fremden entfalten. Tiere, Säuglinge, Idioten und erwachsende Personen führen so ein Leben, in dem sie aus der Benommenheit eines träge fließenden Stromes plötzlich herausfallen. Dann ist es für Physiker, Ärzte, Juristen, Politiker, Ökonomen und andere Reduktionisten an der Zeit zu begreifen, was Wasser, was Milieu, was Umwelt, bedeutet. 

Der ärztliche Kontakt im Behandlungszimmer ist der entscheidende Moment der Gegenseitigkeit unter Fremden. Es geht nicht um ein Geschäft mit stummem Tausch und es ist besonders schwer, Eigenschaften des Lebendigen in Worte zu fassen. Deshalb kramt der Arzt in seinem Wortschatz, um einigermaßen reell als Vermittler von Heilung einerseits und Nutznießer der Krankheit andererseits, ein durchdachtes Verhalten zu bieten. Kavalierstugenden von enthusiastischen Recken mit omnipotenter Autorität verflachen auf Dauer, vermengen fremde Bestandteile oder werden Aberglaube. Aber nachhaltige Entscheidungen sind allein vom Charisma nicht zu leisten. Die seriöse Objektivität verlangt den Nachweis empirisch gesammelter Belege, auch auf die Gefahr von Interessendominanz, Verzopfung oder Pedanterie in den Behandlungsrichtlinien der Institutionen. Leider wird der wahnhafte Besitz der Realität im wissenschaftlichen Modell zu billigend in Kauf genommen, obwohl die abstrakte Sachvorstellung des lebendigen Wesens bekanntermaßen eine unerwünschte Ähnlichkeit mit der Arbeitsweise der Schizophrenen hat.

In der Dunkelzone der Kopplung zwischen Physiologie und Psychologie ist das Denken in Begriffen besonders problematisch. Die E-Wörter, Emergenz, Elektron, Entropie, Empirie, Evidenz, Emotion und Evolution lassen zwischen Körper und Geist keinen Raum und führen den Menschen stur aus seiner Natur heraus.
Der Patient sucht mit seinen beiden empfangsbereiten Augen den Arzt, weil sein bewusstes Auge für die Selbstbetrachtung schlecht geeignet ist und er auf seinem unbewussten Auge nur verschwommen sieht oder blind ist.
Die emotionelle Erfahrung ist wie eine Sinneserfahrung der Vorläufer von Gedanken. Erst dann beginnt das Denken der Gedanken mit Namen, Begriffen,  Theorien und Denkmodellen. Alles Vorgänge, die sich im Behandelnden ereignen,   die die Gefahr vorschneller Deutungen beinhalten und von Vorlieben und Abneigungen umgarnt sind.

Deshalb kann man nicht einfach nur hingehen und irgendwelche Manipulationen am Gewebe vornehmen. Für die Suche nach dem Ort, wo man stutzt, weil es hakt, den man selbst am eigenen Leibe spürt, braucht es mehr Substanz: Die unbedingte Bereitschaft, sich von mechanischen Denkmustern freizuhalten, die Erfahrung in kritischer Sensibilität und die absichtslose Aufmerksamkeit beim Horchen auf die physiologische Anatomie. Es gehört zu dem bewährten Suchverhalten nach der Gesundheit theoretische Überlegungen und Konzepte während des Horchens zu verschieben und das Urteil in der Schwebe zu halten, bis genug Evidenz für einen Zusammenhang erscheint. Diese Bereitschaft von Arzt und Patient ist jedes Mal Ausgangspunkt der Behandlung und eine völlig andere Kommunikation, als die den üblichen chirurgisch technischen und pharmakologischen Wissensvorsprung abzugleichen. Dadurch wird die Entwicklung des Denkens über den bloßen Zusammenhang hinaus, das eigentlich Ganzheitliche des Vorgehens, nämlich das Übersetzen des Tastgefühls in Gedanken, nachdrücklich hervorgehoben. Diese Offenheit schafft den Raum für die Bildung neuer emotionaler Erfahrung,  neuer Gedanken, neues Denken, für die gewünschte Veränderung auf dem Boden medizinischer Erfahrungen.  

Es gibt in komplexen Systemen immer unbeweisbare Aussagen und nicht jeder mathematische Satz kann formal abgeleitet werden. Auch der Satz „ dieser Satz ist falsch“ ist in sich ein Widerspruch. Folglich können Ereignisse, sowohl im Geistigen wie im Körperlichen, nicht endgültig, über ein gewisses Maß hinaus, von Menschen als Teil des körperlichen Umwelt, vorhergesagt werden. Vielleicht gibt es gar keine vollständige Theorie und die Frage gleicht tatsächlich derjenigen, wie viel Englein auf einer Nadelspitze Platz haben. Vielleicht gibt es nur Folgen von Theorien, die von Mal zu Mal genauer beschreiben. Vielleicht gibt es doch ein Geheimnis des Alten, denn irgendwie ist es beruhigend zu wissen, dass es weder mathematisch noch logisch eine endgültige Widerspruchsfreiheit geben kann. Es werde immer Aussagen geben, die weder bewiesen, noch widerlegt werden können. So ist zwar erkennbar, dass in Nervenzellen des Gehirns etwas gedacht wird, aber niemals gewiss, was gedacht wird. Welche Idee den Einfluss auf unsere körperliche Materie nimmt, bleibt unbestimmt und damit indirekt.

Erfahrungsgemäß nutzt der evolutionäre Prozess bewährte Muster und wenn man sih richtig erinnert waren die Körper vor dem Geist da. Also war die Umwelt war vor uns da und wird nach uns da sein. Wir sind da hineingewachsen und suchen mit nach den Gesetzen und Regeln. Deshalb soll der entscheidende Gedanke hier sein, diese Kalamität an die Spitze zu stellen, sozusagen als axiomatische Forderung:
Es soll das gar nicht geben, wir sollen den Geist nicht vom Körper unterscheiden! Wir sollen beide Ansichten, das unbewusste im Geist und das bewusste im Körper als Axiom fordern und damit die Schwierigkeit zum Ausgangspunkt machen. Wir sollen die Wechselwirkung, die Beziehung zwischen abstraktem Denken und gefühlter Erfahrung, an den Anfang jeder Einsicht für die Behandlung stellen. Solange weder die körperliche Maschine noch der psychische Apparat erkennbar isoliert defekt ist, ist der Patient als phänomenale Einheit zu betrachten und dasjenige gilt, als was er sich gibt. Dabei spielen der Gewebefluss und die bindegewebigen Hüllen eine Schlüsselrolle, weil dort das physiologische Geschehen seine Spuren und Eindrücke hinterlassen und dort die Rahmenbedingungen für die Anpassung an die Umwelt stattfinden.

Wir hatten derartige Lösungen, nämlich den Beobachter in die Beschreibung des Systems mit einzubeziehen, schon in der neuen Physik. Die entscheidende Kritik an dem mechanischen Gesetzmäßigkeiten betraf die absolute Gleichzeitigkeit der Ereignisse. Danach müsste es Geist geben und Körper oder nur Materielles. Als wenn es das Unbewusste des Arztes, seine Erfahrung und Intuition, für das Unbewusste des Patienten nicht gäbe. Und wir spüren es schon: unsere theoretische Diagnose in Form von linear kausal-gesetzlichen oder chaotischen Prozessen und ihre plausible Deutungszuweisung unserer westlichen Kultur reicht zum Verstehen der Summe über alle Lebensgeschichten, der eigenen Wirklichkeit ohne objektiven Bezug, des autobiographischen Gedächtnisses und der sichtbar bewertenden Körperreaktionen nicht aus. Auch der Denkstil mit pragmatischem Nutzen der Ähnlichkeiten von Phänomenen, wie Homöopathie und Yin-Yang-Monade ist mit unserem Axiom des Determinismus nicht kompatibel. Dazu wissen und wollen wir theoretisch zu viel.

Die Zeit der Götter und Dämonen mit den übernatürlichen Kräften ist auch vorbei. Wir hatten Zeit genug für Erkenntnis von Evolution, Elektron und Emergenz. Nun wird es wieder Zeit für natürliche Kräfte, für Erfahrung, Erinnerung und Empfinden. Es geht um Nuancen und dichter dran geht es kaum. Unsere eigene Natur hat Geschichte und ist von kleinen Schwankungen beeinflussbar. Geschichten steuern die Wirklichkeit und der Weg ist nicht bestimmt. Das Prinzip Heilung beruht auf Geschichten mit anderen Möglichkeiten. Die Natur vereint nicht und entwickelt nicht. Das Ziel ist, Geschichten anders zu erzählen. Die Natur ist kreativ, sie kombiniert und nach der Krise entsteht etwas Neues.